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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von
der Barbyschen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren
auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel
aufgebrochen, so daß sich, außer dem Brautvater, nur
noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser
hatte sich -- Melusine war vom Bahnhofe noch nicht
wieder da -- vom Eßsaal her zunächst in das verwaiste
Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia
zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln
zu sehn und einen Zug frische Luft zu thun. An dieser
Stelle fand ihn denn auch schließlich der alte Graf und
sagte, nachdem er seinem Staunen über den gesundheitlich
etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:
"Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich
einen kleinen Schwatz haben und uns näher mit ein¬
ander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehn ein halb;
wir haben also noch beinah' anderthalb Stunden."

Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in
sein Wohnzimmer, das bis dahin als Estaminet gedient
hatte, hinüberzuführen.

"Erlauben Sie mir," fuhr er hier fort, "daß ich
zunächst mein halb eingewickeltes und halb eingeschientes
Elefantenbein auf einen Stuhl strecke; es hat mich all
die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das
Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden.

Fontane, Der Stechlin. 26
Fünfunddreißigſtes Kapitel.

Um dieſelbe Stunde, wo ſich die fünf Herren von
der Barbyſchen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren
auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel
aufgebrochen, ſo daß ſich, außer dem Brautvater, nur
noch der alte Stechlin im Hochzeitshauſe befand. Dieſer
hatte ſich — Meluſine war vom Bahnhofe noch nicht
wieder da — vom Eßſaal her zunächſt in das verwaiſte
Damenzimmer und von dieſem aus auf die Loggia
zurückgezogen, um da die Lichter im Strom ſich ſpiegeln
zu ſehn und einen Zug friſche Luft zu thun. An dieſer
Stelle fand ihn denn auch ſchließlich der alte Graf und
ſagte, nachdem er ſeinem Staunen über den geſundheitlich
etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:
„Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich
einen kleinen Schwatz haben und uns näher mit ein¬
ander bekannt machen. Ihr Zug geht erſt zehn ein halb;
wir haben alſo noch beinah’ anderthalb Stunden.“

Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in
ſein Wohnzimmer, das bis dahin als Eſtaminet gedient
hatte, hinüberzuführen.

„Erlauben Sie mir,“ fuhr er hier fort, „daß ich
zunächſt mein halb eingewickeltes und halb eingeſchientes
Elefantenbein auf einen Stuhl ſtrecke; es hat mich all
die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das
Stehen vor dem Altar iſt mir blutſauer geworden.

Fontane, Der Stechlin. 26
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[[401]/0408] Fünfunddreißigſtes Kapitel. Um dieſelbe Stunde, wo ſich die fünf Herren von der Barbyſchen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel aufgebrochen, ſo daß ſich, außer dem Brautvater, nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshauſe befand. Dieſer hatte ſich — Meluſine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da — vom Eßſaal her zunächſt in das verwaiſte Damenzimmer und von dieſem aus auf die Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom ſich ſpiegeln zu ſehn und einen Zug friſche Luft zu thun. An dieſer Stelle fand ihn denn auch ſchließlich der alte Graf und ſagte, nachdem er ſeinem Staunen über den geſundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte: „Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher mit ein¬ ander bekannt machen. Ihr Zug geht erſt zehn ein halb; wir haben alſo noch beinah’ anderthalb Stunden.“ Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in ſein Wohnzimmer, das bis dahin als Eſtaminet gedient hatte, hinüberzuführen. „Erlauben Sie mir,“ fuhr er hier fort, „daß ich zunächſt mein halb eingewickeltes und halb eingeſchientes Elefantenbein auf einen Stuhl ſtrecke; es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das Stehen vor dem Altar iſt mir blutſauer geworden. Fontane, Der Stechlin. 26

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [401]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/408>, abgerufen am 03.08.2020.