Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

Bild:
<< vorherige Seite

VI. Abschnitt. [Gleich. 228]
Eliminirt man q, so ergiebt sich die Relation zwischen p,
u und T. Eliminirt man dagegen u, so erhält man für die
Abhängigkeit des Dissociationsgrades von Druck und Tem-
peratur die folgende Gleichung:
[Formel 1] .
Die Gleichung zwischen q, p und u würde sich durch Eli-
mination von T aus 227) und 228) ergeben.

Um der Bivalenz (Zweiwerthigkeit) des Sauerstoffatomes
Rechnung zu tragen, könnte man annehmen, dass auf der
Oberfläche desselben zwei gleichbeschaffene empfindliche Be-
zirke liegen. Es wäre dann der kritische Raum für die
Bildung von HO aus H und O gerade doppelt so gross, wie
für die Bildung von H2O aus HO und H. Dann dürften aber
die empfindlichen Bezirke sich nicht gerade vis a vis liegen
oder müssten auf der Oberfläche der Moleküle beweglich sein,
um die Doppelbindung zweier Sauerstoffatome zu ermöglichen.
Eine der Bivalenz wenigstens theilweise ähnliche Erscheinung
würde man auch erhalten, wenn man annähme, dass der kri-
tische Bezirk eines Sauerstoffatomes durch die Deckungssphäre
eines einzigen, damit chemisch verbundenen Sauerstoff- oder
Wasserstoffatomes nicht ganz überdeckt wird, so dass noch
Platz für die chemische Bindung eines zweiten Atomes bleibt.
Ich bin weit entfernt, eine genauere Specialisirung der hierauf
bezüglichen Ansichten schon jetzt für aussichtsvoll zu halten;
doch spreche ich, wenn es erlaubt ist, die Worte eines grossen
Forschers auch auf diese Theorie anzuwenden, die Hoffnung
aus, dass diese allgemeinen mechanischen Bilder den Fort-
schritt der Erkenntniss der Thatsachen der Chemie eher fördern
als hemmen werden.

§ 71. Allgemeine Theorie der Dissociation.

Wir wollen nun noch wenige Bemerkungen über den
allgemeinsten Fall der Dissociation machen. Seien beliebig
viele Atome von beliebig vielen verschiedenen Gattungen ge-
geben. Ein Molekül, welches a1 Atome erster, b1 Atome
zweiter, c1 Atome dritter Gattung u. s. w. enthält, bezeichnen

VI. Abschnitt. [Gleich. 228]
Eliminirt man q, so ergiebt sich die Relation zwischen p,
υ und T. Eliminirt man dagegen υ, so erhält man für die
Abhängigkeit des Dissociationsgrades von Druck und Tem-
peratur die folgende Gleichung:
[Formel 1] .
Die Gleichung zwischen q, p und υ würde sich durch Eli-
mination von T aus 227) und 228) ergeben.

Um der Bivalenz (Zweiwerthigkeit) des Sauerstoffatomes
Rechnung zu tragen, könnte man annehmen, dass auf der
Oberfläche desselben zwei gleichbeschaffene empfindliche Be-
zirke liegen. Es wäre dann der kritische Raum für die
Bildung von HO aus H und O gerade doppelt so gross, wie
für die Bildung von H2O aus HO und H. Dann dürften aber
die empfindlichen Bezirke sich nicht gerade vis à vis liegen
oder müssten auf der Oberfläche der Moleküle beweglich sein,
um die Doppelbindung zweier Sauerstoffatome zu ermöglichen.
Eine der Bivalenz wenigstens theilweise ähnliche Erscheinung
würde man auch erhalten, wenn man annähme, dass der kri-
tische Bezirk eines Sauerstoffatomes durch die Deckungssphäre
eines einzigen, damit chemisch verbundenen Sauerstoff- oder
Wasserstoffatomes nicht ganz überdeckt wird, so dass noch
Platz für die chemische Bindung eines zweiten Atomes bleibt.
Ich bin weit entfernt, eine genauere Specialisirung der hierauf
bezüglichen Ansichten schon jetzt für aussichtsvoll zu halten;
doch spreche ich, wenn es erlaubt ist, die Worte eines grossen
Forschers auch auf diese Theorie anzuwenden, die Hoffnung
aus, dass diese allgemeinen mechanischen Bilder den Fort-
schritt der Erkenntniss der Thatsachen der Chemie eher fördern
als hemmen werden.

§ 71. Allgemeine Theorie der Dissociation.

