Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

Bild:
<< vorherige Seite
II. An die Braut.
1.


Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel
hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit
in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen,
und die Stadt ist abscheulich. Bei uns ist Frühling, ich
kann deinen Bleichenstrauß immer ersetzen, er ist unsterblich
wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt
Straßburg? es geht dort allerlei vor, und du sagst kein Wort
davon. Je baisse les petites mains, en goautant les souvenirs
doux de Strasbourg. --

"Prouves-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me
donnant bientot des nouvelles."
Und ich ließ dich warten!
Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die
Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein
Wort zu schreiben. Ich studirte die Geschichte der Revolution.
Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalis-
mus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine
entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine
unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der
Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer

24 *
II. An die Braut.
1.


Hier iſt kein Berg, wo die Ausſicht frei ſei. Hügel
hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit
in Allem; ich kann mich nicht an dieſe Natur gewöhnen,
und die Stadt iſt abſcheulich. Bei uns iſt Frühling, ich
kann deinen Bleichenſtrauß immer erſetzen, er iſt unſterblich
wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt
Straßburg? es geht dort allerlei vor, und du ſagſt kein Wort
davon. Je baisse les petites mains, en goûtant les souvenirs
doux de Strasbourg. —

"Prouves-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me
donnant bientôt des nouvelles."
Und ich ließ dich warten!
Schon ſeit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die
Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein
Wort zu ſchreiben. Ich ſtudirte die Geſchichte der Revolution.
Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalis-
mus der Geſchichte. Ich finde in der Menſchennatur eine
entſetzliche Gleichheit, in den menſchlichen Verhältniſſen eine
unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der
Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer

24 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0567" n="[371]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#fr"> <hi rendition="#b">II. <hi rendition="#g">An die Braut</hi>.</hi> </hi> </hi> </head><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#c">1.</hi> </head><lb/>
            <dateline><hi rendition="#g">Gießen</hi> 1833.</dateline><lb/>
            <p>Hier i&#x017F;t kein Berg, wo die Aus&#x017F;icht frei &#x017F;ei. Hügel<lb/>
hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit<lb/>
in Allem; ich kann mich nicht an die&#x017F;e Natur gewöhnen,<lb/>
und die Stadt i&#x017F;t ab&#x017F;cheulich. Bei uns i&#x017F;t Frühling, ich<lb/>
kann deinen Bleichen&#x017F;trauß immer er&#x017F;etzen, er i&#x017F;t un&#x017F;terblich<lb/>
wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt<lb/>
Straßburg? es geht dort allerlei vor, und du &#x017F;ag&#x017F;t kein Wort<lb/>
davon. <hi rendition="#aq">Je baisse les petites mains, en goûtant les souvenirs<lb/>
doux de Strasbourg. &#x2014;</hi></p><lb/>
            <p><hi rendition="#aq">"Prouves-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me<lb/>
donnant bientôt des nouvelles."</hi> Und ich ließ dich warten!<lb/>
Schon &#x017F;eit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die<lb/>
Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein<lb/>
Wort zu &#x017F;chreiben. Ich &#x017F;tudirte die Ge&#x017F;chichte der Revolution.<lb/>
Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalis-<lb/>
mus der Ge&#x017F;chichte. Ich finde in der Men&#x017F;chennatur eine<lb/>
ent&#x017F;etzliche Gleichheit, in den men&#x017F;chlichen Verhältni&#x017F;&#x017F;en eine<lb/>
unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der<lb/>
Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">24 *</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[371]/0567] II. An die Braut. 1. Gießen 1833. Hier iſt kein Berg, wo die Ausſicht frei ſei. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohle Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an dieſe Natur gewöhnen, und die Stadt iſt abſcheulich. Bei uns iſt Frühling, ich kann deinen Bleichenſtrauß immer erſetzen, er iſt unſterblich wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt Straßburg? es geht dort allerlei vor, und du ſagſt kein Wort davon. Je baisse les petites mains, en goûtant les souvenirs doux de Strasbourg. — "Prouves-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me donnant bientôt des nouvelles." Und ich ließ dich warten! Schon ſeit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu ſchreiben. Ich ſtudirte die Geſchichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalis- mus der Geſchichte. Ich finde in der Menſchennatur eine entſetzliche Gleichheit, in den menſchlichen Verhältniſſen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer 24 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/567
Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. [371]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/567>, abgerufen am 09.08.2020.