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Gerland, Georg: Über das Aussterben der Naturvölker. Leipzig, 1868.

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§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.

Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von Amerika: "Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Race nie einheimisch machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in den Amerikanern einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt eine geistig vorzüglichere, beweglichere, aus dem Osten stammende grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen, und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals begriffen (?) und tief empfunden werden."

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen Dämmerungsvölker, "sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen", sind die Amerikaner; seine Nachtvölker, welche sich "über Afrika ausdehnen und hinab gegen Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von Neuseeland (als Papus!!) erstrecken", stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und



§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.

Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in den Amerikanern einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt eine geistig vorzüglichere, beweglichere, aus dem Osten stammende grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen, und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals begriffen (?) und tief empfunden werden.«

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner; seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und

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 ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die
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 Nähe verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne
 durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu
 werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche berührt
 ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und
 Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch machen
 können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität.
 Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen
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 jener Menschheit mit jener eine eigenthümliche Physiognomie
 tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene
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 selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als
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 ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der
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 wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verlöschen
 mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner; seine
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Zitationshilfe: Gerland, Georg: Über das Aussterben der Naturvölker. Leipzig, 1868, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gerland_naturvoelker_1868/20>, abgerufen am 25.04.2019.