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Gerstner, Franz Joseph von: Handbuch der Mechanik. Bd. 1: Mechanik fester Körper. Prag, 1831.

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Wägen mit Federn.

Eine solche Steinbahn bildet für die Wägen eine vollkommen harte unnachgiebige
Grundfläche, und da die Steine wenigstens 2 Fuss lang und an ihren Enden vollkom-
men genau zusammengefügt sind, so folgt von selbst, dass hier beinahe keine Wider-
stände ausser der Reibung an den Achsen (vorausgesetzt, die Strasse sey horizon-
tal) vorhanden sind. Die Steinbahnen sind sonach ein Ersatzmittel für Eisenbahnen,
und da auf ihnen ein jeder Wagen ohne Unterschied fahren kann, welches bei Eisenbah-
nen nicht der Fall ist, so ist es unbezweifelt, dass die Anlage solcher Steinbahnen in-
nerhalb und in der Nähe von Städten von wesentlichen Nutzen ist.

§. 536.

Wenn auf einer Strasse unbedeutende Höhen und Tiefen vorkommen,
welche keinen Stoss verursachen, sondern in Gestalt einer gestreckten Schlangenlinie
sanft auf- und ablaufen, so sind sie für die Zugpferde weder zum Nachtheile noch zum
Vortheile. Wenn nämlich die Steigung und der Abhang sehr sanft und von der Art ist,
Fig.
6.
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dass die Wägen Fig. 6 von M nach N nicht in die Haltketten fallen, oder nicht an-
gehalten zu werden brauchen
, so wird der Zug über den Abhang M N um eben
so viel leichter, als er bei dem Ansteigen über N O schwerer ist. Dieselbe Betrachtung
findet auch bei flachrunden Steinen statt, indem von der Schwerkraft bekannt ist, dass
sie bei der Bewegung über eine abhängige runde Oberfläche dem Körper eben so viel
Geschwindigkeit gibt, als sie bei dem Ansteigen über eine gleiche Höhe wieder entzieht.
Weil nun die Kraft der Pferde durch kein so genau bestimmtes Maass beschränkt wird,
wie die Zugkraft eines Gewichtes, sondern auf eine kurze Zeit ein wenig mehr ange-
strengt werden kann, wenn hierauf wieder eine eben so grosse Erleichterung folgt, so
wird durch diese Abwechslung weder das Kraftvermögen der Pferde, noch die gleichför-
mige Bewegung des Wagens merklich verändert.

Dieselbe Betrachtung kommt denjenigen Wägen zu statten, bei welchen, gewöhnlich zur
Bequemlichkeit der Reisenden, der Kasten des Wagens nicht unmittelbar auf die Achsen
der Räder gelegt, sondern mittelst Stahlfedern unterstützt wird, welche dem Stosse
nachgeben, wodurch dann der Wagen mit der zu verführenden Last nicht mehr so viel von
seiner Geschwindigkeit verliert, und überhaupt bewirkt wird, dass der Schwerpunkt des
Fig.
7.
Wagens bei dem Fahren über Steine (Fig. 7) nur die gestreckte Schlangen-
linie
b c a c' b beschreibt, sonach denjenigen Verlust an seiner Geschwindigkeit, den
er auf dem Wege c a aufwärts erfährt, auf dem Wege a c' abwärts beinahe wieder zurück-
erhält. Da es zu weitläufig seyn würde, diesen Gegenstand durch eigene Rechnungen
umständlicher zu erläutern, so dürfte es hinreichend seyn, die Leser nur auf die Versuche
des Engländers R. L. Edgeworth aufmerksam zu machen, welche in Deutschland von
Gilbert in den Annalen der Physik, neue Folge, Band XXI. S. 322, bekannt gemacht
worden sind.

§. 537.

Eine weitere Art des Widerstandes ist die Nachgiebigkeit des Bodens, über
welchen der Wagen geführt wird. Eine jede Erde ist eines Eindruckes fähig, welcher
sich nach der Beschaffenheit derselben richtet, indem er desto mehr beträgt, je weicher
die Erde ist. Aus dieser Ursache sinkt auch ein jedes Rad in den Boden, worauf es steht

Wägen mit Federn.