Wir wollen nun noch wenige Bemerkungen über den
allgemeinsten Fall der Dissociation machen. Seien beliebig
viele Atome von beliebig vielen verschiedenen Gattungen ge-
geben. Ein Molekül, welches a1 Atome erster, b1 Atome
zweiter, c1 Atome dritter Gattung u. s. w. enthält, bezeichnen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0224" n="206"/><fw place="top" type="header">VI. Abschnitt. [Gleich. 228]</fw><lb/>
Eliminirt man <hi rendition="#i">q</hi>, so ergiebt sich die Relation zwischen <hi rendition="#i">p</hi>,<lb/><hi rendition="#i">&#x03C5;</hi> und <hi rendition="#i">T</hi>. Eliminirt man dagegen <hi rendition="#i">&#x03C5;</hi>, so erhält man für die<lb/>
Abhängigkeit des Dissociationsgrades von Druck und Tem-<lb/>
peratur die folgende Gleichung:<lb/><hi rendition="#c"><formula/>.</hi><lb/>
Die Gleichung zwischen <hi rendition="#i">q, p</hi> und <hi rendition="#i">&#x03C5;</hi> würde sich durch Eli-<lb/>
mination von <hi rendition="#i">T</hi> aus 227) und 228) ergeben.</p><lb/>
          <p>Um der Bivalenz (Zweiwerthigkeit) des Sauerstoffatomes<lb/>
Rechnung zu tragen, könnte man annehmen, dass auf der<lb/>
Oberfläche desselben zwei gleichbeschaffene empfindliche Be-<lb/>
zirke liegen. Es wäre dann der kritische Raum für die<lb/>
Bildung von HO aus H und O gerade doppelt so gross, wie<lb/>
für die Bildung von H<hi rendition="#sub">2</hi>O aus HO und H. Dann dürften aber<lb/>
die empfindlichen Bezirke sich nicht gerade vis à vis liegen<lb/>
oder müssten auf der Oberfläche der Moleküle beweglich sein,<lb/>
um die Doppelbindung zweier Sauerstoffatome zu ermöglichen.<lb/>
Eine der Bivalenz wenigstens theilweise ähnliche Erscheinung<lb/>
würde man auch erhalten, wenn man annähme, dass der kri-<lb/>
tische Bezirk eines Sauerstoffatomes durch die Deckungssphäre<lb/>
eines einzigen, damit chemisch verbundenen Sauerstoff- oder<lb/>
Wasserstoffatomes nicht ganz überdeckt wird, so dass noch<lb/>
Platz für die chemische Bindung eines zweiten Atomes bleibt.<lb/>
Ich bin weit entfernt, eine genauere Specialisirung der hierauf<lb/>
bezüglichen Ansichten schon jetzt für aussichtsvoll zu halten;<lb/>
doch spreche ich, wenn es erlaubt ist, die Worte eines grossen<lb/>
Forschers auch auf diese Theorie anzuwenden, die Hoffnung<lb/>
aus, dass diese allgemeinen mechanischen Bilder den Fort-<lb/>
schritt der Erkenntniss der Thatsachen der Chemie eher fördern<lb/>
als hemmen werden.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§ 71. <hi rendition="#g">Allgemeine Theorie der Dissociation</hi>.</head><lb/>
          <p>Wir wollen nun noch wenige Bemerkungen über den<lb/>
allgemeinsten Fall der Dissociation machen. Seien beliebig<lb/>
viele Atome von beliebig vielen verschiedenen Gattungen ge-<lb/>
geben. Ein Molekül, welches <hi rendition="#i">a</hi><hi rendition="#sub">1</hi> Atome erster, <hi rendition="#i">b</hi><hi rendition="#sub">1</hi> Atome<lb/>
zweiter, <hi rendition="#i">c</hi><hi rendition="#sub">1</hi> Atome dritter Gattung u. s. w. enthält, bezeichnen<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[206/0224] VI. Abschnitt. [Gleich. 228] Eliminirt man q, so ergiebt sich die Relation zwischen p, υ und T. Eliminirt man dagegen υ, so erhält man für die Abhängigkeit des Dissociationsgrades von Druck und Tem- peratur die folgende Gleichung: [FORMEL]. Die Gleichung zwischen q, p und υ würde sich durch Eli- mination von T aus 227) und 228) ergeben. Um der Bivalenz (Zweiwerthigkeit) des Sauerstoffatomes Rechnung zu tragen, könnte man annehmen, dass auf der Oberfläche desselben zwei gleichbeschaffene empfindliche Be- zirke liegen. Es wäre dann der kritische Raum für die Bildung von HO aus H und O gerade doppelt so gross, wie für die Bildung von H2O aus HO und H. Dann dürften aber die empfindlichen Bezirke sich nicht gerade vis à vis liegen oder müssten auf der Oberfläche der Moleküle beweglich sein, um die Doppelbindung zweier Sauerstoffatome zu ermöglichen. Eine der Bivalenz wenigstens theilweise ähnliche Erscheinung würde man auch erhalten, wenn man annähme, dass der kri- tische Bezirk eines Sauerstoffatomes durch die Deckungssphäre eines einzigen, damit chemisch verbundenen Sauerstoff- oder Wasserstoffatomes nicht ganz überdeckt wird, so dass noch Platz für die chemische Bindung eines zweiten Atomes bleibt. Ich bin weit entfernt, eine genauere Specialisirung der hierauf bezüglichen Ansichten schon jetzt für aussichtsvoll zu halten; doch spreche ich, wenn es erlaubt ist, die Worte eines grossen Forschers auch auf diese Theorie anzuwenden, die Hoffnung aus, dass diese allgemeinen mechanischen Bilder den Fort- schritt der Erkenntniss der Thatsachen der Chemie eher fördern als hemmen werden. § 71. Allgemeine Theorie der Dissociation. Wir wollen nun noch wenige Bemerkungen über den allgemeinsten Fall der Dissociation machen. Seien beliebig viele Atome von beliebig vielen verschiedenen Gattungen ge- geben. Ein Molekül, welches a1 Atome erster, b1 Atome zweiter, c1 Atome dritter Gattung u. s. w. enthält, bezeichnen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/224
Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 206. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/224>, abgerufen am 05.08.2020.