Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815.

Bild:
<< vorherige Seite

ganz gerad' fort, über Berg und Thal; endlich
kam er in eine große Stadt und mitten in die
Kirche, wo eben Gottesdienst gehalten wurde.
Wie er all die Herrlichkeit sah, meinte er, nun
wär' er im Himmel angelangt, setzte sich hin und
war froh. Als der Gottesdienst vorbei war, kam
der Küster und hieß ihn hinausgehen. "Nein,
sprach er, ich gehe nicht heraus, ich bin froh, daß
ich endlich im Himmel bin." Da ging der Küster
zum Pfarrer und sagte ihm, es wär' ein Junge
in der Kirche, der wolle nicht wieder heraus, weil
er glaube, er wäre da im Himmelreich. Der
Pfarrer sprach: "wenn's so ist, wollen wir ihn
behalten," ging hin und fragte ihn, ob er auch
Lust hätte zu arbeiten? Ja, antwortete der
Kleine, Arbeiten sey er gewohnt, aber heraus
ginge er nicht. Also blieb er in der Kirche und als
er sah, wie die Leut' zu dem Muttergottesbild
mit dem Jesuskind, das aus Holz geschnitten war,
kamen, knieten und beteten, meinte er, das wär'
der liebe Gott und sprach: "hör' einmal, lieber
Gott, was bist du mager! wie dich die Leut' hun-
gern lassen! ich will dir auch jeden Tag mein
halbes Essen bringen." Nun bracht er dem Bild
jeden Tag die Hälfte von seinem Essen und das
Bild fängt auch an zu essen. Wie ein paar Wo-
chen herum sind, merkten die Leute, daß das Bild
zunahm, dick und stark ward, wunderten sich sehr;
der Pfarrer konnte es auch nicht begreifen, blieb

ganz gerad’ fort, uͤber Berg und Thal; endlich
kam er in eine große Stadt und mitten in die
Kirche, wo eben Gottesdienſt gehalten wurde.
Wie er all die Herrlichkeit ſah, meinte er, nun
waͤr’ er im Himmel angelangt, ſetzte ſich hin und
war froh. Als der Gottesdienſt vorbei war, kam
der Kuͤſter und hieß ihn hinausgehen. „Nein,
ſprach er, ich gehe nicht heraus, ich bin froh, daß
ich endlich im Himmel bin.“ Da ging der Kuͤſter
zum Pfarrer und ſagte ihm, es waͤr’ ein Junge
in der Kirche, der wolle nicht wieder heraus, weil
er glaube, er waͤre da im Himmelreich. Der
Pfarrer ſprach: „wenn’s ſo iſt, wollen wir ihn
behalten,“ ging hin und fragte ihn, ob er auch
Luſt haͤtte zu arbeiten? Ja, antwortete der
Kleine, Arbeiten ſey er gewohnt, aber heraus
ginge er nicht. Alſo blieb er in der Kirche und als
er ſah, wie die Leut’ zu dem Muttergottesbild
mit dem Jeſuskind, das aus Holz geſchnitten war,
kamen, knieten und beteten, meinte er, das waͤr’
der liebe Gott und ſprach: „hoͤr’ einmal, lieber
Gott, was biſt du mager! wie dich die Leut’ hun-
gern laſſen! ich will dir auch jeden Tag mein
halbes Eſſen bringen.“ Nun bracht er dem Bild
jeden Tag die Haͤlfte von ſeinem Eſſen und das
Bild faͤngt auch an zu eſſen. Wie ein paar Wo-
chen herum ſind, merkten die Leute, daß das Bild
zunahm, dick und ſtark ward, wunderten ſich ſehr;
der Pfarrer konnte es auch nicht begreifen, blieb

