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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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Inhalt dessen, was gemalt wurde, wenigstens jenes hervor-
ragendsten Bildes, das sich in der "großen Porzellankammer"
befindet, scheint dagegen zu sprechen. Es stellt dar: wie
Afrika der Borussia huldigt
. Diese, auf Wolken thro-
nend, trägt eine Königskrone und neigt sich einer Mohren-
königin, zugleich einer Schaar heranschwebender schwarzer Genien
zu, die mit Geflissentlichkeit die Schätze Indiens und Chinas:
Theebüchsen und Ingwerkrüge, sogar ein Theeservice mit Tassen
und Kanne, der auf Wolken thronenden Borussia entgegentragen.

Die Königskrone der Borussia (falls es die Borussia ist)
deutet unverkennbar auf einen Zeitpunkt nach 1701. Anderer-
seits ist es nicht ganz leicht, in dieser, mit einer gewissen souve-
ränen Verachtung der Länder- und Völkerkunde auftretenden
Symbolik, die nichts so sehr haßt, als Logik und Consequenz,
sich zurecht zu finden. Denn nicht bloß, daß schwer abzusehen
ist, weshalb schwarze Genien dazu auserkoren wurden, den
Thee zu serviren oder porzellanene Vasen durch die Lüfte zu
tragen, so scheinen auch aufgespeicherte Chronikenbündel, auf
denen der Kurhut liegt, so lange nicht Geschichte ein leerer
Wahn ist, nothwendig auf Kurfürstliche Zeiten zurückzudeuten.
Man darf es aber freilich mit diesen Dingen nicht allzu genau
nehmen. Gedankliche oder historische Correctheit war niemals
das, worin die großen Coloristen sich gefielen. Es lag ihnen
an der sinnlichen Gesammtwirkung. Bis auf Weiteres ist die
Königskrone der Borussia das Entscheidende, die das Bild,
als ob es eine Jahreszahl trüge, in den Anfang des 18. Jahr-
hunderts verweist.

Kurfürstin Sophie Charlotte verließ schon 1694 Caput;
aber bis zu ihrem Tode (1705) und noch darüber hinaus, bis
zum Tode ihres Gemahls, blieb Caput ein bevorzugtes Schloß,
eine Sehenswürdigkeit von Ruf. Man setzte Summen an seine
Instandhaltung, sei es nun, um vorübergehend hier eine Villeg-
giatur zu nehmen, oder sei es -- insonderheit nachdem seine Aus-
schmückung vollendet war -- um es etwaigem, bei Hofe eintreffen-
dem Besuche als ein kleines märkisches Juwel zeigen zu können.

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Inhalt deſſen, was gemalt wurde, wenigſtens jenes hervor-
ragendſten Bildes, das ſich in der „großen Porzellankammer“
befindet, ſcheint dagegen zu ſprechen. Es ſtellt dar: wie
Afrika der Boruſſia huldigt
. Dieſe, auf Wolken thro-
nend, trägt eine Königskrone und neigt ſich einer Mohren-
königin, zugleich einer Schaar heranſchwebender ſchwarzer Genien
zu, die mit Gefliſſentlichkeit die Schätze Indiens und Chinas:
Theebüchſen und Ingwerkrüge, ſogar ein Theeſervice mit Taſſen
und Kanne, der auf Wolken thronenden Boruſſia entgegentragen.

Die Königskrone der Boruſſia (falls es die Boruſſia iſt)
deutet unverkennbar auf einen Zeitpunkt nach 1701. Anderer-
ſeits iſt es nicht ganz leicht, in dieſer, mit einer gewiſſen ſouve-
ränen Verachtung der Länder- und Völkerkunde auftretenden
Symbolik, die nichts ſo ſehr haßt, als Logik und Conſequenz,
ſich zurecht zu finden. Denn nicht bloß, daß ſchwer abzuſehen
iſt, weshalb ſchwarze Genien dazu auserkoren wurden, den
Thee zu ſerviren oder porzellanene Vaſen durch die Lüfte zu
tragen, ſo ſcheinen auch aufgeſpeicherte Chronikenbündel, auf
denen der Kurhut liegt, ſo lange nicht Geſchichte ein leerer
Wahn iſt, nothwendig auf Kurfürſtliche Zeiten zurückzudeuten.
Man darf es aber freilich mit dieſen Dingen nicht allzu genau
nehmen. Gedankliche oder hiſtoriſche Correctheit war niemals
das, worin die großen Coloriſten ſich gefielen. Es lag ihnen
an der ſinnlichen Geſammtwirkung. Bis auf Weiteres iſt die
Königskrone der Boruſſia das Entſcheidende, die das Bild,
als ob es eine Jahreszahl trüge, in den Anfang des 18. Jahr-
hunderts verweiſt.

