Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

hinaus. Jn der zweiten Nacht schickte die Königstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser glückte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr für die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Königstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und träumte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und hörte alles sehr wohl. Da fragte sie 'einer schlug keinen, was ist das?' Er antwortete 'ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.' Weiter fragte sie 'und schlug doch zwölfe, was ist das?' 'Das sind zwölf Mörder, die den Raben verzehrten und daran starben.' Als sie das Räthsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zurück lassen mußte. Am andern Morgen verkündigte die Königstochter sie habe das Räthsel errathen, und ließ die zwölf Richter kommen, und löste es vor ihnen. Aber der Jüngling bat sich Gehör aus, und sagte 'sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst hätte sie es nicht errathen.' Die Richter sprachen 'bringt uns Wahrzeichen.' Da wurden die drei Mäntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Königstochter zu tragen pflegte, so sagten sie 'laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.'



hinaus. Jn der zweiten Nacht schickte die Koͤnigstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser gluͤckte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr fuͤr die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Koͤnigstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und traͤumte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und hoͤrte alles sehr wohl. Da fragte sie ‘einer schlug keinen, was ist das?’ Er antwortete ‘ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.’ Weiter fragte sie ‘und schlug doch zwoͤlfe, was ist das?’ ‘Das sind zwoͤlf Moͤrder, die den Raben verzehrten und daran starben.’ Als sie das Raͤthsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zuruͤck lassen mußte. Am andern Morgen verkuͤndigte die Koͤnigstochter sie habe das Raͤthsel errathen, und ließ die zwoͤlf Richter kommen, und loͤste es vor ihnen. Aber der Juͤngling bat sich Gehoͤr aus, und sagte ‘sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst haͤtte sie es nicht errathen.’ Die Richter sprachen ‘bringt uns Wahrzeichen.’ Da wurden die drei Maͤntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Koͤnigstochter zu tragen pflegte, so sagten sie ‘laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.’



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0181" n="150"/>
hinaus. Jn der zweiten Nacht schickte die Ko&#x0364;nigstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser glu&#x0364;ckte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr fu&#x0364;r die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Ko&#x0364;nigstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und tra&#x0364;umte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und ho&#x0364;rte alles sehr wohl. Da fragte sie &#x2018;einer schlug keinen, was ist das?&#x2019; Er antwortete &#x2018;ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.&#x2019; Weiter fragte sie &#x2018;und schlug doch zwo&#x0364;lfe, was ist das?&#x2019; &#x2018;Das sind zwo&#x0364;lf Mo&#x0364;rder, die den Raben verzehrten und daran starben.&#x2019; Als sie das Ra&#x0364;thsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zuru&#x0364;ck lassen mußte. Am andern Morgen verku&#x0364;ndigte die Ko&#x0364;nigstochter sie habe das Ra&#x0364;thsel errathen, und ließ die zwo&#x0364;lf Richter kommen, und lo&#x0364;ste es vor ihnen. Aber der Ju&#x0364;ngling bat sich Geho&#x0364;r aus, und sagte &#x2018;sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst ha&#x0364;tte sie es nicht errathen.&#x2019; Die Richter sprachen &#x2018;bringt uns Wahrzeichen.&#x2019; Da wurden die drei Ma&#x0364;ntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Ko&#x0364;nigstochter zu tragen pflegte, so sagten sie &#x2018;laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.&#x2019;</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[150/0181] hinaus. Jn der zweiten Nacht schickte die Koͤnigstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser gluͤckte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr fuͤr die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Koͤnigstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und traͤumte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und hoͤrte alles sehr wohl. Da fragte sie ‘einer schlug keinen, was ist das?’ Er antwortete ‘ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.’ Weiter fragte sie ‘und schlug doch zwoͤlfe, was ist das?’ ‘Das sind zwoͤlf Moͤrder, die den Raben verzehrten und daran starben.’ Als sie das Raͤthsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zuruͤck lassen mußte. Am andern Morgen verkuͤndigte die Koͤnigstochter sie habe das Raͤthsel errathen, und ließ die zwoͤlf Richter kommen, und loͤste es vor ihnen. Aber der Juͤngling bat sich Gehoͤr aus, und sagte ‘sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst haͤtte sie es nicht errathen.’ Die Richter sprachen ‘bringt uns Wahrzeichen.’ Da wurden die drei Maͤntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Koͤnigstochter zu tragen pflegte, so sagten sie ‘laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.’

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2015-05-11T18:40:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Göttinger Digitalisierungszentrum: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-05-11T18:40:00Z)
Sandra Balck, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2015-06-15T16:12:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837/181
Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837, S. 150. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837/181>, abgerufen am 29.09.2020.