Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836.

Bild:
<< vorherige Seite

Ich ging um zwölf Uhr zu Goethe, der mich vor
Tisch zu einer Spazierfahrt hatte einladen lassen. Ich
fand ihn frühstückend als ich zu ihm hereintrat, und
setzte mich ihm gegenüber, indem ich das Gespräch auf
die Arbeiten brachte, die uns gemeinschaftlich in Bezug
auf die neue Ausgabe seiner Werke beschäftigen. Ich
redete ihm zu, sowohl seine Götter, Helden und
Wieland
als auch seine Briefe des Pastors in
diese neue Edition mit aufzunehmen.

"Ich habe, sagte Goethe, auf meinem jetzigen Stand¬
punct über jene jugendlichen Productionen eigentlich kein
Urtheil. Da mögt Ihr Jüngeren entscheiden. Ich will
indeß jene Anfänge nicht schelten; ich war freylich noch
dunkel und strebte in bewußtlosem Drange vor mir hin,
aber ich hatte ein Gefühl des Rechten, eine Wünschel¬
ruthe, die mir anzeigte wo Gold war."

Ich machte bemerklich, daß dieses bey jedem großen
Talent der Fall seyn müsse, indem es sonst bey seinem
Erwachen in der gemischten Welt, nicht das Rechte er¬
greifen und das Verkehrte vermeiden würde.

Es war indeß angespannt und wir fuhren den Weg
nach Jena hinaus. Wir sprachen verschiedene Dinge,
Goethe erwähnte die neuen französischen Zeitungen.

"Die Constitution in Frankreich, sagte er, bey einem

9 *

Ich ging um zwoͤlf Uhr zu Goethe, der mich vor
Tiſch zu einer Spazierfahrt hatte einladen laſſen. Ich
fand ihn fruͤhſtuͤckend als ich zu ihm hereintrat, und
ſetzte mich ihm gegenuͤber, indem ich das Geſpraͤch auf
die Arbeiten brachte, die uns gemeinſchaftlich in Bezug
auf die neue Ausgabe ſeiner Werke beſchaͤftigen. Ich
redete ihm zu, ſowohl ſeine Goͤtter, Helden und
Wieland
als auch ſeine Briefe des Paſtors in
dieſe neue Edition mit aufzunehmen.

„Ich habe, ſagte Goethe, auf meinem jetzigen Stand¬
punct uͤber jene jugendlichen Productionen eigentlich kein
Urtheil. Da moͤgt Ihr Juͤngeren entſcheiden. Ich will
indeß jene Anfaͤnge nicht ſchelten; ich war freylich noch
dunkel und ſtrebte in bewußtloſem Drange vor mir hin,
aber ich hatte ein Gefuͤhl des Rechten, eine Wuͤnſchel¬
ruthe, die mir anzeigte wo Gold war.“

Ich machte bemerklich, daß dieſes bey jedem großen
Talent der Fall ſeyn muͤſſe, indem es ſonſt bey ſeinem
Erwachen in der gemiſchten Welt, nicht das Rechte er¬
greifen und das Verkehrte vermeiden wuͤrde.

Es war indeß angeſpannt und wir fuhren den Weg
nach Jena hinaus. Wir ſprachen verſchiedene Dinge,
Goethe erwaͤhnte die neuen franzoͤſiſchen Zeitungen.

