Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
Das öde Haus.
Tiefab im Tobel liegt ein Haus,
Zerfallen nach des Försters Tode,
Dort ruh' ich manche Stunde aus,
Vergraben unter Rank' und Lode;
'S ist eine Wildniß, wo der Tag
Nur halb die schweren Wimpern lichtet;
Der Felsen tiefe Kluft verdichtet
Ergrauter Aeste Schattenhaag.
Ich horche träumend, wie im Spalt
Die schwarzen Fliegen taumelnd summen,
Wie Seufzer streifen durch den Wald,
Am Strauche irre Käfer brummen;
Wenn sich die Abendröthe drängt
An sickernden Geschiefers Lauge,
Dann ist's als ob ein trübes Auge,
Ein rothgeweintes drüber hängt.
Wo an zerrißner Laube Joch
Die langen magern Schoßen streichen,
An wildverwachs'ner Hecke noch
Im Moose Nelkensprossen schleichen,
Dort hat vom tröpfelnden Gestein
Das dunkle Naß sich durchgesogen,
Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,
Und sinkt am Fenchelstrauche ein.
Das öde Haus.
Tiefab im Tobel liegt ein Haus,
Zerfallen nach des Förſters Tode,
Dort ruh' ich manche Stunde aus,
Vergraben unter Rank' und Lode;
'S iſt eine Wildniß, wo der Tag
Nur halb die ſchweren Wimpern lichtet;
Der Felſen tiefe Kluft verdichtet
Ergrauter Aeſte Schattenhaag.
Ich horche träumend, wie im Spalt
Die ſchwarzen Fliegen taumelnd ſummen,
Wie Seufzer ſtreifen durch den Wald,
Am Strauche irre Käfer brummen;
Wenn ſich die Abendröthe drängt
An ſickernden Geſchiefers Lauge,
Dann iſt's als ob ein trübes Auge,
Ein rothgeweintes drüber hängt.
Wo an zerrißner Laube Joch
Die langen magern Schoßen ſtreichen,
An wildverwachſ'ner Hecke noch
Im Mooſe Nelkenſproſſen ſchleichen,
Dort hat vom tröpfelnden Geſtein
Das dunkle Naß ſich durchgeſogen,
Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,
Und ſinkt am Fenchelſtrauche ein.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0108" n="94"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Das öde Haus.</hi><lb/>
          </head>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Tiefab im Tobel liegt ein Haus,</l><lb/>
              <l>Zerfallen nach des För&#x017F;ters Tode,</l><lb/>
              <l>Dort ruh' ich manche Stunde aus,</l><lb/>
              <l>Vergraben unter Rank' und Lode;</l><lb/>
              <l>'S i&#x017F;t eine Wildniß, wo der Tag</l><lb/>
              <l>Nur halb die &#x017F;chweren Wimpern lichtet;</l><lb/>
              <l>Der Fel&#x017F;en tiefe Kluft verdichtet</l><lb/>
              <l>Ergrauter Ae&#x017F;te Schattenhaag.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="2">
              <l>Ich horche träumend, wie im Spalt</l><lb/>
              <l>Die &#x017F;chwarzen Fliegen taumelnd &#x017F;ummen,</l><lb/>
              <l>Wie Seufzer &#x017F;treifen durch den Wald,</l><lb/>
              <l>Am Strauche irre Käfer brummen;</l><lb/>
              <l>Wenn &#x017F;ich die Abendröthe drängt</l><lb/>
              <l>An &#x017F;ickernden Ge&#x017F;chiefers Lauge,</l><lb/>
              <l>Dann i&#x017F;t's als ob ein trübes Auge,</l><lb/>
              <l>Ein rothgeweintes drüber hängt.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="3">
              <l>Wo an zerrißner Laube Joch</l><lb/>
              <l>Die langen magern Schoßen &#x017F;treichen,</l><lb/>
              <l>An wildverwach&#x017F;'ner Hecke noch</l><lb/>
              <l>Im Moo&#x017F;e Nelken&#x017F;pro&#x017F;&#x017F;en &#x017F;chleichen,</l><lb/>
              <l>Dort hat vom tröpfelnden Ge&#x017F;tein</l><lb/>
              <l>Das dunkle Naß &#x017F;ich durchge&#x017F;ogen,</l><lb/>
              <l>Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,</l><lb/>
              <l>Und &#x017F;inkt am Fenchel&#x017F;trauche ein.</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[94/0108] Das öde Haus. Tiefab im Tobel liegt ein Haus, Zerfallen nach des Förſters Tode, Dort ruh' ich manche Stunde aus, Vergraben unter Rank' und Lode; 'S iſt eine Wildniß, wo der Tag Nur halb die ſchweren Wimpern lichtet; Der Felſen tiefe Kluft verdichtet Ergrauter Aeſte Schattenhaag. Ich horche träumend, wie im Spalt Die ſchwarzen Fliegen taumelnd ſummen, Wie Seufzer ſtreifen durch den Wald, Am Strauche irre Käfer brummen; Wenn ſich die Abendröthe drängt An ſickernden Geſchiefers Lauge, Dann iſt's als ob ein trübes Auge, Ein rothgeweintes drüber hängt. Wo an zerrißner Laube Joch Die langen magern Schoßen ſtreichen, An wildverwachſ'ner Hecke noch Im Mooſe Nelkenſproſſen ſchleichen, Dort hat vom tröpfelnden Geſtein Das dunkle Naß ſich durchgeſogen, Kreucht um den Buchs in trägen Bogen, Und ſinkt am Fenchelſtrauche ein.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/108
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 94. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/108>, abgerufen am 19.09.2019.