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Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten. Bd. 4. 2. Aufl. Hamburg, 1735.

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Ephemeris.
Ephemeris.
Jch seh' die kleinen Enlchen schweben,
Die man Ephemeris sonst heisst;
Die einen einzgen Tag nur leben.
Bey dem Geschöpfe denckt mein Geist:
"Wie flüchtig ist doch eure Zeit!
"Bey ihr scheint unsre fast ein Theil der Ewigkeit:
"Was Stunden bey uns sind, sind euch ja kaum Se-
cunden;
"Was unsre Jahre sind, sind eure Viertel-Stunden.

Da aber dieses Thier, indem es munter flieget,
Dem Ansehn nach vergnügt ist, und sich freut;
So hat es, ungeacht der kurtzen Lebens-Zeit,
Sich länger auf der Welt, als mancher Mensch, vergnüget.


Mond-
Ephemeris.
Ephemeris.
Jch ſeh’ die kleinen Enlchen ſchweben,
Die man Ephemeris ſonſt heiſſt;
Die einen einzgen Tag nur leben.
Bey dem Geſchoͤpfe denckt mein Geiſt:
„Wie fluͤchtig iſt doch eure Zeit!
„Bey ihr ſcheint unſre faſt ein Theil der Ewigkeit:
„Was Stunden bey uns ſind, ſind euch ja kaum Se-
cunden;
„Was unſre Jahre ſind, ſind eure Viertel-Stunden.

Da aber dieſes Thier, indem es munter flieget,
Dem Anſehn nach vergnuͤgt iſt, und ſich freut;
So hat es, ungeacht der kurtzen Lebens-Zeit,
Sich laͤnger auf der Welt, als mancher Menſch, vergnuͤget.


Mond-
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[351/0383] Ephemeris. Ephemeris. Jch ſeh’ die kleinen Enlchen ſchweben, Die man Ephemeris ſonſt heiſſt; Die einen einzgen Tag nur leben. Bey dem Geſchoͤpfe denckt mein Geiſt: „Wie fluͤchtig iſt doch eure Zeit! „Bey ihr ſcheint unſre faſt ein Theil der Ewigkeit: „Was Stunden bey uns ſind, ſind euch ja kaum Se- cunden; „Was unſre Jahre ſind, ſind eure Viertel-Stunden. Da aber dieſes Thier, indem es munter flieget, Dem Anſehn nach vergnuͤgt iſt, und ſich freut; So hat es, ungeacht der kurtzen Lebens-Zeit, Sich laͤnger auf der Welt, als mancher Menſch, vergnuͤget. Mond-

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Zitationshilfe: Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten. Bd. 4. 2. Aufl. Hamburg, 1735, S. 351. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen04_1735/383>, abgerufen am 28.05.2020.