Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 9. Zürich, 1749.

Bild:
<< vorherige Seite


Von dem Zustande der deutschen
Poesie bey Ankunft Martin Opitzens.

JCh habe die deutsche Poesie des sechszehn-
den Jahrhunderts in ihrem schönsten Lichte
vorgestellet, so wie selbige in Sebastian
Brands und Johann Fischarts Gedichten ausge-
sehen hat, wann man die Augen von den zusammen-
geschränckten Wörtern, und dem holperichten
Sylbenmasse abwendet. Diese beyde sind in dem
innerlichen Wesen der Poesie von niemandem ih-
res Welt-Alters übertroffen worden; ich rede von
denen, welche sich durch eigene Schrifften einen
Nahmen gemachet haben, der Reinicke Fuchs,
der Froschmäuseler, der Mücken- und Ameissen-
Krieg kommen hier in keine Rechnung, weil sie
blosse Uebersetzungen sind; und was das äusserli-
che anlanget, so haben die Verfasser dieser letztern
Gedichte in der harten Sprache, und dem holperig-
ten Tonmasse vor jenen nichts, oder ein sehr we-
niges zum voraus. Gegen dem Ausgange des
sechszehnden Jahrhunderts, und beym Anfange des
nächst darauf folgenden waren zu Straßburg und
Heydelberg, wo Opitz seiner Muse die Erstlinge
geopfert hatte, Paul Melissus, Peter Denaisius
und Rudolf Wekerlein als geschickte Poeten be-
kannt, von welchen man damahls glaubete, daß
sie der deutschen Poesie eine bessere Gestalt gege-
ben hätten, als sie in den Gedichten ihrer Vorfah-
ren gehabt hatte. Von dem erstern sind 1572.
die fünfzig erstern Psalmen Davids ausgegangen,

in
A 2


Von dem Zuſtande der deutſchen
Poeſie bey Ankunft Martin Opitzens.

JCh habe die deutſche Poeſie des ſechszehn-
den Jahrhunderts in ihrem ſchoͤnſten Lichte
vorgeſtellet, ſo wie ſelbige in Sebaſtian
Brands und Johann Fiſcharts Gedichten ausge-
ſehen hat, wann man die Augen von den zuſammen-
geſchraͤnckten Woͤrtern, und dem holperichten
Sylbenmaſſe abwendet. Dieſe beyde ſind in dem
innerlichen Weſen der Poeſie von niemandem ih-
res Welt-Alters uͤbertroffen worden; ich rede von
denen, welche ſich durch eigene Schrifften einen
Nahmen gemachet haben, der Reinicke Fuchs,
der Froſchmaͤuſeler, der Muͤcken- und Ameiſſen-
Krieg kommen hier in keine Rechnung, weil ſie
bloſſe Ueberſetzungen ſind; und was das aͤuſſerli-
che anlanget, ſo haben die Verfaſſer dieſer letztern
Gedichte in der harten Sprache, und dem holperig-
ten Tonmaſſe vor jenen nichts, oder ein ſehr we-
niges zum voraus. Gegen dem Ausgange des
ſechszehnden Jahrhunderts, und beym Anfange des
naͤchſt darauf folgenden waren zu Straßburg und
Heydelberg, wo Opitz ſeiner Muſe die Erſtlinge
geopfert hatte, Paul Meliſſus, Peter Denaiſius
und Rudolf Wekerlein als geſchickte Poeten be-
kannt, von welchen man damahls glaubete, daß
ſie der deutſchen Poeſie eine beſſere Geſtalt gege-
ben haͤtten, als ſie in den Gedichten ihrer Vorfah-
ren gehabt hatte. Von dem erſtern ſind 1572.
die fuͤnfzig erſtern Pſalmen Davids ausgegangen,