„Die Conſtitution in Frankreich, ſagte er, bey einem

9 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0151" n="131"/>
        </div>
        <div n="2">
          <dateline rendition="#right">Sonntag den 29. Februar 1824.<lb/></dateline>
          <p>Ich ging um zwo&#x0364;lf Uhr zu Goethe, der mich vor<lb/>
Ti&#x017F;ch zu einer Spazierfahrt hatte einladen la&#x017F;&#x017F;en. Ich<lb/>
fand ihn fru&#x0364;h&#x017F;tu&#x0364;ckend als ich zu ihm hereintrat, und<lb/>
&#x017F;etzte mich ihm gegenu&#x0364;ber, indem ich das Ge&#x017F;pra&#x0364;ch auf<lb/>
die Arbeiten brachte, die uns gemein&#x017F;chaftlich in Bezug<lb/>
auf die neue Ausgabe &#x017F;einer Werke be&#x017F;cha&#x0364;ftigen. Ich<lb/>
redete ihm zu, &#x017F;owohl &#x017F;eine <hi rendition="#g">Go&#x0364;tter</hi>, <hi rendition="#g">Helden und<lb/>
Wieland</hi> als auch &#x017F;eine <hi rendition="#g">Briefe des Pa&#x017F;tors</hi> in<lb/>
die&#x017F;e neue Edition mit aufzunehmen.</p><lb/>
          <p>&#x201E;Ich habe, &#x017F;agte Goethe, auf meinem jetzigen Stand¬<lb/>
punct u&#x0364;ber jene jugendlichen Productionen eigentlich kein<lb/>
Urtheil. Da mo&#x0364;gt Ihr Ju&#x0364;ngeren ent&#x017F;cheiden. Ich will<lb/>
indeß jene Anfa&#x0364;nge nicht &#x017F;chelten; ich war freylich noch<lb/>
dunkel und &#x017F;trebte in bewußtlo&#x017F;em Drange vor mir hin,<lb/>
aber ich hatte ein Gefu&#x0364;hl des Rechten, eine Wu&#x0364;n&#x017F;chel¬<lb/>
ruthe, die mir anzeigte wo Gold war.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Ich machte bemerklich, daß die&#x017F;es bey jedem großen<lb/>
Talent der Fall &#x017F;eyn mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, indem es &#x017F;on&#x017F;t bey &#x017F;einem<lb/>
Erwachen in der gemi&#x017F;chten Welt, nicht das Rechte er¬<lb/>
greifen und das Verkehrte vermeiden wu&#x0364;rde.</p><lb/>
          <p>Es war indeß ange&#x017F;pannt und wir fuhren den Weg<lb/>
nach Jena hinaus. Wir &#x017F;prachen ver&#x017F;chiedene Dinge,<lb/>
Goethe erwa&#x0364;hnte die neuen franzo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;chen Zeitungen.</p><lb/>
          <p>&#x201E;Die Con&#x017F;titution in Frankreich, &#x017F;agte er, bey einem<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">9 *<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[131/0151] Sonntag den 29. Februar 1824. Ich ging um zwoͤlf Uhr zu Goethe, der mich vor Tiſch zu einer Spazierfahrt hatte einladen laſſen. Ich fand ihn fruͤhſtuͤckend als ich zu ihm hereintrat, und ſetzte mich ihm gegenuͤber, indem ich das Geſpraͤch auf die Arbeiten brachte, die uns gemeinſchaftlich in Bezug auf die neue Ausgabe ſeiner Werke beſchaͤftigen. Ich redete ihm zu, ſowohl ſeine Goͤtter, Helden und Wieland als auch ſeine Briefe des Paſtors in dieſe neue Edition mit aufzunehmen. „Ich habe, ſagte Goethe, auf meinem jetzigen Stand¬ punct uͤber jene jugendlichen Productionen eigentlich kein Urtheil. Da moͤgt Ihr Juͤngeren entſcheiden. Ich will indeß jene Anfaͤnge nicht ſchelten; ich war freylich noch dunkel und ſtrebte in bewußtloſem Drange vor mir hin, aber ich hatte ein Gefuͤhl des Rechten, eine Wuͤnſchel¬ ruthe, die mir anzeigte wo Gold war.“ Ich machte bemerklich, daß dieſes bey jedem großen Talent der Fall ſeyn muͤſſe, indem es ſonſt bey ſeinem Erwachen in der gemiſchten Welt, nicht das Rechte er¬ greifen und das Verkehrte vermeiden wuͤrde. Es war indeß angeſpannt und wir fuhren den Weg nach Jena hinaus. Wir ſprachen verſchiedene Dinge, Goethe erwaͤhnte die neuen franzoͤſiſchen Zeitungen. „Die Conſtitution in Frankreich, ſagte er, bey einem 9 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/151
Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/151>, abgerufen am 17.12.2018.