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Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 7. 6. Aufl. Leipzig, 1913.

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ging die Tochter den unüberlegten
Schritt, sich, um nur aus dem Vater-
hause zu kommen, mit einem Müller
und Landwirt zu verheiraten. Die
Ehe war eine höchst unglückliche und
wurde schließlich auf Veranlassung
der Herzogin Marie von Koburg, der
sich die junge Frau anvertraut hatte,
getrennt. Jns väterliche Haus zu-
rückgekehrt, warteten ihrer aber-
mals Erniedrigung und Leiden man-
nigfachster Art. Da lernte sie der
Dichter Ludwig Storch kennen, der
sie zu Friedrich Fröbel brachte, wo
sie sich als Kindergärtnerin ausbil-
dete. Viele Jahre war sie Leiterin
eines Kindergartens, danach Mäd-
chenturnlehrerin und Heilgymnastin
für Frauen. Später mit Ludwig St.
verheiratet, hat sie diesen Dichter bis
in sein hohes Alter mit rührender
Liebe gepflegt. Nach seinem Tode
(1881) behielt sie ihren Wohnsitz in
Kreuzwertheim bei und ist daselbst
im Mai 1885 gestorben.

S:

Gedichte,
hrsg. von H. Merkens, 1872.

*Storch, Ludwig,

wurde am 14.
April 1803 zu Ruhla in Thüringen
geboren, wo sein Vater -- der bei
der Geburt des Sohnes bereits 78
Jahre zählte -- praktischer Arzt war.
Acht Jahre alt, verlor Ludwig den
letzteren, worauf die Mutter ein
neues Ehebündnis mit einem viel
jüngeren Manne einging, in welcher
Verbindung ihr nur freudlose Tage
wurden. Nachdem der Sohn den Un-
terricht in der Volksschule u. einigen
Privatunterricht genossen, trat er
1816 in einer Landesproduktenhand-
lung in Erfurt in die Lehre. Jn der
romantischen Gebirgsumgegend sei-
nes Geburtsortes hatte sich St.s dich-
terisches Talent frühzeitig entwickelt.
Als Lehrling machte er Verse und
schrieb ein Drama. Sein Prinzipal
fand diese poetischen Erzeugnisse, und
da er sich auch aus andern Wahr-
nehmungen überzeugte, daß St. zu
einem Geschäftsmanne nichts tauge,
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so entließ er ihn nach 15 Monaten,
und St. kam nun im Frühjahr 1818
als Lehrling in ein Erfurter Mate-
rialgeschäft. Aber schon nach einem
halben Jahre gab er diesen Beruf
auf und bezog, um sich der wissen-
schaftlichen Laufbahn zu widmen,
das Gymnasium in Gotha, wo er
vier Jahre blieb und außerordent-
liche Fortschritte machte. Ein inti-
mes Verhältnis, das er mit einem
jungen Mädchen anknüpfte, welche
seine Dürftigkeit und Not kennen ge-
lernt hatte und ihn heimlich durch
seine Wirtsleute unterstützte, hatte
seine Entlassung von der Anstalt zur
Folge. St. trat nun auf das Gym-
nasium zu Nordhausen über u. ging
im Herbst 1823 zur Universität Göt-
tingen, um Theologie zu studieren.
Allein dieselbe wurde ihm sehr bald
verleidet, und er beschloß, sich für
ein Schulamt vorzubereiten. Ein
Besuch bei seiner Wohltäterin machte
seinen Vorsatz wanken und bestimmte
ihn, Ostern 1825 die Hochschule zu
verlassen und das geliebte Wesen zu
heiraten. Seine Existenz suchte er in
Leipzig durch Schriftstellerei zu er-
werben, aber seinen Plan, dort auch
seine Studien zu beenden, brachte er
nicht zur vollen Durchführung. Er
ging 1827 mit Weib und Kind nach
Gotha zurück, 1828 nach Stuttgart,
bald darauf wieder nach Leipzig, wo
er eine Zeitlang den "Planeten" und
die "Sachsen-Zeitung" redigierte u.
als Novellist tätig war. Die mißliche
Lage seines Verlegers nötigte ihn
bald wieder zur Übersiedelung nach
Gotha. Hier traf ihn ein Mißgeschick
über das andere. Eine schwere Krank-
heit hatte eine nervöse Abspannung
zur Folge, die ihn zu jeder geistigen
Arbeit unfähig machte und seine An-
lage zur Schwerhörigkeit derart ver-
schlimmerte, daß er bald allem ge-
selligen Verkehr entsagen mußte. 1840
traf ihn die Unglückspost von dem
Tode seines älteren Sohnes, der beim

