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Gall, Franz Joseph: Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustand des Menschen. Wien, 1791.

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belegt alles mit Thatsachen, welche bey strenger Prü-
fung allermeist verschwinden. "Es giebt Menschen,
sagt der nämliche Schriftsteller, die die Stunde
ihres Todes vorhersagen; Dieses kömmt von einer
Fähigkeit ihrer Seele her, welche die Kenntniß
des Maaßes ihrer körperlichen Kraft hat. -- --
So giebt es auch Menschen, die durch das Gefühl
des innern Sinnes geleitet, die Kraft ihrer Ma-
schine fühlen, und durch das Selbstgefühl ihr Auf-
hören eben so natürlich bestimmen können"*)

§. 8.
Darstellung der Hallerischen Hypothese.

Ehe ich alles dieses beantworte, muß ich die
Stahlische Hypothese auf einige Zeit verlassen, um
die Hallerische vorzunehmen.

Haller betrachtet die Bewegungen der thierischen
Werkzeuge blos als die Folge einer den Muskeln über-
haupt wesentlichen, und ihren Muskelfibern insbeson-
dere eingepflanzten Reizbarkeit; diese Reizbarkeit
aber als ein 1) von der Nervenkraft und dem Ner-
vengefühl ganz unterschiedenes, 2) von der Seele weit
entferntes und durchaus unabhängiges Vermögen, sich
auf jeden empfangenen Reiz zusammen zu ziehen, und
nach dem Reiz wieder in den Zustand der Ausdehnung
herzustellen. Die Hauptsäze, auf welche es in Hal-
lers
System ankömmt, sind folgende:


1) Alle
*) Aufschlüsse zur Magie. München 1788.

belegt alles mit Thatſachen, welche bey ſtrenger Pruͤ-
fung allermeiſt verſchwinden. “Es giebt Menſchen,
ſagt der naͤmliche Schriftſteller, die die Stunde
ihres Todes vorherſagen; Dieſes koͤmmt von einer
Faͤhigkeit ihrer Seele her, welche die Kenntniß
des Maaßes ihrer koͤrperlichen Kraft hat. — —
So giebt es auch Menſchen, die durch das Gefuͤhl
des innern Sinnes geleitet, die Kraft ihrer Ma-
ſchine fuͤhlen, und durch das Selbſtgefuͤhl ihr Auf-
hoͤren eben ſo natuͤrlich beſtimmen koͤnnen”*)

§. 8.
Darſtellung der Halleriſchen Hypotheſe.

Ehe ich alles dieſes beantworte, muß ich die
Stahliſche Hypotheſe auf einige Zeit verlaſſen, um
die Halleriſche vorzunehmen.

Haller betrachtet die Bewegungen der thieriſchen
Werkzeuge blos als die Folge einer den Muskeln uͤber-
haupt weſentlichen, und ihren Muskelfibern insbeſon-
dere eingepflanzten Reizbarkeit; dieſe Reizbarkeit
aber als ein 1) von der Nervenkraft und dem Ner-
vengefuͤhl ganz unterſchiedenes, 2) von der Seele weit
entferntes und durchaus unabhaͤngiges Vermoͤgen, ſich
auf jeden empfangenen Reiz zuſammen zu ziehen, und
nach dem Reiz wieder in den Zuſtand der Ausdehnung
herzuſtellen. Die Hauptſaͤze, auf welche es in Hal-
lers
Syſtem ankoͤmmt, ſind folgende:


1) Alle
*) Aufſchluͤſſe zur Magie. Muͤnchen 1788.
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[12/0031] belegt alles mit Thatſachen, welche bey ſtrenger Pruͤ- fung allermeiſt verſchwinden. “Es giebt Menſchen, ſagt der naͤmliche Schriftſteller, die die Stunde ihres Todes vorherſagen; Dieſes koͤmmt von einer Faͤhigkeit ihrer Seele her, welche die Kenntniß des Maaßes ihrer koͤrperlichen Kraft hat. — — So giebt es auch Menſchen, die durch das Gefuͤhl des innern Sinnes geleitet, die Kraft ihrer Ma- ſchine fuͤhlen, und durch das Selbſtgefuͤhl ihr Auf- hoͤren eben ſo natuͤrlich beſtimmen koͤnnen” *) §. 8. Darſtellung der Halleriſchen Hypotheſe. Ehe ich alles dieſes beantworte, muß ich die Stahliſche Hypotheſe auf einige Zeit verlaſſen, um die Halleriſche vorzunehmen. Haller betrachtet die Bewegungen der thieriſchen Werkzeuge blos als die Folge einer den Muskeln uͤber- haupt weſentlichen, und ihren Muskelfibern insbeſon- dere eingepflanzten Reizbarkeit; dieſe Reizbarkeit aber als ein 1) von der Nervenkraft und dem Ner- vengefuͤhl ganz unterſchiedenes, 2) von der Seele weit entferntes und durchaus unabhaͤngiges Vermoͤgen, ſich auf jeden empfangenen Reiz zuſammen zu ziehen, und nach dem Reiz wieder in den Zuſtand der Ausdehnung herzuſtellen. Die Hauptſaͤze, auf welche es in Hal- lers Syſtem ankoͤmmt, ſind folgende: 1) Alle *) Aufſchluͤſſe zur Magie. Muͤnchen 1788.

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Zitationshilfe: Gall, Franz Joseph: Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustand des Menschen. Wien, 1791, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gall_untersuchungen_1791/31>, abgerufen am 19.05.2019.