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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Von Comödien oder Lustspielen.
mödianten haben ihre Schaubühne allbereit bey vielen Ken-
nern beliebt gemacht, und wenn sie so fortfahren, wird auch
mit der Zeit in diesem Stücke Deutschland den Ausländern
nichts nachgeben dörfen.



Das zwölffte Capitel.
Von Opern oder Singspielen.

JCh hätte mit dem vorigen Capitel meine gantze Dicht-
Kunst beschließen können; wenn nicht die neuern Zei-
ten eine besondre Art der Schauspiele erdacht hätten;
die man eine Opera nennet. Jhr erster Erfinder ist ein Jta-
lienischer Musicus, Cesti, am Savoyschen Hofe gewesen;
der des Guarini treuen Schäfer in die Music gesetzt, und wo
nicht gantz, doch zum wenigsten gröstentheils singend aufge-
führet. Die Liebhaber der Music bewunderten eine solche
Neuigkeit, und also wünschte man mehr dergleichen Stücke
zu sehen: woran es die Herren Poeten und Musici denn nicht
fehlen ließen. Die Verße wurden nach Art der Cantaten
gemacht, und bestunden also aus Recitativ und Arien. Der
Musicus componirte dieselbe nach seiner Phantasie; die
Sänger lernten Text und Music auswendig; die Schau-
bühne ward prächtig ausgezieret; und die gantze Vorstellung
mit vielen Veränderungen und Maschinen, abgewechselt.
Der Vorhang öffnete sich mit einem Concerte der allerschön-
sten Jnstrumenten, die von den grösten Virtuosen gespielet
wurden; und das gantze Singspiel wurde mit einer bestän-
digen Begleitung einiger schwächern Jnstrumente erfüllet.
Diese gantze Kunst war indessen noch unvollkommen, bis der
berühmte Lulli in Franckreich die Music auf einen gantz an-
dern Fuß gesetzet hatte. Dieser bemächtigte sich des Oper-
Theatri gantz und gar, und richtete alles nach seinem Kopfe
ein. Die Poeten musten nach feiner Pfeife tantzen: und sol-
che Stücke ersinnen, darinnen fein viel buntes und seltsames
aufgeführet werden konnte. Die Schau-Bühne muste sich

zum

Von Comoͤdien oder Luſtſpielen.
moͤdianten haben ihre Schaubuͤhne allbereit bey vielen Ken-
nern beliebt gemacht, und wenn ſie ſo fortfahren, wird auch
mit der Zeit in dieſem Stuͤcke Deutſchland den Auslaͤndern
nichts nachgeben doͤrfen.



Das zwoͤlffte Capitel.
Von Opern oder Singſpielen.

JCh haͤtte mit dem vorigen Capitel meine gantze Dicht-
Kunſt beſchließen koͤnnen; wenn nicht die neuern Zei-
ten eine beſondre Art der Schauſpiele erdacht haͤtten;
die man eine Opera nennet. Jhr erſter Erfinder iſt ein Jta-
lieniſcher Muſicus, Ceſti, am Savoyſchen Hofe geweſen;
der des Guarini treuen Schaͤfer in die Muſic geſetzt, und wo
nicht gantz, doch zum wenigſten groͤſtentheils ſingend aufge-
fuͤhret. Die Liebhaber der Muſic bewunderten eine ſolche
Neuigkeit, und alſo wuͤnſchte man mehr dergleichen Stuͤcke
zu ſehen: woran es die Herren Poeten und Muſici denn nicht
fehlen ließen. Die Verße wurden nach Art der Cantaten
gemacht, und beſtunden alſo aus Recitativ und Arien. Der
Muſicus componirte dieſelbe nach ſeiner Phantaſie; die
Saͤnger lernten Text und Muſic auswendig; die Schau-
buͤhne ward praͤchtig ausgezieret; und die gantze Vorſtellung
mit vielen Veraͤnderungen und Maſchinen, abgewechſelt.
Der Vorhang oͤffnete ſich mit einem Concerte der allerſchoͤn-
ſten Jnſtrumenten, die von den groͤſten Virtuoſen geſpielet
wurden; und das gantze Singſpiel wurde mit einer beſtaͤn-
digen Begleitung einiger ſchwaͤchern Jnſtrumente erfuͤllet.
Dieſe gantze Kunſt war indeſſen noch unvollkommen, bis der
beruͤhmte Lulli in Franckreich die Muſic auf einen gantz an-
dern Fuß geſetzet hatte. Dieſer bemaͤchtigte ſich des Oper-
Theatri gantz und gar, und richtete alles nach ſeinem Kopfe
ein. Die Poeten muſten nach feiner Pfeife tantzen: und ſol-
che Stuͤcke erſinnen, darinnen fein viel buntes und ſeltſames
aufgefuͤhret werden konnte. Die Schau-Buͤhne muſte ſich

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[603/0631] Von Comoͤdien oder Luſtſpielen. moͤdianten haben ihre Schaubuͤhne allbereit bey vielen Ken- nern beliebt gemacht, und wenn ſie ſo fortfahren, wird auch mit der Zeit in dieſem Stuͤcke Deutſchland den Auslaͤndern nichts nachgeben doͤrfen. Das zwoͤlffte Capitel. Von Opern oder Singſpielen. JCh haͤtte mit dem vorigen Capitel meine gantze Dicht- Kunſt beſchließen koͤnnen; wenn nicht die neuern Zei- ten eine beſondre Art der Schauſpiele erdacht haͤtten; die man eine Opera nennet. Jhr erſter Erfinder iſt ein Jta- lieniſcher Muſicus, Ceſti, am Savoyſchen Hofe geweſen; der des Guarini treuen Schaͤfer in die Muſic geſetzt, und wo nicht gantz, doch zum wenigſten groͤſtentheils ſingend aufge- fuͤhret. Die Liebhaber der Muſic bewunderten eine ſolche Neuigkeit, und alſo wuͤnſchte man mehr dergleichen Stuͤcke zu ſehen: woran es die Herren Poeten und Muſici denn nicht fehlen ließen. Die Verße wurden nach Art der Cantaten gemacht, und beſtunden alſo aus Recitativ und Arien. Der Muſicus componirte dieſelbe nach ſeiner Phantaſie; die Saͤnger lernten Text und Muſic auswendig; die Schau- buͤhne ward praͤchtig ausgezieret; und die gantze Vorſtellung mit vielen Veraͤnderungen und Maſchinen, abgewechſelt. Der Vorhang oͤffnete ſich mit einem Concerte der allerſchoͤn- ſten Jnſtrumenten, die von den groͤſten Virtuoſen geſpielet wurden; und das gantze Singſpiel wurde mit einer beſtaͤn- digen Begleitung einiger ſchwaͤchern Jnſtrumente erfuͤllet. Dieſe gantze Kunſt war indeſſen noch unvollkommen, bis der beruͤhmte Lulli in Franckreich die Muſic auf einen gantz an- dern Fuß geſetzet hatte. Dieſer bemaͤchtigte ſich des Oper- Theatri gantz und gar, und richtete alles nach ſeinem Kopfe ein. Die Poeten muſten nach feiner Pfeife tantzen: und ſol- che Stuͤcke erſinnen, darinnen fein viel buntes und ſeltſames aufgefuͤhret werden konnte. Die Schau-Buͤhne muſte ſich zum

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 603. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/631>, abgerufen am 20.08.2019.