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Sto
ging die Tochter den unüberlegten
Schritt, ſich, um nur aus dem Vater-
hauſe zu kommen, mit einem Müller
und Landwirt zu verheiraten. Die
Ehe war eine höchſt unglückliche und
wurde ſchließlich auf Veranlaſſung
der Herzogin Marie von Koburg, der
ſich die junge Frau anvertraut hatte,
getrennt. Jns väterliche Haus zu-
rückgekehrt, warteten ihrer aber-
mals Erniedrigung und Leiden man-
nigfachſter Art. Da lernte ſie der
Dichter Ludwig Storch kennen, der
ſie zu Friedrich Fröbel brachte, wo
ſie ſich als Kindergärtnerin ausbil-
dete. Viele Jahre war ſie Leiterin
eines Kindergartens, danach Mäd-
chenturnlehrerin und Heilgymnaſtin
für Frauen. Später mit Ludwig St.
verheiratet, hat ſie dieſen Dichter bis
in ſein hohes Alter mit rührender
Liebe gepflegt. Nach ſeinem Tode
(1881) behielt ſie ihren Wohnſitz in
Kreuzwertheim bei und iſt daſelbſt
im Mai 1885 geſtorben.

S:

Gedichte,
hrsg. von H. Merkens, 1872.

*Storch, Ludwig,

wurde am 14.
April 1803 zu Ruhla in Thüringen
geboren, wo ſein Vater — der bei
der Geburt des Sohnes bereits 78
Jahre zählte — praktiſcher Arzt war.
Acht Jahre alt, verlor Ludwig den
letzteren, worauf die Mutter ein
neues Ehebündnis mit einem viel
jüngeren Manne einging, in welcher
Verbindung ihr nur freudloſe Tage
wurden. Nachdem der Sohn den Un-
terricht in der Volksſchule u. einigen
Privatunterricht genoſſen, trat er
1816 in einer Landesproduktenhand-
lung in Erfurt in die Lehre. Jn der
romantiſchen Gebirgsumgegend ſei-
nes Geburtsortes hatte ſich St.s dich-
teriſches Talent frühzeitig entwickelt.
Als Lehrling machte er Verſe und
ſchrieb ein Drama. Sein Prinzipal
fand dieſe poetiſchen Erzeugniſſe, und
da er ſich auch aus andern Wahr-
nehmungen überzeugte, daß St. zu
einem Geſchäftsmanne nichts tauge,
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Sto
ſo entließ er ihn nach 15 Monaten,
und St. kam nun im Frühjahr 1818
als Lehrling in ein Erfurter Mate-
rialgeſchäft. Aber ſchon nach einem
halben Jahre gab er dieſen Beruf
auf und bezog, um ſich der wiſſen-
ſchaftlichen Laufbahn zu widmen,
das Gymnaſium in Gotha, wo er
vier Jahre blieb und außerordent-
liche Fortſchritte machte. Ein inti-
mes Verhältnis, das er mit einem
jungen Mädchen anknüpfte, welche
ſeine Dürftigkeit und Not kennen ge-
lernt hatte und ihn heimlich durch
ſeine Wirtsleute unterſtützte, hatte
ſeine Entlaſſung von der Anſtalt zur
Folge. St. trat nun auf das Gym-
naſium zu Nordhauſen über u. ging
im Herbſt 1823 zur Univerſität Göt-
tingen, um Theologie zu ſtudieren.
Allein dieſelbe wurde ihm ſehr bald
verleidet, und er beſchloß, ſich für
ein Schulamt vorzubereiten. Ein
Beſuch bei ſeiner Wohltäterin machte
ſeinen Vorſatz wanken und beſtimmte
ihn, Oſtern 1825 die Hochſchule zu
verlaſſen und das geliebte Weſen zu
heiraten. Seine Exiſtenz ſuchte er in
Leipzig durch Schriftſtellerei zu er-
werben, aber ſeinen Plan, dort auch
ſeine Studien zu beenden, brachte er
nicht zur vollen Durchführung. Er
ging 1827 mit Weib und Kind nach
Gotha zurück, 1828 nach Stuttgart,
bald darauf wieder nach Leipzig, wo
er eine Zeitlang den „Planeten“ und
die „Sachſen-Zeitung“ redigierte u.
als Novelliſt tätig war. Die mißliche
Lage ſeines Verlegers nötigte ihn
bald wieder zur Überſiedelung nach
Gotha. Hier traf ihn ein Mißgeſchick
über das andere. Eine ſchwere Krank-
heit hatte eine nervöſe Abſpannung
zur Folge, die ihn zu jeder geiſtigen
Arbeit unfähig machte und ſeine An-
lage zur Schwerhörigkeit derart ver-
ſchlimmerte, daß er bald allem ge-
ſelligen Verkehr entſagen mußte. 1840
traf ihn die Unglückspoſt von dem
Tode ſeines älteren Sohnes, der beim

