Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 1. Berlin, 1812.

Bild:
<< vorherige Seite

klopfte sie zweimal dran, so reichte die Hand
heraus und nahm das Messer in Empfang.

Als aber die Mutter merkte, wie geschwind
und leicht sie immer den Torf heimbrachte, er-
zählte sie den Brüdern, es müßte ihr gewiß
jemand anders dabei helfen, sonst wäre es nicht
möglich. Da schlichen ihr die Brüder nach und
sahen, wie sie das Zaubermesser bekam, holten
sie ein und drangen es ihr mit Gewalt ab.
Darauf kehrten sie zurück, schlugen an den Fel-
sen, als sie gewohnt war zu thun, und wie der
gute Elf die Hand herausstreckte, schnitten sie
sie ihm ab mit seinem selbeigenen Messer. Der
blutende Arm zog sich zurück, und weil der Elf
glaubte seine Geliebte hätte es aus Verrath
gethan, so wurde er seitdem nimmermehr ge-
sehen.

9.
Die zwölf Brüder.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf
Kinder, das waren lauter Buben, er wollte
auch kein Mädchen haben und sagte zur Köni-
gin: "wenn das dreizehnte Kind, das du zur
Welt bringst, ein Mädchen ist, so laß ich die zwölf
andern tödten, ists aber auch ein Bube, dann
sollen sie alle miteinander leben bleiben." --
Die Königin gedachte es ihm auszureden. Der

klopfte ſie zweimal dran, ſo reichte die Hand
heraus und nahm das Meſſer in Empfang.

Als aber die Mutter merkte, wie geſchwind
und leicht ſie immer den Torf heimbrachte, er-
zaͤhlte ſie den Bruͤdern, es muͤßte ihr gewiß
jemand anders dabei helfen, ſonſt waͤre es nicht
moͤglich. Da ſchlichen ihr die Bruͤder nach und
ſahen, wie ſie das Zaubermeſſer bekam, holten
ſie ein und drangen es ihr mit Gewalt ab.
Darauf kehrten ſie zuruͤck, ſchlugen an den Fel-
ſen, als ſie gewohnt war zu thun, und wie der
gute Elf die Hand herausſtreckte, ſchnitten ſie
ſie ihm ab mit ſeinem ſelbeigenen Meſſer. Der
blutende Arm zog ſich zuruͤck, und weil der Elf
glaubte ſeine Geliebte haͤtte es aus Verrath
gethan, ſo wurde er ſeitdem nimmermehr ge-
ſehen.

9.
Die zwoͤlf Bruͤder.

Es war einmal ein Koͤnig, der hatte zwoͤlf
Kinder, das waren lauter Buben, er wollte
auch kein Maͤdchen haben und ſagte zur Koͤni-
gin: „wenn das dreizehnte Kind, das du zur
Welt bringſt, ein Maͤdchen iſt, ſo laß ich die zwoͤlf
andern toͤdten, iſts aber auch ein Bube, dann
ſollen ſie alle miteinander leben bleiben.“ —
Die Koͤnigin gedachte es ihm auszureden. Der

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0058" n="24"/>
klopfte &#x017F;ie zweimal dran, &#x017F;o reichte die Hand<lb/>
heraus und nahm das Me&#x017F;&#x017F;er in Empfang.</p><lb/>
        <p>Als aber die Mutter merkte, wie ge&#x017F;chwind<lb/>
und leicht &#x017F;ie immer den Torf heimbrachte, er-<lb/>
za&#x0364;hlte &#x017F;ie den Bru&#x0364;dern, es mu&#x0364;ßte ihr gewiß<lb/>
jemand anders dabei helfen, &#x017F;on&#x017F;t wa&#x0364;re es nicht<lb/>
mo&#x0364;glich. Da &#x017F;chlichen ihr die Bru&#x0364;der nach und<lb/>
&#x017F;ahen, wie &#x017F;ie das Zauberme&#x017F;&#x017F;er bekam, holten<lb/>
&#x017F;ie ein und drangen es ihr mit Gewalt ab.<lb/>
Darauf kehrten &#x017F;ie zuru&#x0364;ck, &#x017F;chlugen an den Fel-<lb/>
&#x017F;en, als &#x017F;ie gewohnt war zu thun, und wie der<lb/>
gute Elf die Hand heraus&#x017F;treckte, &#x017F;chnitten &#x017F;ie<lb/>
&#x017F;ie ihm ab mit &#x017F;einem &#x017F;elbeigenen Me&#x017F;&#x017F;er. Der<lb/>
blutende Arm zog &#x017F;ich zuru&#x0364;ck, und weil der Elf<lb/>
glaubte &#x017F;eine Geliebte ha&#x0364;tte es aus Verrath<lb/>
gethan, &#x017F;o wurde er &#x017F;eitdem nimmermehr ge-<lb/>
&#x017F;ehen.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>9.<lb/><hi rendition="#g">Die zwo&#x0364;lf Bru&#x0364;der</hi>.</head><lb/>
        <p>Es war einmal ein Ko&#x0364;nig, der hatte zwo&#x0364;lf<lb/>
Kinder, das waren lauter Buben, er wollte<lb/>
auch kein Ma&#x0364;dchen haben und &#x017F;agte zur Ko&#x0364;ni-<lb/>
gin: &#x201E;wenn das dreizehnte Kind, das du zur<lb/>
Welt bring&#x017F;t, ein Ma&#x0364;dchen i&#x017F;t, &#x017F;o laß ich die zwo&#x0364;lf<lb/>
andern to&#x0364;dten, i&#x017F;ts aber auch ein Bube, dann<lb/>
&#x017F;ollen &#x017F;ie alle miteinander leben bleiben.&#x201C; &#x2014;<lb/>
Die Ko&#x0364;nigin gedachte es ihm auszureden. Der<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[24/0058] klopfte ſie zweimal dran, ſo reichte die Hand heraus und nahm das Meſſer in Empfang. Als aber die Mutter merkte, wie geſchwind und leicht ſie immer den Torf heimbrachte, er- zaͤhlte ſie den Bruͤdern, es muͤßte ihr gewiß jemand anders dabei helfen, ſonſt waͤre es nicht moͤglich. Da ſchlichen ihr die Bruͤder nach und ſahen, wie ſie das Zaubermeſſer bekam, holten ſie ein und drangen es ihr mit Gewalt ab. Darauf kehrten ſie zuruͤck, ſchlugen an den Fel- ſen, als ſie gewohnt war zu thun, und wie der gute Elf die Hand herausſtreckte, ſchnitten ſie ſie ihm ab mit ſeinem ſelbeigenen Meſſer. Der blutende Arm zog ſich zuruͤck, und weil der Elf glaubte ſeine Geliebte haͤtte es aus Verrath gethan, ſo wurde er ſeitdem nimmermehr ge- ſehen. 9. Die zwoͤlf Bruͤder. Es war einmal ein Koͤnig, der hatte zwoͤlf Kinder, das waren lauter Buben, er wollte auch kein Maͤdchen haben und ſagte zur Koͤni- gin: „wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringſt, ein Maͤdchen iſt, ſo laß ich die zwoͤlf andern toͤdten, iſts aber auch ein Bube, dann ſollen ſie alle miteinander leben bleiben.“ — Die Koͤnigin gedachte es ihm auszureden. Der

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812/58
Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812/58>, abgerufen am 20.05.2019.