Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

telbarkeit und Frischheit, und nur bei feiner und schonender
Behandlung, zu einem reinen Resultate für das Auge der
Wissenschaft gebracht werden kann. Schroffe Distinctionen,
vielfältige schematische Abtheilungen und Unterabtheilungen,
verrücken nirgends leichter den eigentlichen Standpunkt und
die sachgemäße Auffassung als bei diesen feinen, immer
etwas nebelhaften, aus dem Unbewußten hervortauchenden
Gegenständen!

Suchen wir demnach, uns immer im Ganzen und
Lebendigen haltend, zuerst nur nach einem gewissen Moment
der Orientirung, streben wir die Himmelsgegenden dieser
Welt zu erfassen, so finden wir auch hier einen Süden
und Norden, einen Aufgang und Niedergang, -- wir nennen
sie Freude und Trauer und Liebe und Haß. In
den wunderbarsten Schwankungen und Beugungen bewegt
sich die Magnetnadel des Gefühls zwischen diesen vier wesent¬
lichen Theilpunkten am Horizonte der psychischen Welt, und
wie aus verhältnißmäßig so ganz wenig Lettern eine Un¬
endlichkeit verschiedener Worte gebildet werden kann, so ist
die Zahl der Stimmungen unsers Gemüthes unermeßlich,
welche aus den Combinationen dieser vier Grundregungen
mit der eigenthümlichen Welt verschiedener benannter und
bewußter Vorstellungen hervorgehen kann. Jedenfalls ist
es deßhalb die erste Aufgabe einer Geschichte der Gefühls¬
welt jene vier grundwesentlichen Gefühle in ihrer Ent¬
stehung, Fortbildung, ihrer Periodicität, ihrem Verhältniß
zu andern und zum gesammten Menschen, in ihren krank¬
haften Abschweifungen und in ihrem endlichen Erlöschen
und Vergehen, in nähere Betrachtung zu nehmen, zuletzt
aber jener mittlern Zustände zu gedenken welche, ähnlich
dem Zenith und Nadir, in der mittlern Höhe oder Tiefe
des Himmels gleich fern von allen vier Theilpunkten des
Horizontes eines bewegten Gemüthes sich halten und doch
die Empfänglichkeit für jeden derselben mehr oder minder
sich bewahren.

telbarkeit und Friſchheit, und nur bei feiner und ſchonender
Behandlung, zu einem reinen Reſultate für das Auge der
Wiſſenſchaft gebracht werden kann. Schroffe Diſtinctionen,
vielfältige ſchematiſche Abtheilungen und Unterabtheilungen,
verrücken nirgends leichter den eigentlichen Standpunkt und
die ſachgemäße Auffaſſung als bei dieſen feinen, immer
etwas nebelhaften, aus dem Unbewußten hervortauchenden
Gegenſtänden!