Eine solche Steinbahn bildet für die Wägen eine vollkommen harte unnachgiebige
Grundfläche, und da die Steine wenigstens 2 Fuss lang und an ihren Enden vollkom-
men genau zusammengefügt sind, so folgt von selbst, dass hier beinahe keine Wider-
stände ausser der Reibung an den Achsen (vorausgesetzt, die Strasse sey horizon-
tal) vorhanden sind. Die Steinbahnen sind sonach ein Ersatzmittel für Eisenbahnen,
und da auf ihnen ein jeder Wagen ohne Unterschied fahren kann, welches bei Eisenbah-
nen nicht der Fall ist, so ist es unbezweifelt, dass die Anlage solcher Steinbahnen in-
nerhalb und in der Nähe von Städten von wesentlichen Nutzen ist.

§. 536.

Wenn auf einer Strasse unbedeutende Höhen und Tiefen vorkommen,
welche keinen Stoss verursachen, sondern in Gestalt einer gestreckten Schlangenlinie
sanft auf- und ablaufen, so sind sie für die Zugpferde weder zum Nachtheile noch zum
Vortheile. Wenn nämlich die Steigung und der Abhang sehr sanft und von der Art ist,
Fig.
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dass die Wägen Fig. 6 von M nach N nicht in die Haltketten fallen, oder nicht an-
gehalten zu werden brauchen
, so wird der Zug über den Abhang M N um eben
so viel leichter, als er bei dem Ansteigen über N O schwerer ist. Dieselbe Betrachtung
findet auch bei flachrunden Steinen statt, indem von der Schwerkraft bekannt ist, dass
sie bei der Bewegung über eine abhängige runde Oberfläche dem Körper eben so viel
Geschwindigkeit gibt, als sie bei dem Ansteigen über eine gleiche Höhe wieder entzieht.
Weil nun die Kraft der Pferde durch kein so genau bestimmtes Maass beschränkt wird,
wie die Zugkraft eines Gewichtes, sondern auf eine kurze Zeit ein wenig mehr ange-
strengt werden kann, wenn hierauf wieder eine eben so grosse Erleichterung folgt, so
wird durch diese Abwechslung weder das Kraftvermögen der Pferde, noch die gleichför-
mige Bewegung des Wagens merklich verändert.

Dieselbe Betrachtung kommt denjenigen Wägen zu statten, bei welchen, gewöhnlich zur
Bequemlichkeit der Reisenden, der Kasten des Wagens nicht unmittelbar auf die Achsen
der Räder gelegt, sondern mittelst Stahlfedern unterstützt wird, welche dem Stosse
nachgeben, wodurch dann der Wagen mit der zu verführenden Last nicht mehr so viel von
seiner Geschwindigkeit verliert, und überhaupt bewirkt wird, dass der Schwerpunkt des
Fig.
7.
Wagens bei dem Fahren über Steine (Fig. 7) nur die gestreckte Schlangen-
linie
b c a c' b beschreibt, sonach denjenigen Verlust an seiner Geschwindigkeit, den
er auf dem Wege c a aufwärts erfährt, auf dem Wege a c' abwärts beinahe wieder zurück-
erhält. Da es zu weitläufig seyn würde, diesen Gegenstand durch eigene Rechnungen
umständlicher zu erläutern, so dürfte es hinreichend seyn, die Leser nur auf die Versuche
des Engländers R. L. Edgeworth aufmerksam zu machen, welche in Deutschland von
Gilbert in den Annalen der Physik, neue Folge, Band XXI. S. 322, bekannt gemacht
worden sind.

§. 537.

