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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863.

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bei der Anfertigung des neuen Altars oder erst später in denselben auf-
genommen, muß zwar dahingestellt bleiben; jedenfalls ist aber die
Thatsache bemerkenswerth, daß man hier, noch in sehr später
Zeit und nach Einführung der Reformation
, diese Technik in
Anwendung brachte und dabei keinen Anstand nahm, diese ältern, vielleicht
aus einem verfallenen Altare herrührenden Statuetten zu benützen, obgleich
sich unter ihnen neben Aposteln auch der etwas problematische und jeden-
falls auf einem evangelischen Altare bedeutungslose St. Georg befand.



Das Oderbruch.
Benutzt: Beckmann historische Beschreibung der Chur und Mark
Brandenburg. Buchholtz, Versuch einer Geschichte der Chur-
mark Brandenburg. Berghaus Landbuch. Christiani "das
Oderbruch." Wehrmann die Eindeichung des Oderbruchs.
Mündliche und briefliche Mittheilungen aus Letschin, Gusow,
Quilitz, Friedersdorf, Groß-Neuendorf, Neu-Barnim etc.
(Die letzten Wenden-Reste in Sachsen und Preußen.)

Ueber die letzten Wendenreste brachte die National-Zeitung im
September d. J. folgende interessante Zuschrift aus Bautzen, dem alten
wendischen Budissin. "Ein seinem sicheren Untergange zutreibender Rest
eines ehemals großen, mächtigen Volkes hat immer etwas Tragisches und
verdient auch die Theilnahme des Siegers. Diesem Untergange gehen jetzt
sichtlich und sicher die sächsischen und preußischen Wenden zu, deren ohn-
mächtige Agitation in neuester Zeit vorwiegend durch die panslavistischen
Umtriebe und zuletzt durch die polnische Revolution Ursprung und Nah-
rung erhielt. Vor wenigen Tagen waren die slavischen Gelehrten Graf
Eustachius Tyschkewitsch und Antonius Drugalsky aus Wilna und der
slowakische Professor Michael Chrastek aus Neusohl in Ungarn, in unserer
alten Wendenstadt ("Budissin"), die auch in ihrem finsteren Aeußern noch
bis heutigen Tag ihren nationalen Ursprung nicht verleugnen kann. Jene
drei Gelehrten sind Männer von Ruf in der slavischen Literatur und ka-
men, um nach ihren Brüdern zu sehen, die, in Enclaven um Bautzen und
östlich von Görlitz mitten in dem sie umgebenden Deutschland, das letzte
Jahrhundert des Wendenthums erleben.

Wie ein verlöschendes Licht noch einmal aufflackert, so sind in jüng-
ster Zeit wendische Gesangvereine, Blätter, Gesellschaften entstanden und
doch wird dies den Prozeß nicht aufhalten.

Ein Stück nach dem andern reißt das Deutschthum an sich. Der wen-
dische Vater schickt seine Töchter in die Stadt, damit sie dort deutsch ler-
nen, und schon nach kurzer Zeit legen sie die nationale Tracht ab, ver-

bei der Anfertigung des neuen Altars oder erſt ſpäter in denſelben auf-
genommen, muß zwar dahingeſtellt bleiben; jedenfalls iſt aber die
Thatſache bemerkenswerth, daß man hier, noch in ſehr ſpäter
Zeit und nach Einführung der Reformation
, dieſe Technik in
Anwendung brachte und dabei keinen Anſtand nahm, dieſe ältern, vielleicht
aus einem verfallenen Altare herrührenden Statuetten zu benützen, obgleich
ſich unter ihnen neben Apoſteln auch der etwas problematiſche und jeden-
falls auf einem evangeliſchen Altare bedeutungsloſe St. Georg befand.



Das Oderbruch.
Benutzt: Beckmann hiſtoriſche Beſchreibung der Chur und Mark
Brandenburg. Buchholtz, Verſuch einer Geſchichte der Chur-
mark Brandenburg. Berghaus Landbuch. Chriſtiani „das
Oderbruch.“ Wehrmann die Eindeichung des Oderbruchs.
Mündliche und briefliche Mittheilungen aus Letſchin, Guſow,
Quilitz, Friedersdorf, Groß-Neuendorf, Neu-Barnim ꝛc.
(Die letzten Wenden-Reſte in Sachſen und Preußen.)