Suchen wir demnach, uns immer im Ganzen und
Lebendigen haltend, zuerſt nur nach einem gewiſſen Moment
der Orientirung, ſtreben wir die Himmelsgegenden dieſer
Welt zu erfaſſen, ſo finden wir auch hier einen Süden
und Norden, einen Aufgang und Niedergang, — wir nennen
ſie Freude und Trauer und Liebe und Haß. In
den wunderbarſten Schwankungen und Beugungen bewegt
ſich die Magnetnadel des Gefühls zwiſchen dieſen vier weſent¬
lichen Theilpunkten am Horizonte der pſychiſchen Welt, und
wie aus verhältnißmäßig ſo ganz wenig Lettern eine Un¬
endlichkeit verſchiedener Worte gebildet werden kann, ſo iſt
die Zahl der Stimmungen unſers Gemüthes unermeßlich,
welche aus den Combinationen dieſer vier Grundregungen
mit der eigenthümlichen Welt verſchiedener benannter und
bewußter Vorſtellungen hervorgehen kann. Jedenfalls iſt
es deßhalb die erſte Aufgabe einer Geſchichte der Gefühls¬
welt jene vier grundweſentlichen Gefühle in ihrer Ent¬
ſtehung, Fortbildung, ihrer Periodicität, ihrem Verhältniß
zu andern und zum geſammten Menſchen, in ihren krank¬
haften Abſchweifungen und in ihrem endlichen Erlöſchen
und Vergehen, in nähere Betrachtung zu nehmen, zuletzt
aber jener mittlern Zuſtände zu gedenken welche, ähnlich
dem Zenith und Nadir, in der mittlern Höhe oder Tiefe
des Himmels gleich fern von allen vier Theilpunkten des
Horizontes eines bewegten Gemüthes ſich halten und doch
die Empfänglichkeit für jeden derſelben mehr oder minder
ſich bewahren.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0282" n="266"/>
telbarkeit und Fri&#x017F;chheit, und nur bei feiner und &#x017F;chonender<lb/>
Behandlung, zu einem reinen Re&#x017F;ultate für das Auge der<lb/>
Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft gebracht werden kann. Schroffe Di&#x017F;tinctionen,<lb/>
vielfältige &#x017F;chemati&#x017F;che Abtheilungen und Unterabtheilungen,<lb/>
verrücken nirgends leichter den eigentlichen Standpunkt und<lb/>
die &#x017F;achgemäße Auffa&#x017F;&#x017F;ung als bei die&#x017F;en feinen, immer<lb/>
etwas nebelhaften, aus dem Unbewußten hervortauchenden<lb/>
Gegen&#x017F;tänden!</p><lb/>
            <p>Suchen wir demnach, uns immer im Ganzen und<lb/>
Lebendigen haltend, zuer&#x017F;t nur nach einem gewi&#x017F;&#x017F;en Moment<lb/>
der Orientirung, &#x017F;treben wir die Himmelsgegenden die&#x017F;er<lb/>
Welt zu erfa&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;o finden wir auch hier einen Süden<lb/>
und Norden, einen Aufgang und Niedergang, &#x2014; wir nennen<lb/>
&#x017F;ie <hi rendition="#g">Freude</hi> und <hi rendition="#g">Trauer</hi> und <hi rendition="#g">Liebe</hi> und <hi rendition="#g">Haß</hi>. In<lb/>
den wunderbar&#x017F;ten Schwankungen und Beugungen bewegt<lb/>
&#x017F;ich die Magnetnadel des Gefühls zwi&#x017F;chen die&#x017F;en vier we&#x017F;ent¬<lb/>
lichen Theilpunkten am Horizonte der p&#x017F;ychi&#x017F;chen Welt, und<lb/>
wie aus verhältnißmäßig &#x017F;o ganz wenig Lettern eine Un¬<lb/>
endlichkeit ver&#x017F;chiedener Worte gebildet werden kann, &#x017F;o i&#x017F;t<lb/>
die Zahl der Stimmungen un&#x017F;ers Gemüthes unermeßlich,<lb/>
welche aus den Combinationen die&#x017F;er vier Grundregungen<lb/>
mit der eigenthümlichen Welt ver&#x017F;chiedener benannter und<lb/>
bewußter Vor&#x017F;tellungen hervorgehen kann. Jedenfalls i&#x017F;t<lb/>
es deßhalb die er&#x017F;te Aufgabe einer Ge&#x017F;chichte der Gefühls¬<lb/>
welt jene vier grundwe&#x017F;entlichen Gefühle in ihrer Ent¬<lb/>
&#x017F;tehung, Fortbildung, ihrer Periodicität, ihrem Verhältniß<lb/>
zu andern und zum ge&#x017F;ammten Men&#x017F;chen, in ihren krank¬<lb/>
haften Ab&#x017F;chweifungen und in ihrem endlichen Erlö&#x017F;chen<lb/>
und Vergehen, in nähere Betrachtung zu nehmen, zuletzt<lb/>
aber jener mittlern Zu&#x017F;tände zu gedenken welche, ähnlich<lb/>
dem Zenith und Nadir, in der mittlern Höhe oder Tiefe<lb/>
des Himmels gleich fern von allen vier Theilpunkten des<lb/>
Horizontes eines bewegten Gemüthes &#x017F;ich halten und doch<lb/>
die Empfänglichkeit für jeden der&#x017F;elben mehr oder minder<lb/>
&#x017F;ich bewahren.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[266/0282] telbarkeit und Friſchheit, und nur bei feiner und ſchonender Behandlung, zu einem reinen Reſultate für das Auge der Wiſſenſchaft gebracht werden kann. Schroffe Diſtinctionen, vielfältige ſchematiſche Abtheilungen und Unterabtheilungen, verrücken nirgends leichter den eigentlichen Standpunkt und die ſachgemäße Auffaſſung als bei dieſen feinen, immer etwas nebelhaften, aus dem Unbewußten hervortauchenden Gegenſtänden! Suchen wir demnach, uns immer im Ganzen und Lebendigen haltend, zuerſt nur nach einem gewiſſen Moment der Orientirung, ſtreben wir die Himmelsgegenden dieſer Welt zu erfaſſen, ſo finden wir auch hier einen Süden und Norden, einen Aufgang und Niedergang, — wir nennen ſie Freude und Trauer und Liebe und Haß. In den wunderbarſten Schwankungen und Beugungen bewegt ſich die Magnetnadel des Gefühls zwiſchen dieſen vier weſent¬ lichen Theilpunkten am Horizonte der pſychiſchen Welt, und wie aus verhältnißmäßig ſo ganz wenig Lettern eine Un¬ endlichkeit verſchiedener Worte gebildet werden kann, ſo iſt die Zahl der Stimmungen unſers Gemüthes unermeßlich, welche aus den Combinationen dieſer vier Grundregungen mit der eigenthümlichen Welt verſchiedener benannter und bewußter Vorſtellungen hervorgehen kann. Jedenfalls iſt es deßhalb die erſte Aufgabe einer Geſchichte der Gefühls¬ welt jene vier grundweſentlichen Gefühle in ihrer Ent¬ ſtehung, Fortbildung, ihrer Periodicität, ihrem Verhältniß zu andern und zum geſammten Menſchen, in ihren krank¬ haften Abſchweifungen und in ihrem endlichen Erlöſchen und Vergehen, in nähere Betrachtung zu nehmen, zuletzt aber jener mittlern Zuſtände zu gedenken welche, ähnlich dem Zenith und Nadir, in der mittlern Höhe oder Tiefe des Himmels gleich fern von allen vier Theilpunkten des Horizontes eines bewegten Gemüthes ſich halten und doch die Empfänglichkeit für jeden derſelben mehr oder minder ſich bewahren.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/282
Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. 266. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/282>, abgerufen am 22.07.2019.