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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

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III. Abschnitt. [Gleich. 41]

Diese Formeln werden erheblich weitschweifiger, wenn man
daran die Verbesserung anbringt, die schon Poisson an der
alten Laplace'schen Capillaritätstheorie anbrachte, indem er
die Veränderlichkeit der Dichte beim Uebergange aus dem
Innern an die Oberfläche der Flüssigkeit in Betracht zog. Doch
bleibt die Form der sich ergebenden Gleichungen dieselbe, nur
der Ausdruck der Constanten durch bestimmte Integrale ändert
sich. Da uns hier die Capillaritätstheorie als solche nebensäch-
lich ist, so will ich hierauf nicht näher eingehen und nur auf
eine bezügliche Abhandlung Stefan's verweisen. 1)


III. Abschnitt.
Für die Gastheorie nützliche Sätze der allgemeinen Mechanik.

§ 25. Auffassung der Moleküle als mechanische
Systeme, welche durch generalisirte Coordinaten
charakterisirt sind
.

Wir haben bisher in allen Rechnungen, mit Ausnahme der
auf die specifische Wärme bezüglichen, die Gasmoleküle als
vollkommen elastische Kugeln oder als Kraftcentra, immer aber
als einfache, nicht weiter zusammengesetzte Individuen be-
trachtet. Viele Umstände beweisen, dass diese Annahme kein
exactes Bild der Wirklichkeit liefert.

Alle Gase können zum Leuchten gebracht werden und ihr
Licht liefert dann ein mitunter wunderbar complicirtes Spectrum.
Dies wäre bei einfachen materiellen Punkten unmöglich; aber
auch die Schwingungen elastischer Kugeln können den Spectral-
erscheinungen schwerlich und jedenfalls nur dann Rechnung
tragen, wenn man die inneren Bewegungen der elastischen
Substanz mitberücksichtigt, was wir bisher unterliessen.

Ferner zwingen die Thatsachen der Chemie zur Annahme,
dass in den chemisch zusammengesetzten Gasen die Moleküle
aus mehreren heterogenen Theilen bestehen. Aber selbst von

1) Wien. Sitzungsber. II, Bd. 94, S. 4, 1886. Wied. Ann. Bd. 29,
S. 655, 1886.
III. Abschnitt. [Gleich. 41]

Diese Formeln werden erheblich weitschweifiger, wenn man
daran die Verbesserung anbringt, die schon Poisson an der
alten Laplace’schen Capillaritätstheorie anbrachte, indem er
die Veränderlichkeit der Dichte beim Uebergange aus dem
Innern an die Oberfläche der Flüssigkeit in Betracht zog. Doch
bleibt die Form der sich ergebenden Gleichungen dieselbe, nur
der Ausdruck der Constanten durch bestimmte Integrale ändert
sich. Da uns hier die Capillaritätstheorie als solche nebensäch-
lich ist, so will ich hierauf nicht näher eingehen und nur auf
eine bezügliche Abhandlung Stefan’s verweisen. 1)


III. Abschnitt.
Für die Gastheorie nützliche Sätze der allgemeinen Mechanik.

§ 25. Auffassung der Moleküle als mechanische
Systeme, welche durch generalisirte Coordinaten
charakterisirt sind
.

Wir haben bisher in allen Rechnungen, mit Ausnahme der
auf die specifische Wärme bezüglichen, die Gasmoleküle als
vollkommen elastische Kugeln oder als Kraftcentra, immer aber
als einfache, nicht weiter zusammengesetzte Individuen be-
trachtet. Viele Umstände beweisen, dass diese Annahme kein
exactes Bild der Wirklichkeit liefert.

Alle Gase können zum Leuchten gebracht werden und ihr
Licht liefert dann ein mitunter wunderbar complicirtes Spectrum.
Dies wäre bei einfachen materiellen Punkten unmöglich; aber
auch die Schwingungen elastischer Kugeln können den Spectral-
erscheinungen schwerlich und jedenfalls nur dann Rechnung
tragen, wenn man die inneren Bewegungen der elastischen
Substanz mitberücksichtigt, was wir bisher unterliessen.

Ferner zwingen die Thatsachen der Chemie zur Annahme,
dass in den chemisch zusammengesetzten Gasen die Moleküle
aus mehreren heterogenen Theilen bestehen. Aber selbst von

1) Wien. Sitzungsber. II, Bd. 94, S. 4, 1886. Wied. Ann. Bd. 29,
S. 655, 1886.
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[62/0080] III. Abschnitt. [Gleich. 41] Diese Formeln werden erheblich weitschweifiger, wenn man daran die Verbesserung anbringt, die schon Poisson an der alten Laplace’schen Capillaritätstheorie anbrachte, indem er die Veränderlichkeit der Dichte beim Uebergange aus dem Innern an die Oberfläche der Flüssigkeit in Betracht zog. Doch bleibt die Form der sich ergebenden Gleichungen dieselbe, nur der Ausdruck der Constanten durch bestimmte Integrale ändert sich. Da uns hier die Capillaritätstheorie als solche nebensäch- lich ist, so will ich hierauf nicht näher eingehen und nur auf eine bezügliche Abhandlung Stefan’s verweisen. 1) III. Abschnitt. Für die Gastheorie nützliche Sätze der allgemeinen Mechanik. § 25. Auffassung der Moleküle als mechanische Systeme, welche durch generalisirte Coordinaten charakterisirt sind. Wir haben bisher in allen Rechnungen, mit Ausnahme der auf die specifische Wärme bezüglichen, die Gasmoleküle als vollkommen elastische Kugeln oder als Kraftcentra, immer aber als einfache, nicht weiter zusammengesetzte Individuen be- trachtet. Viele Umstände beweisen, dass diese Annahme kein exactes Bild der Wirklichkeit liefert. Alle Gase können zum Leuchten gebracht werden und ihr Licht liefert dann ein mitunter wunderbar complicirtes Spectrum. Dies wäre bei einfachen materiellen Punkten unmöglich; aber auch die Schwingungen elastischer Kugeln können den Spectral- erscheinungen schwerlich und jedenfalls nur dann Rechnung tragen, wenn man die inneren Bewegungen der elastischen Substanz mitberücksichtigt, was wir bisher unterliessen. Ferner zwingen die Thatsachen der Chemie zur Annahme, dass in den chemisch zusammengesetzten Gasen die Moleküle aus mehreren heterogenen Theilen bestehen. Aber selbst von 1) Wien. Sitzungsber. II, Bd. 94, S. 4, 1886. Wied. Ann. Bd. 29, S. 655, 1886.

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/80>, abgerufen am 20.02.2019.