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[97/0101] Sto Sto ging die Tochter den unüberlegten Schritt, ſich, um nur aus dem Vater- hauſe zu kommen, mit einem Müller und Landwirt zu verheiraten. Die Ehe war eine höchſt unglückliche und wurde ſchließlich auf Veranlaſſung der Herzogin Marie von Koburg, der ſich die junge Frau anvertraut hatte, getrennt. Jns väterliche Haus zu- rückgekehrt, warteten ihrer aber- mals Erniedrigung und Leiden man- nigfachſter Art. Da lernte ſie der Dichter Ludwig Storch kennen, der ſie zu Friedrich Fröbel brachte, wo ſie ſich als Kindergärtnerin ausbil- dete. Viele Jahre war ſie Leiterin eines Kindergartens, danach Mäd- chenturnlehrerin und Heilgymnaſtin für Frauen. Später mit Ludwig St. verheiratet, hat ſie dieſen Dichter bis in ſein hohes Alter mit rührender Liebe gepflegt. Nach ſeinem Tode (1881) behielt ſie ihren Wohnſitz in Kreuzwertheim bei und iſt daſelbſt im Mai 1885 geſtorben. S: Gedichte, hrsg. von H. Merkens, 1872. *Storch, Ludwig, wurde am 14. April 1803 zu Ruhla in Thüringen geboren, wo ſein Vater — der bei der Geburt des Sohnes bereits 78 Jahre zählte — praktiſcher Arzt war. Acht Jahre alt, verlor Ludwig den letzteren, worauf die Mutter ein neues Ehebündnis mit einem viel jüngeren Manne einging, in welcher Verbindung ihr nur freudloſe Tage wurden. Nachdem der Sohn den Un- terricht in der Volksſchule u. einigen Privatunterricht genoſſen, trat er 1816 in einer Landesproduktenhand- lung in Erfurt in die Lehre. Jn der romantiſchen Gebirgsumgegend ſei- nes Geburtsortes hatte ſich St.s dich- teriſches Talent frühzeitig entwickelt. Als Lehrling machte er Verſe und ſchrieb ein Drama. Sein Prinzipal fand dieſe poetiſchen Erzeugniſſe, und da er ſich auch aus andern Wahr- nehmungen überzeugte, daß St. zu einem Geſchäftsmanne nichts tauge, ſo entließ er ihn nach 15 Monaten, und St. kam nun im Frühjahr 1818 als Lehrling in ein Erfurter Mate- rialgeſchäft. Aber ſchon nach einem halben Jahre gab er dieſen Beruf auf und bezog, um ſich der wiſſen- ſchaftlichen Laufbahn zu widmen, das Gymnaſium in Gotha, wo er vier Jahre blieb und außerordent- liche Fortſchritte machte. Ein inti- mes Verhältnis, das er mit einem jungen Mädchen anknüpfte, welche ſeine Dürftigkeit und Not kennen ge- lernt hatte und ihn heimlich durch ſeine Wirtsleute unterſtützte, hatte ſeine Entlaſſung von der Anſtalt zur Folge. St. trat nun auf das Gym- naſium zu Nordhauſen über u. ging im Herbſt 1823 zur Univerſität Göt- tingen, um Theologie zu ſtudieren. Allein dieſelbe wurde ihm ſehr bald verleidet, und er beſchloß, ſich für ein Schulamt vorzubereiten. Ein Beſuch bei ſeiner Wohltäterin machte ſeinen Vorſatz wanken und beſtimmte ihn, Oſtern 1825 die Hochſchule zu verlaſſen und das geliebte Weſen zu heiraten. Seine Exiſtenz ſuchte er in Leipzig durch Schriftſtellerei zu er- werben, aber ſeinen Plan, dort auch ſeine Studien zu beenden, brachte er nicht zur vollen Durchführung. Er ging 1827 mit Weib und Kind nach Gotha zurück, 1828 nach Stuttgart, bald darauf wieder nach Leipzig, wo er eine Zeitlang den „Planeten“ und die „Sachſen-Zeitung“ redigierte u. als Novelliſt tätig war. Die mißliche Lage ſeines Verlegers nötigte ihn bald wieder zur Überſiedelung nach Gotha. Hier traf ihn ein Mißgeſchick über das andere. Eine ſchwere Krank- heit hatte eine nervöſe Abſpannung zur Folge, die ihn zu jeder geiſtigen Arbeit unfähig machte und ſeine An- lage zur Schwerhörigkeit derart ver- ſchlimmerte, daß er bald allem ge- ſelligen Verkehr entſagen mußte. 1840 traf ihn die Unglückspoſt von dem Tode ſeines älteren Sohnes, der beim * 7

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Zitationshilfe: Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 7. 6. Aufl. Leipzig, 1913, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bruemmer_lexikon07_1913/101>, abgerufen am 21.03.2019.