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Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895.

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Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich dann eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber, dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden, dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?

Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholung des Affectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen nöthig; oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung, wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affect abgeschwächt hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen Hysterien im engeren Wortsinne.

In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit "psychischer Ausarbeitung" (Charcot) oder Incubation die Convertirung in ein somatisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.)

Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der Usur, all' jenen in der "Vorl. Mittheil." (pag. 6) berührten Einflüssen, die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wiederauftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.

Die usurirenden Einflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der Association, des Denkens, Correctur durch andere Vorstellungen. Diese wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem "Associationsverkehre" entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen Affectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze Erregungsumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals begonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen, oder die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständig für die Dauer etablirt.1

1 Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.

Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich dann eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber, dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden, dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?

Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholung des Affectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen nöthig; oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung, wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affect abgeschwächt hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen Hysterien im engeren Wortsinne.

In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit „psychischer Ausarbeitung“ (Charcot) oder Incubation die Convertirung in ein somatisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.)

Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der Usur, all' jenen in der „Vorl. Mittheil.“ (pag. 6) berührten Einflüssen, die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wiederauftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.

Die usurirenden Einflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der Association, des Denkens, Correctur durch andere Vorstellungen. Diese wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem „Associationsverkehre“ entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen Affectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze Erregungsumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals begonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen, oder die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständig für die Dauer etablirt.1

1 Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.
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[186/0192] Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich dann eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber, dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden, dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens? Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholung des Affectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen nöthig; oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung, wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affect abgeschwächt hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen Hysterien im engeren Wortsinne. In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit „psychischer Ausarbeitung“ (Charcot) oder Incubation die Convertirung in ein somatisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.) Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der Usur, all' jenen in der „Vorl. Mittheil.“ (pag. 6) berührten Einflüssen, die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wiederauftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her. Die usurirenden Einflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der Association, des Denkens, Correctur durch andere Vorstellungen. Diese wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem „Associationsverkehre“ entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen Affectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze Erregungsumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals begonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen, oder die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständig für die Dauer etablirt. 1 1 Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.

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Zitationshilfe: Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895, S. 186. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895/192>, abgerufen am 29.09.2020.