Kurfürſtin Sophie Charlotte verließ ſchon 1694 Caput;
aber bis zu ihrem Tode (1705) und noch darüber hinaus, bis
zum Tode ihres Gemahls, blieb Caput ein bevorzugtes Schloß,
eine Sehenswürdigkeit von Ruf. Man ſetzte Summen an ſeine
Inſtandhaltung, ſei es nun, um vorübergehend hier eine Villeg-
giatur zu nehmen, oder ſei es — inſonderheit nachdem ſeine Aus-
ſchmückung vollendet war — um es etwaigem, bei Hofe eintreffen-
dem Beſuche als ein kleines märkiſches Juwel zeigen zu können.

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[179/0197] Inhalt deſſen, was gemalt wurde, wenigſtens jenes hervor- ragendſten Bildes, das ſich in der „großen Porzellankammer“ befindet, ſcheint dagegen zu ſprechen. Es ſtellt dar: wie Afrika der Boruſſia huldigt. Dieſe, auf Wolken thro- nend, trägt eine Königskrone und neigt ſich einer Mohren- königin, zugleich einer Schaar heranſchwebender ſchwarzer Genien zu, die mit Gefliſſentlichkeit die Schätze Indiens und Chinas: Theebüchſen und Ingwerkrüge, ſogar ein Theeſervice mit Taſſen und Kanne, der auf Wolken thronenden Boruſſia entgegentragen. Die Königskrone der Boruſſia (falls es die Boruſſia iſt) deutet unverkennbar auf einen Zeitpunkt nach 1701. Anderer- ſeits iſt es nicht ganz leicht, in dieſer, mit einer gewiſſen ſouve- ränen Verachtung der Länder- und Völkerkunde auftretenden Symbolik, die nichts ſo ſehr haßt, als Logik und Conſequenz, ſich zurecht zu finden. Denn nicht bloß, daß ſchwer abzuſehen iſt, weshalb ſchwarze Genien dazu auserkoren wurden, den Thee zu ſerviren oder porzellanene Vaſen durch die Lüfte zu tragen, ſo ſcheinen auch aufgeſpeicherte Chronikenbündel, auf denen der Kurhut liegt, ſo lange nicht Geſchichte ein leerer Wahn iſt, nothwendig auf Kurfürſtliche Zeiten zurückzudeuten. Man darf es aber freilich mit dieſen Dingen nicht allzu genau nehmen. Gedankliche oder hiſtoriſche Correctheit war niemals das, worin die großen Coloriſten ſich gefielen. Es lag ihnen an der ſinnlichen Geſammtwirkung. Bis auf Weiteres iſt die Königskrone der Boruſſia das Entſcheidende, die das Bild, als ob es eine Jahreszahl trüge, in den Anfang des 18. Jahr- hunderts verweiſt. Kurfürſtin Sophie Charlotte verließ ſchon 1694 Caput; aber bis zu ihrem Tode (1705) und noch darüber hinaus, bis zum Tode ihres Gemahls, blieb Caput ein bevorzugtes Schloß, eine Sehenswürdigkeit von Ruf. Man ſetzte Summen an ſeine Inſtandhaltung, ſei es nun, um vorübergehend hier eine Villeg- giatur zu nehmen, oder ſei es — inſonderheit nachdem ſeine Aus- ſchmückung vollendet war — um es etwaigem, bei Hofe eintreffen- dem Beſuche als ein kleines märkiſches Juwel zeigen zu können. 12*

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/197>, abgerufen am 20.09.2020.