Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
Junge Liebe.
Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig,
Waldvögel zwitschern und flöten,
Wild Anemon' und Schlehdorn bleich
Im Abendstrale sich röthen,
Und ein Mädchen mit blondem Haar
Beugt über der glitzernden Welle,
Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,
Mit dem Auge der scheuen Gazelle.
Ringelblumen blättert sie ab:
"Liebt er, liebt er mich nimmer?"
Und wenn "liebt" das Orakel gab,
Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:
"Liebt er nicht" -- o Grimm und Graus!
Daß der Himmel den Blüten gnade!
Gras und Blumen, den ganzen Strauß,
Wirft sie zürnend in die Cascade.
Gleitet dann in die Kräuter lind,
Ihr Auge wird ernst und sinnend;
Frommer Eltern heftiges Kind,
Nur Minne nehmend und minnend,
Kannte sie nie ein anderes Band
Als des Blutes, die schüchterne Hinde;
Und nun Einer, der nicht verwandt --
Ist das nicht eine schwere Sünde?
Junge Liebe.
Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig,
Waldvögel zwitſchern und flöten,
Wild Anemon' und Schlehdorn bleich
Im Abendſtrale ſich röthen,
Und ein Mädchen mit blondem Haar
Beugt über der glitzernden Welle,
Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,
Mit dem Auge der ſcheuen Gazelle.
Ringelblumen blättert ſie ab:
„Liebt er, liebt er mich nimmer?“
Und wenn „liebt“ das Orakel gab,
Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:
„Liebt er nicht“ — o Grimm und Graus!
Daß der Himmel den Blüten gnade!
Gras und Blumen, den ganzen Strauß,
Wirft ſie zürnend in die Cascade.
Gleitet dann in die Kräuter lind,
Ihr Auge wird ernſt und ſinnend;
Frommer Eltern heftiges Kind,
Nur Minne nehmend und minnend,
Kannte ſie nie ein anderes Band
Als des Blutes, die ſchüchterne Hinde;
Und nun Einer, der nicht verwandt —
Iſt das nicht eine ſchwere Sünde?
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0142" n="128"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Junge Liebe.</hi><lb/>
          </head>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig,</l><lb/>
              <l>Waldvögel zwit&#x017F;chern und flöten,</l><lb/>
              <l>Wild Anemon' und Schlehdorn bleich</l><lb/>
              <l>Im Abend&#x017F;trale &#x017F;ich röthen,</l><lb/>
              <l>Und ein Mädchen mit blondem Haar</l><lb/>
              <l>Beugt über der glitzernden Welle,</l><lb/>
              <l>Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,</l><lb/>
              <l>Mit dem Auge der &#x017F;cheuen Gazelle.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="2">
              <l>Ringelblumen blättert &#x017F;ie ab:</l><lb/>
              <l>&#x201E;Liebt er, liebt er mich nimmer?&#x201C;</l><lb/>
              <l>Und wenn &#x201E;liebt&#x201C; das Orakel gab,</l><lb/>
              <l>Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:</l><lb/>
              <l>&#x201E;Liebt er nicht&#x201C; &#x2014; o Grimm und Graus!</l><lb/>
              <l>Daß der Himmel den Blüten gnade!</l><lb/>
              <l>Gras und Blumen, den ganzen Strauß,</l><lb/>
              <l>Wirft &#x017F;ie zürnend in die Cascade.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="3">
              <l>Gleitet dann in die Kräuter lind,</l><lb/>
              <l>Ihr Auge wird ern&#x017F;t und &#x017F;innend;</l><lb/>
              <l>Frommer Eltern heftiges Kind,</l><lb/>
              <l>Nur Minne nehmend und minnend,</l><lb/>
              <l>Kannte &#x017F;ie nie ein anderes Band</l><lb/>
              <l>Als des Blutes, die &#x017F;chüchterne Hinde;</l><lb/>
              <l>Und nun Einer, der nicht verwandt &#x2014;</l><lb/>
              <l>I&#x017F;t das nicht eine &#x017F;chwere Sünde?</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[128/0142] Junge Liebe. Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig, Waldvögel zwitſchern und flöten, Wild Anemon' und Schlehdorn bleich Im Abendſtrale ſich röthen, Und ein Mädchen mit blondem Haar Beugt über der glitzernden Welle, Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr, Mit dem Auge der ſcheuen Gazelle. Ringelblumen blättert ſie ab: „Liebt er, liebt er mich nimmer?“ Und wenn „liebt“ das Orakel gab, Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer: „Liebt er nicht“ — o Grimm und Graus! Daß der Himmel den Blüten gnade! Gras und Blumen, den ganzen Strauß, Wirft ſie zürnend in die Cascade. Gleitet dann in die Kräuter lind, Ihr Auge wird ernſt und ſinnend; Frommer Eltern heftiges Kind, Nur Minne nehmend und minnend, Kannte ſie nie ein anderes Band Als des Blutes, die ſchüchterne Hinde; Und nun Einer, der nicht verwandt — Iſt das nicht eine ſchwere Sünde?

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/142
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 128. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/142>, abgerufen am 23.03.2019.