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0205" n="184"/>
ganz gerad&#x2019; fort, u&#x0364;ber Berg und Thal; endlich<lb/>
kam er in eine große Stadt und mitten in die<lb/>
Kirche, wo eben Gottesdien&#x017F;t gehalten wurde.<lb/>
Wie er all die Herrlichkeit &#x017F;ah, meinte er, nun<lb/>
wa&#x0364;r&#x2019; er im Himmel angelangt, &#x017F;etzte &#x017F;ich hin und<lb/>
war froh. Als der Gottesdien&#x017F;t vorbei war, kam<lb/>
der Ku&#x0364;&#x017F;ter und hieß ihn hinausgehen. &#x201E;Nein,<lb/>
&#x017F;prach er, ich gehe nicht heraus, ich bin froh, daß<lb/>
ich endlich im Himmel bin.&#x201C; Da ging der Ku&#x0364;&#x017F;ter<lb/>
zum Pfarrer und &#x017F;agte ihm, es wa&#x0364;r&#x2019; ein Junge<lb/>
in der Kirche, der wolle nicht wieder heraus, weil<lb/>
er glaube, er wa&#x0364;re da im Himmelreich. Der<lb/>
Pfarrer &#x017F;prach: &#x201E;wenn&#x2019;s &#x017F;o i&#x017F;t, wollen wir ihn<lb/>
behalten,&#x201C; ging hin und fragte ihn, ob er auch<lb/>
Lu&#x017F;t ha&#x0364;tte zu arbeiten? Ja, antwortete der<lb/>
Kleine, Arbeiten &#x017F;ey er gewohnt, aber heraus<lb/>
ginge er nicht. Al&#x017F;o blieb er in der Kirche und als<lb/>
er &#x017F;ah, wie die Leut&#x2019; zu dem Muttergottesbild<lb/>
mit dem Je&#x017F;uskind, das aus Holz ge&#x017F;chnitten war,<lb/>
kamen, knieten und beteten, meinte er, das wa&#x0364;r&#x2019;<lb/>
der liebe Gott und &#x017F;prach: &#x201E;ho&#x0364;r&#x2019; einmal, lieber<lb/>
Gott, was bi&#x017F;t du mager! wie dich die Leut&#x2019; hun-<lb/>
gern la&#x017F;&#x017F;en! ich will dir auch jeden Tag mein<lb/>
halbes E&#x017F;&#x017F;en bringen.&#x201C; Nun bracht er dem Bild<lb/>
jeden Tag die Ha&#x0364;lfte von &#x017F;einem E&#x017F;&#x017F;en und das<lb/>
Bild fa&#x0364;ngt auch an zu e&#x017F;&#x017F;en. Wie ein paar Wo-<lb/>
chen herum &#x017F;ind, merkten die Leute, daß das Bild<lb/>
zunahm, dick und &#x017F;tark ward, wunderten &#x017F;ich &#x017F;ehr;<lb/>
der Pfarrer konnte es auch nicht begreifen, blieb<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[184/0205] ganz gerad’ fort, uͤber Berg und Thal; endlich kam er in eine große Stadt und mitten in die Kirche, wo eben Gottesdienſt gehalten wurde. Wie er all die Herrlichkeit ſah, meinte er, nun waͤr’ er im Himmel angelangt, ſetzte ſich hin und war froh. Als der Gottesdienſt vorbei war, kam der Kuͤſter und hieß ihn hinausgehen. „Nein, ſprach er, ich gehe nicht heraus, ich bin froh, daß ich endlich im Himmel bin.“ Da ging der Kuͤſter zum Pfarrer und ſagte ihm, es waͤr’ ein Junge in der Kirche, der wolle nicht wieder heraus, weil er glaube, er waͤre da im Himmelreich. Der Pfarrer ſprach: „wenn’s ſo iſt, wollen wir ihn behalten,“ ging hin und fragte ihn, ob er auch Luſt haͤtte zu arbeiten? Ja, antwortete der Kleine, Arbeiten ſey er gewohnt, aber heraus ginge er nicht. Alſo blieb er in der Kirche und als er ſah, wie die Leut’ zu dem Muttergottesbild mit dem Jeſuskind, das aus Holz geſchnitten war, kamen, knieten und beteten, meinte er, das waͤr’ der liebe Gott und ſprach: „hoͤr’ einmal, lieber Gott, was biſt du mager! wie dich die Leut’ hun- gern laſſen! ich will dir auch jeden Tag mein halbes Eſſen bringen.“ Nun bracht er dem Bild jeden Tag die Haͤlfte von ſeinem Eſſen und das Bild faͤngt auch an zu eſſen. Wie ein paar Wo- chen herum ſind, merkten die Leute, daß das Bild zunahm, dick und ſtark ward, wunderten ſich ſehr; der Pfarrer konnte es auch nicht begreifen, blieb

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/205
Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815, S. 184. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/205>, abgerufen am 10.04.2020.