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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Siebzehntes Kapitel.

Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav
hatte sich als konservativen Kandidaten aufstellen lassen,
und wenn für Woldemar noch Zweifel darüber gewesen
wären, so hätten einige am Tage darauf von Lorenzen
eintreffende Zeilen diese Zweifel beseitigt. Es hieß in
Lorenzens Brief:

"Seit deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei
Großes zugetragen. Noch am selben Abend erschienen
Gundermann und Koseleger und drangen in deinen Vater,
zu kandidieren. Er lehnte zunächst natürlich ab; er sei
weltfremd und verstehe nichts davon. Aber damit kam
er nicht weit. Koseleger, der -- was ihm auch später
noch von Nutzen sein wird -- immer ein paar Anekdoten
auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß vor
Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanz¬
minister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem
,Ich verstehe nichts davon', aus der Affaire ziehen
wollte, der bismarckisch-prompten Antwort begegnet sei:
,Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,' -- eine
Geschichte, der dein Vater natürlich nicht widerstehen
konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von Herumreisen
ist selbstverständlich Abstand genommen worden, ebenso
vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir
Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel.
Ich glaube, daß er siegt. Nur die Fortschrittler können

Fontane, Der Stechlin. 14
Siebzehntes Kapitel.

Es war ſo, wie die Tante geſchrieben: Dubslav
hatte ſich als konſervativen Kandidaten aufſtellen laſſen,
und wenn für Woldemar noch Zweifel darüber geweſen
wären, ſo hätten einige am Tage darauf von Lorenzen
eintreffende Zeilen dieſe Zweifel beſeitigt. Es hieß in
Lorenzens Brief:

„Seit deinem letzten Beſuch hat ſich hier allerlei
Großes zugetragen. Noch am ſelben Abend erſchienen
Gundermann und Koſeleger und drangen in deinen Vater,
zu kandidieren. Er lehnte zunächſt natürlich ab; er ſei
weltfremd und verſtehe nichts davon. Aber damit kam
er nicht weit. Koſeleger, der — was ihm auch ſpäter
noch von Nutzen ſein wird — immer ein paar Anekdoten
auf der Pfanne hat, erzählte ihm ſofort, daß vor
Jahren ſchon, als ein von Bismarck zum Finanz¬
miniſter Auserſehener ſich in gleicher Weiſe mit einem
,Ich verſtehe nichts davon‘, aus der Affaire ziehen
wollte, der bismarckiſch-prompten Antwort begegnet ſei:
,Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‘ — eine
Geſchichte, der dein Vater natürlich nicht widerſtehen
konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von Herumreiſen
iſt ſelbſtverſtändlich Abſtand genommen worden, ebenſo
vom Redenhalten. Schon nächſten Sonnabend haben wir
Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel.
Ich glaube, daß er ſiegt. Nur die Fortſchrittler können

Fontane, Der Stechlin. 14
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[[209]/0216] Siebzehntes Kapitel. Es war ſo, wie die Tante geſchrieben: Dubslav hatte ſich als konſervativen Kandidaten aufſtellen laſſen, und wenn für Woldemar noch Zweifel darüber geweſen wären, ſo hätten einige am Tage darauf von Lorenzen eintreffende Zeilen dieſe Zweifel beſeitigt. Es hieß in Lorenzens Brief: „Seit deinem letzten Beſuch hat ſich hier allerlei Großes zugetragen. Noch am ſelben Abend erſchienen Gundermann und Koſeleger und drangen in deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zunächſt natürlich ab; er ſei weltfremd und verſtehe nichts davon. Aber damit kam er nicht weit. Koſeleger, der — was ihm auch ſpäter noch von Nutzen ſein wird — immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm ſofort, daß vor Jahren ſchon, als ein von Bismarck zum Finanz¬ miniſter Auserſehener ſich in gleicher Weiſe mit einem ,Ich verſtehe nichts davon‘, aus der Affaire ziehen wollte, der bismarckiſch-prompten Antwort begegnet ſei: ,Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‘ — eine Geſchichte, der dein Vater natürlich nicht widerſtehen konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von Herumreiſen iſt ſelbſtverſtändlich Abſtand genommen worden, ebenſo vom Redenhalten. Schon nächſten Sonnabend haben wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich glaube, daß er ſiegt. Nur die Fortſchrittler können Fontane, Der Stechlin. 14

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [209]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/216>, abgerufen am 15.08.2020.