Eine weitere Art des Widerstandes ist die Nachgiebigkeit des Bodens, über
welchen der Wagen geführt wird. Eine jede Erde ist eines Eindruckes fähig, welcher
sich nach der Beschaffenheit derselben richtet, indem er desto mehr beträgt, je weicher
die Erde ist. Aus dieser Ursache sinkt auch ein jedes Rad in den Boden, worauf es steht

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[580/0612] Wägen mit Federn. Eine solche Steinbahn bildet für die Wägen eine vollkommen harte unnachgiebige Grundfläche, und da die Steine wenigstens 2 Fuss lang und an ihren Enden vollkom- men genau zusammengefügt sind, so folgt von selbst, dass hier beinahe keine Wider- stände ausser der Reibung an den Achsen (vorausgesetzt, die Strasse sey horizon- tal) vorhanden sind. Die Steinbahnen sind sonach ein Ersatzmittel für Eisenbahnen, und da auf ihnen ein jeder Wagen ohne Unterschied fahren kann, welches bei Eisenbah- nen nicht der Fall ist, so ist es unbezweifelt, dass die Anlage solcher Steinbahnen in- nerhalb und in der Nähe von Städten von wesentlichen Nutzen ist. §. 536. Wenn auf einer Strasse unbedeutende Höhen und Tiefen vorkommen, welche keinen Stoss verursachen, sondern in Gestalt einer gestreckten Schlangenlinie sanft auf- und ablaufen, so sind sie für die Zugpferde weder zum Nachtheile noch zum Vortheile. Wenn nämlich die Steigung und der Abhang sehr sanft und von der Art ist, dass die Wägen Fig. 6 von M nach N nicht in die Haltketten fallen, oder nicht an- gehalten zu werden brauchen, so wird der Zug über den Abhang M N um eben so viel leichter, als er bei dem Ansteigen über N O schwerer ist. Dieselbe Betrachtung findet auch bei flachrunden Steinen statt, indem von der Schwerkraft bekannt ist, dass sie bei der Bewegung über eine abhängige runde Oberfläche dem Körper eben so viel Geschwindigkeit gibt, als sie bei dem Ansteigen über eine gleiche Höhe wieder entzieht. Weil nun die Kraft der Pferde durch kein so genau bestimmtes Maass beschränkt wird, wie die Zugkraft eines Gewichtes, sondern auf eine kurze Zeit ein wenig mehr ange- strengt werden kann, wenn hierauf wieder eine eben so grosse Erleichterung folgt, so wird durch diese Abwechslung weder das Kraftvermögen der Pferde, noch die gleichför- mige Bewegung des Wagens merklich verändert. Fig. 6. Tab. 29. Dieselbe Betrachtung kommt denjenigen Wägen zu statten, bei welchen, gewöhnlich zur Bequemlichkeit der Reisenden, der Kasten des Wagens nicht unmittelbar auf die Achsen der Räder gelegt, sondern mittelst Stahlfedern unterstützt wird, welche dem Stosse nachgeben, wodurch dann der Wagen mit der zu verführenden Last nicht mehr so viel von seiner Geschwindigkeit verliert, und überhaupt bewirkt wird, dass der Schwerpunkt des Wagens bei dem Fahren über Steine (Fig. 7) nur die gestreckte Schlangen- linie b c a c' b beschreibt, sonach denjenigen Verlust an seiner Geschwindigkeit, den er auf dem Wege c a aufwärts erfährt, auf dem Wege a c' abwärts beinahe wieder zurück- erhält. Da es zu weitläufig seyn würde, diesen Gegenstand durch eigene Rechnungen umständlicher zu erläutern, so dürfte es hinreichend seyn, die Leser nur auf die Versuche des Engländers R. L. Edgeworth aufmerksam zu machen, welche in Deutschland von Gilbert in den Annalen der Physik, neue Folge, Band XXI. S. 322, bekannt gemacht worden sind. Fig. 7. §. 537. Eine weitere Art des Widerstandes ist die Nachgiebigkeit des Bodens, über welchen der Wagen geführt wird. Eine jede Erde ist eines Eindruckes fähig, welcher sich nach der Beschaffenheit derselben richtet, indem er desto mehr beträgt, je weicher die Erde ist. Aus dieser Ursache sinkt auch ein jedes Rad in den Boden, worauf es steht

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Zitationshilfe: Gerstner, Franz Joseph von: Handbuch der Mechanik. Bd. 1: Mechanik fester Körper. Prag, 1831, S. 580. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gerstner_mechanik01_1831/612>, abgerufen am 21.07.2019.