in
A 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0003" n="3"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Von dem Zu&#x017F;tande der deut&#x017F;chen<lb/>
Poe&#x017F;ie bey Ankunft Martin Opitzens.</hi> </head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">J</hi>Ch habe die deut&#x017F;che Poe&#x017F;ie des &#x017F;echszehn-<lb/>
den Jahrhunderts in ihrem &#x017F;cho&#x0364;n&#x017F;ten Lichte<lb/>
vorge&#x017F;tellet, &#x017F;o wie &#x017F;elbige in Seba&#x017F;tian<lb/>
Brands und Johann Fi&#x017F;charts Gedichten ausge-<lb/>
&#x017F;ehen hat, wann man die Augen von den zu&#x017F;ammen-<lb/>
ge&#x017F;chra&#x0364;nckten Wo&#x0364;rtern, und dem holperichten<lb/>
Sylbenma&#x017F;&#x017F;e abwendet. Die&#x017F;e beyde &#x017F;ind in dem<lb/>
innerlichen We&#x017F;en der Poe&#x017F;ie von niemandem ih-<lb/>
res Welt-Alters u&#x0364;bertroffen worden; ich rede von<lb/>
denen, welche &#x017F;ich durch eigene Schrifften einen<lb/>
Nahmen gemachet haben, der Reinicke Fuchs,<lb/>
der Fro&#x017F;chma&#x0364;u&#x017F;eler, der Mu&#x0364;cken- und Amei&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
Krieg kommen hier in keine Rechnung, weil &#x017F;ie<lb/>
blo&#x017F;&#x017F;e Ueber&#x017F;etzungen &#x017F;ind; und was das a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;erli-<lb/>
che anlanget, &#x017F;o haben die Verfa&#x017F;&#x017F;er die&#x017F;er letztern<lb/>
Gedichte in der harten Sprache, und dem holperig-<lb/>
ten Tonma&#x017F;&#x017F;e vor jenen nichts, oder ein &#x017F;ehr we-<lb/>
niges zum voraus. Gegen dem Ausgange des<lb/>
&#x017F;echszehnden Jahrhunderts, und beym Anfange des<lb/>
na&#x0364;ch&#x017F;t darauf folgenden waren zu Straßburg und<lb/>
Heydelberg, wo Opitz &#x017F;einer Mu&#x017F;e die Er&#x017F;tlinge<lb/>
geopfert hatte, Paul Meli&#x017F;&#x017F;us, Peter Denai&#x017F;ius<lb/>
und Rudolf Wekerlein als ge&#x017F;chickte Poeten be-<lb/>
kannt, von welchen man damahls glaubete, daß<lb/>
&#x017F;ie der deut&#x017F;chen Poe&#x017F;ie eine be&#x017F;&#x017F;ere Ge&#x017F;talt gege-<lb/>
ben ha&#x0364;tten, als &#x017F;ie in den Gedichten ihrer Vorfah-<lb/>
ren gehabt hatte. Von dem er&#x017F;tern &#x017F;ind 1572.<lb/>
die fu&#x0364;nfzig er&#x017F;tern P&#x017F;almen Davids ausgegangen,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">A 2</fw><fw place="bottom" type="catch">in</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[3/0003] Von dem Zuſtande der deutſchen Poeſie bey Ankunft Martin Opitzens. JCh habe die deutſche Poeſie des ſechszehn- den Jahrhunderts in ihrem ſchoͤnſten Lichte vorgeſtellet, ſo wie ſelbige in Sebaſtian Brands und Johann Fiſcharts Gedichten ausge- ſehen hat, wann man die Augen von den zuſammen- geſchraͤnckten Woͤrtern, und dem holperichten Sylbenmaſſe abwendet. Dieſe beyde ſind in dem innerlichen Weſen der Poeſie von niemandem ih- res Welt-Alters uͤbertroffen worden; ich rede von denen, welche ſich durch eigene Schrifften einen Nahmen gemachet haben, der Reinicke Fuchs, der Froſchmaͤuſeler, der Muͤcken- und Ameiſſen- Krieg kommen hier in keine Rechnung, weil ſie bloſſe Ueberſetzungen ſind; und was das aͤuſſerli- che anlanget, ſo haben die Verfaſſer dieſer letztern Gedichte in der harten Sprache, und dem holperig- ten Tonmaſſe vor jenen nichts, oder ein ſehr we- niges zum voraus. Gegen dem Ausgange des ſechszehnden Jahrhunderts, und beym Anfange des naͤchſt darauf folgenden waren zu Straßburg und Heydelberg, wo Opitz ſeiner Muſe die Erſtlinge geopfert hatte, Paul Meliſſus, Peter Denaiſius und Rudolf Wekerlein als geſchickte Poeten be- kannt, von welchen man damahls glaubete, daß ſie der deutſchen Poeſie eine beſſere Geſtalt gege- ben haͤtten, als ſie in den Gedichten ihrer Vorfah- ren gehabt hatte. Von dem erſtern ſind 1572. die fuͤnfzig erſtern Pſalmen Davids ausgegangen, in A 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung09_1743
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung09_1743/3
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 9. Zürich, 1749, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung09_1743/3>, abgerufen am 05.08.2020.