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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

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VII. Abschnitt. [Gleich. 266]
§ 79. Allgemeinste Charakterisirung des Vorganges
eines Zusammenstosses zweier Moleküle
.

Wir wollen nun von der ganz speciellen, in § 76 charak-
terisirten Art der Wechselwirkung zweier Moleküle zur allge-
meinsten Form derselben übergehen.

Wir bezeichnen da mit s die laufende Distanz der Schwer-
punkte eines Moleküles erster und eines Moleküles zweiter
Gattung und nehmen an, dass, wenn s grösser als eine gewisse
Constante b ist, niemals eine bemerkbare Wechselwirkung
zwischen beiden Molekülen stattfindet. Eine Kugel vom Radius b,
deren Centrum der Schwerpunkt eines Moleküles erster Gattung
ist, bezeichnen wir kurz als die Sphäre des betreffenden Mole-
küles. Wir können daher auch sagen: Sobald der Schwer-
punkt eines Moleküles zweiter Gattung ausserhalb der Sphäre
eines Moleküles erster Gattung liegt, findet zwischen beiden
niemals erhebliche Wechselwirkung statt. Jeder Vorgang,
wobei der Schwerpunkt eines der ersteren Moleküle in die
Sphäre eines der letzteren eindringt, soll ein Stoss heissen.

Es ist dabei allerdings möglich, dass der Schwerpunkt
des ersteren Moleküles die Sphäre des letzteren wieder ver-
lässt, ohne dass erhebliche Wechselwirkung stattgefunden hat,
dass also durch einen Stoss die Bewegung keines der beiden
stossenden Moleküle erheblich modificirt wird. Durch die
Mehrzahl der Stösse aber wird in der That eine bedeutende
Modification der Bewegung der beiden Moleküle bewirkt werden.

Wie in den §§ 75--78 soll die Lage der Bestandtheile
relativ gegen den Schwerpunkt, die Drehung um den Schwer-
punkt und die Geschwindigkeit sämmtlicher Theile für ein
Molekül erster Gattung durch die Variabeln 250) und 237),
für ein Molekül zweiter Gattung aber durch die Variabeln 253)
und 254) charakterisirt werden, wobei aber jetzt u1, v1, w1 die
Geschwindigkeitscomponenten des Schwerpunktes eines Mole-
küles erster, u2, v2, w2 die eines Moleküles sweiter Gattung
sein sollen.

Wir wollen eine Zusammenstellung eines Moleküles erster
und eines Moleküles zweiter Gattung eine kritische Con-
stellation nennen, wenn die Entfernung der Schwerpunkte

VII. Abschnitt. [Gleich. 266]
§ 79. Allgemeinste Charakterisirung des Vorganges
eines Zusammenstosses zweier Moleküle
.

Wir wollen nun von der ganz speciellen, in § 76 charak-
terisirten Art der Wechselwirkung zweier Moleküle zur allge-
meinsten Form derselben übergehen.

Wir bezeichnen da mit s die laufende Distanz der Schwer-
punkte eines Moleküles erster und eines Moleküles zweiter
Gattung und nehmen an, dass, wenn s grösser als eine gewisse
Constante b ist, niemals eine bemerkbare Wechselwirkung
zwischen beiden Molekülen stattfindet. Eine Kugel vom Radius b,
deren Centrum der Schwerpunkt eines Moleküles erster Gattung
ist, bezeichnen wir kurz als die Sphäre des betreffenden Mole-
küles. Wir können daher auch sagen: Sobald der Schwer-
punkt eines Moleküles zweiter Gattung ausserhalb der Sphäre
eines Moleküles erster Gattung liegt, findet zwischen beiden
niemals erhebliche Wechselwirkung statt. Jeder Vorgang,
wobei der Schwerpunkt eines der ersteren Moleküle in die
Sphäre eines der letzteren eindringt, soll ein Stoss heissen.

Es ist dabei allerdings möglich, dass der Schwerpunkt
des ersteren Moleküles die Sphäre des letzteren wieder ver-
lässt, ohne dass erhebliche Wechselwirkung stattgefunden hat,
dass also durch einen Stoss die Bewegung keines der beiden
stossenden Moleküle erheblich modificirt wird. Durch die
Mehrzahl der Stösse aber wird in der That eine bedeutende
Modification der Bewegung der beiden Moleküle bewirkt werden.

Wie in den §§ 75—78 soll die Lage der Bestandtheile
relativ gegen den Schwerpunkt, die Drehung um den Schwer-
punkt und die Geschwindigkeit sämmtlicher Theile für ein
Molekül erster Gattung durch die Variabeln 250) und 237),
für ein Molekül zweiter Gattung aber durch die Variabeln 253)
und 254) charakterisirt werden, wobei aber jetzt u1, v1, w1 die
Geschwindigkeitscomponenten des Schwerpunktes eines Mole-
küles erster, u2, v2, w2 die eines Moleküles sweiter Gattung
sein sollen.

Wir wollen eine Zusammenstellung eines Moleküles erster
und eines Moleküles zweiter Gattung eine kritische Con-
stellation nennen, wenn die Entfernung der Schwerpunkte

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[230/0248] VII. Abschnitt. [Gleich. 266] § 79. Allgemeinste Charakterisirung des Vorganges eines Zusammenstosses zweier Moleküle. Wir wollen nun von der ganz speciellen, in § 76 charak- terisirten Art der Wechselwirkung zweier Moleküle zur allge- meinsten Form derselben übergehen. Wir bezeichnen da mit s die laufende Distanz der Schwer- punkte eines Moleküles erster und eines Moleküles zweiter Gattung und nehmen an, dass, wenn s grösser als eine gewisse Constante b ist, niemals eine bemerkbare Wechselwirkung zwischen beiden Molekülen stattfindet. Eine Kugel vom Radius b, deren Centrum der Schwerpunkt eines Moleküles erster Gattung ist, bezeichnen wir kurz als die Sphäre des betreffenden Mole- küles. Wir können daher auch sagen: Sobald der Schwer- punkt eines Moleküles zweiter Gattung ausserhalb der Sphäre eines Moleküles erster Gattung liegt, findet zwischen beiden niemals erhebliche Wechselwirkung statt. Jeder Vorgang, wobei der Schwerpunkt eines der ersteren Moleküle in die Sphäre eines der letzteren eindringt, soll ein Stoss heissen. Es ist dabei allerdings möglich, dass der Schwerpunkt des ersteren Moleküles die Sphäre des letzteren wieder ver- lässt, ohne dass erhebliche Wechselwirkung stattgefunden hat, dass also durch einen Stoss die Bewegung keines der beiden stossenden Moleküle erheblich modificirt wird. Durch die Mehrzahl der Stösse aber wird in der That eine bedeutende Modification der Bewegung der beiden Moleküle bewirkt werden. Wie in den §§ 75—78 soll die Lage der Bestandtheile relativ gegen den Schwerpunkt, die Drehung um den Schwer- punkt und die Geschwindigkeit sämmtlicher Theile für ein Molekül erster Gattung durch die Variabeln 250) und 237), für ein Molekül zweiter Gattung aber durch die Variabeln 253) und 254) charakterisirt werden, wobei aber jetzt u1, v1, w1 die Geschwindigkeitscomponenten des Schwerpunktes eines Mole- küles erster, u2, v2, w2 die eines Moleküles sweiter Gattung sein sollen. Wir wollen eine Zusammenstellung eines Moleküles erster und eines Moleküles zweiter Gattung eine kritische Con- stellation nennen, wenn die Entfernung der Schwerpunkte

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 230. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/248>, abgerufen am 22.02.2019.