Ueber die letzten Wendenreſte brachte die National-Zeitung im
September d. J. folgende intereſſante Zuſchrift aus Bautzen, dem alten
wendiſchen Budiſſin. „Ein ſeinem ſicheren Untergange zutreibender Reſt
eines ehemals großen, mächtigen Volkes hat immer etwas Tragiſches und
verdient auch die Theilnahme des Siegers. Dieſem Untergange gehen jetzt
ſichtlich und ſicher die ſächſiſchen und preußiſchen Wenden zu, deren ohn-
mächtige Agitation in neueſter Zeit vorwiegend durch die panſlaviſtiſchen
Umtriebe und zuletzt durch die polniſche Revolution Urſprung und Nah-
rung erhielt. Vor wenigen Tagen waren die ſlaviſchen Gelehrten Graf
Euſtachius Tyſchkewitſch und Antonius Drugalsky aus Wilna und der
ſlowakiſche Profeſſor Michael Chrastek aus Neuſohl in Ungarn, in unſerer
alten Wendenſtadt („Budiſſin“), die auch in ihrem finſteren Aeußern noch
bis heutigen Tag ihren nationalen Urſprung nicht verleugnen kann. Jene
drei Gelehrten ſind Männer von Ruf in der ſlaviſchen Literatur und ka-
men, um nach ihren Brüdern zu ſehen, die, in Enclaven um Bautzen und
öſtlich von Görlitz mitten in dem ſie umgebenden Deutſchland, das letzte
Jahrhundert des Wendenthums erleben.

Wie ein verlöſchendes Licht noch einmal aufflackert, ſo ſind in jüng-
ſter Zeit wendiſche Geſangvereine, Blätter, Geſellſchaften entſtanden und
doch wird dies den Prozeß nicht aufhalten.

Ein Stück nach dem andern reißt das Deutſchthum an ſich. Der wen-
diſche Vater ſchickt ſeine Töchter in die Stadt, damit ſie dort deutſch ler-
nen, und ſchon nach kurzer Zeit legen ſie die nationale Tracht ab, ver-

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[527/0539] bei der Anfertigung des neuen Altars oder erſt ſpäter in denſelben auf- genommen, muß zwar dahingeſtellt bleiben; jedenfalls iſt aber die Thatſache bemerkenswerth, daß man hier, noch in ſehr ſpäter Zeit und nach Einführung der Reformation, dieſe Technik in Anwendung brachte und dabei keinen Anſtand nahm, dieſe ältern, vielleicht aus einem verfallenen Altare herrührenden Statuetten zu benützen, obgleich ſich unter ihnen neben Apoſteln auch der etwas problematiſche und jeden- falls auf einem evangeliſchen Altare bedeutungsloſe St. Georg befand. Das Oderbruch. Benutzt: Beckmann hiſtoriſche Beſchreibung der Chur und Mark Brandenburg. Buchholtz, Verſuch einer Geſchichte der Chur- mark Brandenburg. Berghaus Landbuch. Chriſtiani „das Oderbruch.“ Wehrmann die Eindeichung des Oderbruchs. Mündliche und briefliche Mittheilungen aus Letſchin, Guſow, Quilitz, Friedersdorf, Groß-Neuendorf, Neu-Barnim ꝛc. (Die letzten Wenden-Reſte in Sachſen und Preußen.) Ueber die letzten Wendenreſte brachte die National-Zeitung im September d. J. folgende intereſſante Zuſchrift aus Bautzen, dem alten wendiſchen Budiſſin. „Ein ſeinem ſicheren Untergange zutreibender Reſt eines ehemals großen, mächtigen Volkes hat immer etwas Tragiſches und verdient auch die Theilnahme des Siegers. Dieſem Untergange gehen jetzt ſichtlich und ſicher die ſächſiſchen und preußiſchen Wenden zu, deren ohn- mächtige Agitation in neueſter Zeit vorwiegend durch die panſlaviſtiſchen Umtriebe und zuletzt durch die polniſche Revolution Urſprung und Nah- rung erhielt. Vor wenigen Tagen waren die ſlaviſchen Gelehrten Graf Euſtachius Tyſchkewitſch und Antonius Drugalsky aus Wilna und der ſlowakiſche Profeſſor Michael Chrastek aus Neuſohl in Ungarn, in unſerer alten Wendenſtadt („Budiſſin“), die auch in ihrem finſteren Aeußern noch bis heutigen Tag ihren nationalen Urſprung nicht verleugnen kann. Jene drei Gelehrten ſind Männer von Ruf in der ſlaviſchen Literatur und ka- men, um nach ihren Brüdern zu ſehen, die, in Enclaven um Bautzen und öſtlich von Görlitz mitten in dem ſie umgebenden Deutſchland, das letzte Jahrhundert des Wendenthums erleben. Wie ein verlöſchendes Licht noch einmal aufflackert, ſo ſind in jüng- ſter Zeit wendiſche Geſangvereine, Blätter, Geſellſchaften entſtanden und doch wird dies den Prozeß nicht aufhalten. Ein Stück nach dem andern reißt das Deutſchthum an ſich. Der wen- diſche Vater ſchickt ſeine Töchter in die Stadt, damit ſie dort deutſch ler- nen, und ſchon nach kurzer Zeit legen ſie die nationale Tracht ab, ver-

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863, S. 527. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg02_1863/539>, abgerufen am 24.09.2018.