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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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III.

Audiatur et altera pars.

Seitdem Brugmann Stud. IX (1876) S. 361 ff. zuerst mit
Entschiedenheit die Behauptung aufgestellt hatte, auch in den
arischen Sprachen sei von Anfang an der mit einem ein-
zigen Zeichen geschriebene kurze A-Laut von mannichfaltigem
Klange gewesen, ist die Ansicht, schon die indogermanische
Grundsprache habe den bunten Vocalismus gekannt und ins-
besondere der griechische Vocalismus sei alterthümlicher als
der indisch-persische, vielfach aufgestellt und mehr und mehr
verbreitet worden *). Jetzt gehört diese Auffassung zu den
Hauptdogmen der jüngeren Grammatiker gegenüber den älte-
ren. Und wie man sich auch in dieser Beziehung entscheiden
mag, jeder unbefangene wird zugeben müssen, dass schon das
blosse Aufwerfen der Frage gegenüber der widerspruchslosen
Fortpflanzung der nicht genauer geprüften alten Meinung der
Wissenschaft erhebliche Anregung gebracht und dass die dar-
aus hervorgehenden, mit grossem Scharfsinn geführten Unter-
suchungen über den Vocalismus der indogermanischen Sprachen
nicht ohne mannichfaltigen Gewinn geblieben sind. Ich denke
dabei namentlich an die weit verzweigte Erscheinung, für

*) Entschieden im Gegensatz zu der hier bestrittenen Annahme steht
Heinr. Dietr. Müller "Sprachgeschichtliche Studien" Gött. 1884. Man wird
dort mehrere von mir in den folgenden Blättern entwickelte Argumente
wiederfinden. Das Buch kam in meine Hände, nachdem ich gerade diesen
Abschnitt abgeschlossen hatte. Eine Prüfung der positiven Aufstellungen
Müller's mag andern überlassen bleiben.
III.

Audiatur et altera pars.

Seitdem Brugmann Stud. IX (1876) S. 361 ff. zuerst mit
Entschiedenheit die Behauptung aufgestellt hatte, auch in den
arischen Sprachen sei von Anfang an der mit einem ein-
zigen Zeichen geschriebene kurze A-Laut von mannichfaltigem
Klange gewesen, ist die Ansicht, schon die indogermanische
Grundsprache habe den bunten Vocalismus gekannt und ins-
besondere der griechische Vocalismus sei alterthümlicher als
der indisch-persische, vielfach aufgestellt und mehr und mehr
verbreitet worden *). Jetzt gehört diese Auffassung zu den
Hauptdogmen der jüngeren Grammatiker gegenüber den älte-
ren. Und wie man sich auch in dieser Beziehung entscheiden
mag, jeder unbefangene wird zugeben müssen, dass schon das
blosse Aufwerfen der Frage gegenüber der widerspruchslosen
Fortpflanzung der nicht genauer geprüften alten Meinung der
Wissenschaft erhebliche Anregung gebracht und dass die dar-
aus hervorgehenden, mit grossem Scharfsinn geführten Unter-
suchungen über den Vocalismus der indogermanischen Sprachen
nicht ohne mannichfaltigen Gewinn geblieben sind. Ich denke
dabei namentlich an die weit verzweigte Erscheinung, für

*) Entschieden im Gegensatz zu der hier bestrittenen Annahme steht
Heinr. Dietr. Müller „Sprachgeschichtliche Studien“ Gött. 1884. Man wird
dort mehrere von mir in den folgenden Blättern entwickelte Argumente
wiederfinden. Das Buch kam in meine Hände, nachdem ich gerade diesen
Abschnitt abgeschlossen hatte. Eine Prüfung der positiven Aufstellungen
Müller's mag andern überlassen bleiben.
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[[90]/0098] III. Audiatur et altera pars. Seitdem Brugmann Stud. IX (1876) S. 361 ff. zuerst mit Entschiedenheit die Behauptung aufgestellt hatte, auch in den arischen Sprachen sei von Anfang an der mit einem ein- zigen Zeichen geschriebene kurze A-Laut von mannichfaltigem Klange gewesen, ist die Ansicht, schon die indogermanische Grundsprache habe den bunten Vocalismus gekannt und ins- besondere der griechische Vocalismus sei alterthümlicher als der indisch-persische, vielfach aufgestellt und mehr und mehr verbreitet worden *). Jetzt gehört diese Auffassung zu den Hauptdogmen der jüngeren Grammatiker gegenüber den älte- ren. Und wie man sich auch in dieser Beziehung entscheiden mag, jeder unbefangene wird zugeben müssen, dass schon das blosse Aufwerfen der Frage gegenüber der widerspruchslosen Fortpflanzung der nicht genauer geprüften alten Meinung der Wissenschaft erhebliche Anregung gebracht und dass die dar- aus hervorgehenden, mit grossem Scharfsinn geführten Unter- suchungen über den Vocalismus der indogermanischen Sprachen nicht ohne mannichfaltigen Gewinn geblieben sind. Ich denke dabei namentlich an die weit verzweigte Erscheinung, für *) Entschieden im Gegensatz zu der hier bestrittenen Annahme steht Heinr. Dietr. Müller „Sprachgeschichtliche Studien“ Gött. 1884. Man wird dort mehrere von mir in den folgenden Blättern entwickelte Argumente wiederfinden. Das Buch kam in meine Hände, nachdem ich gerade diesen Abschnitt abgeschlossen hatte. Eine Prüfung der positiven Aufstellungen Müller's mag andern überlassen bleiben.

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. [90]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/98>, abgerufen am 24.09.2020.