Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836.

Bild:
<< vorherige Seite

Goethen ganz besonders. "Eberwein, sagte er zu mir,
übertrifft sich mitunter selber." Er bat sodann noch
um das Lied: Ach um deine feuchten Schwin¬
gen
, welches gleichfalls die tiefsten Empfindungen an¬
zuregen geeignet war.

Nachdem die Gesellschaft gegangen, blieb ich noch
einige Augenblicke mit Goethe allein. "Ich habe, sagte
er, diesen Abend die Bemerkung gemacht, daß diese
Lieder des Divans gar kein Verhältniß mehr zu mir
haben. Sowohl was darin orientalisch als was darin
leidenschaftlich ist, hat aufgehört in mir fortzuleben; es
ist wie eine abgestreifte Schlangenhaut am Wege liegen
geblieben. Dagegen das Lied: Um Mitternacht
hat sein Verhältniß zu mir nicht verloren, es ist von
mir noch ein lebendiger Theil und lebt mit mir fort."

"Es geht mir übrigens öfter mit meinen Sachen
so, daß sie mir gänzlich fremd werden. Ich las dieser
Tage etwas Französisches und dachte im Lesen: der
Mann spricht gescheidt genug, du würdest es selbst nicht
anders sagen. Und als ich es genau besehe, ist es eine
übersetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften."


Nach Vollendung der Helena hatte Goethe sich im
vergangenen Sommer zur Fortsetzung der Wanderjahre

Goethen ganz beſonders. „Eberwein, ſagte er zu mir,
uͤbertrifft ſich mitunter ſelber.“ Er bat ſodann noch
um das Lied: Ach um deine feuchten Schwin¬
gen
, welches gleichfalls die tiefſten Empfindungen an¬
zuregen geeignet war.

Nachdem die Geſellſchaft gegangen, blieb ich noch
einige Augenblicke mit Goethe allein. „Ich habe, ſagte
er, dieſen Abend die Bemerkung gemacht, daß dieſe
Lieder des Divans gar kein Verhaͤltniß mehr zu mir
haben. Sowohl was darin orientaliſch als was darin
leidenſchaftlich iſt, hat aufgehoͤrt in mir fortzuleben; es
iſt wie eine abgeſtreifte Schlangenhaut am Wege liegen
geblieben. Dagegen das Lied: Um Mitternacht
hat ſein Verhaͤltniß zu mir nicht verloren, es iſt von
mir noch ein lebendiger Theil und lebt mit mir fort.“

„Es geht mir uͤbrigens oͤfter mit meinen Sachen
ſo, daß ſie mir gaͤnzlich fremd werden. Ich las dieſer
Tage etwas Franzoͤſiſches und dachte im Leſen: der
Mann ſpricht geſcheidt genug, du wuͤrdeſt es ſelbſt nicht
anders ſagen. Und als ich es genau beſehe, iſt es eine
uͤberſetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften.“


Nach Vollendung der Helena hatte Goethe ſich im
vergangenen Sommer zur Fortſetzung der Wanderjahre

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0304" n="284"/>
Goethen ganz be&#x017F;onders. &#x201E;Eberwein, &#x017F;agte er zu mir,<lb/>
u&#x0364;bertrifft &#x017F;ich mitunter &#x017F;elber.&#x201C; Er bat &#x017F;odann noch<lb/>
um das Lied: <hi rendition="#g">Ach um deine feuchten Schwin¬<lb/>
gen</hi>, welches gleichfalls die tief&#x017F;ten Empfindungen an¬<lb/>
zuregen geeignet war.</p><lb/>
          <p>Nachdem die Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft gegangen, blieb ich noch<lb/>
einige Augenblicke mit Goethe allein. &#x201E;Ich habe, &#x017F;agte<lb/>
er, die&#x017F;en Abend die Bemerkung gemacht, daß die&#x017F;e<lb/>
Lieder des Divans gar kein Verha&#x0364;ltniß mehr zu mir<lb/>
haben. Sowohl was darin orientali&#x017F;ch als was darin<lb/>
leiden&#x017F;chaftlich i&#x017F;t, hat aufgeho&#x0364;rt in mir fortzuleben; es<lb/>
i&#x017F;t wie eine abge&#x017F;treifte Schlangenhaut am Wege liegen<lb/>
geblieben. Dagegen das Lied: <hi rendition="#g">Um Mitternacht</hi><lb/>
hat &#x017F;ein Verha&#x0364;ltniß zu mir nicht verloren, es i&#x017F;t von<lb/>
mir noch ein lebendiger Theil und lebt mit mir fort.&#x201C;</p><lb/>
          <p>&#x201E;Es geht mir u&#x0364;brigens o&#x0364;fter mit meinen Sachen<lb/>
&#x017F;o, daß &#x017F;ie mir ga&#x0364;nzlich fremd werden. Ich las die&#x017F;er<lb/>
Tage etwas Franzo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;ches und dachte im Le&#x017F;en: der<lb/>
Mann &#x017F;pricht ge&#x017F;cheidt genug, du wu&#x0364;rde&#x017F;t es &#x017F;elb&#x017F;t nicht<lb/>
anders &#x017F;agen. Und als ich es genau be&#x017F;ehe, i&#x017F;t es eine<lb/>
u&#x0364;ber&#x017F;etzte Stelle aus meinen eigenen Schriften.&#x201C;</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
        <div n="2">
          <dateline rendition="#right">Montag Abend den 15. Januar 1827.<lb/></dateline>
          <p>Nach Vollendung der Helena hatte Goethe &#x017F;ich im<lb/>
vergangenen Sommer zur Fort&#x017F;etzung der Wanderjahre<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[284/0304] Goethen ganz beſonders. „Eberwein, ſagte er zu mir, uͤbertrifft ſich mitunter ſelber.“ Er bat ſodann noch um das Lied: Ach um deine feuchten Schwin¬ gen, welches gleichfalls die tiefſten Empfindungen an¬ zuregen geeignet war. Nachdem die Geſellſchaft gegangen, blieb ich noch einige Augenblicke mit Goethe allein. „Ich habe, ſagte er, dieſen Abend die Bemerkung gemacht, daß dieſe Lieder des Divans gar kein Verhaͤltniß mehr zu mir haben. Sowohl was darin orientaliſch als was darin leidenſchaftlich iſt, hat aufgehoͤrt in mir fortzuleben; es iſt wie eine abgeſtreifte Schlangenhaut am Wege liegen geblieben. Dagegen das Lied: Um Mitternacht hat ſein Verhaͤltniß zu mir nicht verloren, es iſt von mir noch ein lebendiger Theil und lebt mit mir fort.“ „Es geht mir uͤbrigens oͤfter mit meinen Sachen ſo, daß ſie mir gaͤnzlich fremd werden. Ich las dieſer Tage etwas Franzoͤſiſches und dachte im Leſen: der Mann ſpricht geſcheidt genug, du wuͤrdeſt es ſelbſt nicht anders ſagen. Und als ich es genau beſehe, iſt es eine uͤberſetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften.“ Montag Abend den 15. Januar 1827. Nach Vollendung der Helena hatte Goethe ſich im vergangenen Sommer zur Fortſetzung der Wanderjahre

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/304
Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 284. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/304>, abgerufen am 14.12.2018.