Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. Bd. 2. Tübingen, 1810.

Bild:
<< vorherige Seite

Leider besteht der ganze Hintergrund der Geschichte
der Wissenschaften bis auf den heutigen Tag aus lau-
ter solchen beweglichen in einander fließenden und sich
doch nicht vereinigenden Gespenstern, die den Blick
dergestalt verwirren, daß man die hervortretenden,
wahrhaft würdigen Gestalten kaum recht scharf ins
Auge fassen kann.


Ueberliefertes.

Nun können wir nicht einen Schritt weiter gehen,
ohne jenes Ehrwürdige, wodurch das Entfernte ver-
bunden, das Zerrissene ergänzt wird, ich meyne das
Ueberlieferte, näher zu bezeichnen.

Weniges gelangt aus der Vorzeit herüber als voll-
ständiges Denkmal, vieles in Trümmern; manches als
Technik, als praktischer Handgriff; einiges, weil es
dem Menschen nahe verwandt ist, wie Mathematik;
anderes, weil es immer wieder gefordert und angeregt
wird, wie Himmel- und Erd-Kunde; einiges, weil
man dessen bedürftig bleibt, wie die Heilkunst; ande-
res zuletzt, weil es der Mensch, ohne zu wollen, im-
mer wieder selbst hervorbringt, wie Musik und die
übrigen Künste.

Doch von alle diesem ist im wissenschaftlichen Fal-
le nicht sowohl die Rede als von schriftlicher Ueber-

Leider beſteht der ganze Hintergrund der Geſchichte
der Wiſſenſchaften bis auf den heutigen Tag aus lau-
ter ſolchen beweglichen in einander fließenden und ſich
doch nicht vereinigenden Geſpenſtern, die den Blick
dergeſtalt verwirren, daß man die hervortretenden,
wahrhaft wuͤrdigen Geſtalten kaum recht ſcharf ins
Auge faſſen kann.


Ueberliefertes.

Nun koͤnnen wir nicht einen Schritt weiter gehen,
ohne jenes Ehrwuͤrdige, wodurch das Entfernte ver-
bunden, das Zerriſſene ergaͤnzt wird, ich meyne das
Ueberlieferte, naͤher zu bezeichnen.

Weniges gelangt aus der Vorzeit heruͤber als voll-
ſtaͤndiges Denkmal, vieles in Truͤmmern; manches als
Technik, als praktiſcher Handgriff; einiges, weil es
dem Menſchen nahe verwandt iſt, wie Mathematik;
anderes, weil es immer wieder gefordert und angeregt
wird, wie Himmel- und Erd-Kunde; einiges, weil
man deſſen beduͤrftig bleibt, wie die Heilkunſt; ande-
res zuletzt, weil es der Menſch, ohne zu wollen, im-
mer wieder ſelbſt hervorbringt, wie Muſik und die
uͤbrigen Kuͤnſte.

Doch von alle dieſem iſt im wiſſenſchaftlichen Fal-
le nicht ſowohl die Rede als von ſchriftlicher Ueber-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0171" n="137"/>
          <p>Leider be&#x017F;teht der ganze Hintergrund der Ge&#x017F;chichte<lb/>
der Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften bis auf den heutigen Tag aus lau-<lb/>
ter &#x017F;olchen beweglichen in einander fließenden und &#x017F;ich<lb/>
doch nicht vereinigenden Ge&#x017F;pen&#x017F;tern, die den Blick<lb/>
derge&#x017F;talt verwirren, daß man die hervortretenden,<lb/>
wahrhaft wu&#x0364;rdigen Ge&#x017F;talten kaum recht &#x017F;charf ins<lb/>
Auge fa&#x017F;&#x017F;en kann.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#g">Ueberliefertes</hi>.</head><lb/>
          <p>Nun ko&#x0364;nnen wir nicht einen Schritt weiter gehen,<lb/>
ohne jenes Ehrwu&#x0364;rdige, wodurch das Entfernte ver-<lb/>
bunden, das Zerri&#x017F;&#x017F;ene erga&#x0364;nzt wird, ich meyne das<lb/>
Ueberlieferte, na&#x0364;her zu bezeichnen.</p><lb/>
          <p>Weniges gelangt aus der Vorzeit heru&#x0364;ber als voll-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;ndiges Denkmal, vieles in Tru&#x0364;mmern; manches als<lb/>
Technik, als prakti&#x017F;cher Handgriff; einiges, weil es<lb/>
dem Men&#x017F;chen nahe verwandt i&#x017F;t, wie Mathematik;<lb/>
anderes, weil es immer wieder gefordert und angeregt<lb/>
wird, wie Himmel- und Erd-Kunde; einiges, weil<lb/>
man de&#x017F;&#x017F;en bedu&#x0364;rftig bleibt, wie die Heilkun&#x017F;t; ande-<lb/>
res zuletzt, weil es der Men&#x017F;ch, ohne zu wollen, im-<lb/>
mer wieder &#x017F;elb&#x017F;t hervorbringt, wie Mu&#x017F;ik und die<lb/>
u&#x0364;brigen Ku&#x0364;n&#x017F;te.</p><lb/>
          <p>Doch von alle die&#x017F;em i&#x017F;t im wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftlichen Fal-<lb/>
le nicht &#x017F;owohl die Rede als von &#x017F;chriftlicher Ueber-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[137/0171] Leider beſteht der ganze Hintergrund der Geſchichte der Wiſſenſchaften bis auf den heutigen Tag aus lau- ter ſolchen beweglichen in einander fließenden und ſich doch nicht vereinigenden Geſpenſtern, die den Blick dergeſtalt verwirren, daß man die hervortretenden, wahrhaft wuͤrdigen Geſtalten kaum recht ſcharf ins Auge faſſen kann. Ueberliefertes. Nun koͤnnen wir nicht einen Schritt weiter gehen, ohne jenes Ehrwuͤrdige, wodurch das Entfernte ver- bunden, das Zerriſſene ergaͤnzt wird, ich meyne das Ueberlieferte, naͤher zu bezeichnen. Weniges gelangt aus der Vorzeit heruͤber als voll- ſtaͤndiges Denkmal, vieles in Truͤmmern; manches als Technik, als praktiſcher Handgriff; einiges, weil es dem Menſchen nahe verwandt iſt, wie Mathematik; anderes, weil es immer wieder gefordert und angeregt wird, wie Himmel- und Erd-Kunde; einiges, weil man deſſen beduͤrftig bleibt, wie die Heilkunſt; ande- res zuletzt, weil es der Menſch, ohne zu wollen, im- mer wieder ſelbſt hervorbringt, wie Muſik und die uͤbrigen Kuͤnſte. Doch von alle dieſem iſt im wiſſenſchaftlichen Fal- le nicht ſowohl die Rede als von ſchriftlicher Ueber-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810/171
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. Bd. 2. Tübingen, 1810, S. 137. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810/171>, abgerufen am 18.08.2019.