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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 5. Aufl. Bd. 2. Göttingen, 1843.

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Pferde vor. 'Ganz gut,' meinte Pfriem, 'aber zwei Pferde bringen den Wagen nicht heraus, viere müssen wenigstens davor.' Ein anderer Engel kam, und führte noch zwei Pferde herbei, spannte sie aber nicht vorne sondern hinten an. Das war dem Meister Pfriem zu viel. 'Talpatsch!' brach er los, 'was machst du da? hat man je, so lange die Welt steht, auf diese Weise einen Wagen herausgezogen? Da meinen sie aber in ihrem dünkelhaften Übermuth alles besser zu wissen.' Er wollte weiter reden, aber einer von den Himmelsbewohnern hatte ihn am Kragen gepackt, und schob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus. Unter der Pforte drehte der Meister noch einmal den Kopf nach dem Wagen, und sah wie er von vier Flügelpferden in die Höhe gehoben wurde.

In diesem Augenblick erwachte Meister Pfriem. 'Es geht freilich im Himmel etwas anders her, als auf Erden,' sprach er zu sich selbst, 'und da läßt sich manches entschuldigen, aber wer kann geduldig mit ansehen daß man die Pferde zugleich hinten und vorn anspannt? freilich sie hatten Flügel, aber das hatte ich nicht bemerkt. Es ist übrigens eine gewaltige Dummheit Pferden, die vier Beine zum Laufen haben, noch ein paar Flügel anzuheften. Aber ich muß aufstehen, sonst machen sie mir im Haus lauter verkehrtes Zeug. Es ist nur ein Glück, daß ich nicht wirklich gestorben bin.'



Pferde vor. ‘Ganz gut,’ meinte Pfriem, ‘aber zwei Pferde bringen den Wagen nicht heraus, viere müssen wenigstens davor.’ Ein anderer Engel kam, und führte noch zwei Pferde herbei, spannte sie aber nicht vorne sondern hinten an. Das war dem Meister Pfriem zu viel. ‘Talpatsch!’ brach er los, ‘was machst du da? hat man je, so lange die Welt steht, auf diese Weise einen Wagen herausgezogen? Da meinen sie aber in ihrem dünkelhaften Übermuth alles besser zu wissen.’ Er wollte weiter reden, aber einer von den Himmelsbewohnern hatte ihn am Kragen gepackt, und schob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus. Unter der Pforte drehte der Meister noch einmal den Kopf nach dem Wagen, und sah wie er von vier Flügelpferden in die Höhe gehoben wurde.

In diesem Augenblick erwachte Meister Pfriem. ‘Es geht freilich im Himmel etwas anders her, als auf Erden,’ sprach er zu sich selbst, ‘und da läßt sich manches entschuldigen, aber wer kann geduldig mit ansehen daß man die Pferde zugleich hinten und vorn anspannt? freilich sie hatten Flügel, aber das hatte ich nicht bemerkt. Es ist übrigens eine gewaltige Dummheit Pferden, die vier Beine zum Laufen haben, noch ein paar Flügel anzuheften. Aber ich muß aufstehen, sonst machen sie mir im Haus lauter verkehrtes Zeug. Es ist nur ein Glück, daß ich nicht wirklich gestorben bin.’



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[407/0417] Pferde vor. ‘Ganz gut,’ meinte Pfriem, ‘aber zwei Pferde bringen den Wagen nicht heraus, viere müssen wenigstens davor.’ Ein anderer Engel kam, und führte noch zwei Pferde herbei, spannte sie aber nicht vorne sondern hinten an. Das war dem Meister Pfriem zu viel. ‘Talpatsch!’ brach er los, ‘was machst du da? hat man je, so lange die Welt steht, auf diese Weise einen Wagen herausgezogen? Da meinen sie aber in ihrem dünkelhaften Übermuth alles besser zu wissen.’ Er wollte weiter reden, aber einer von den Himmelsbewohnern hatte ihn am Kragen gepackt, und schob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus. Unter der Pforte drehte der Meister noch einmal den Kopf nach dem Wagen, und sah wie er von vier Flügelpferden in die Höhe gehoben wurde. In diesem Augenblick erwachte Meister Pfriem. ‘Es geht freilich im Himmel etwas anders her, als auf Erden,’ sprach er zu sich selbst, ‘und da läßt sich manches entschuldigen, aber wer kann geduldig mit ansehen daß man die Pferde zugleich hinten und vorn anspannt? freilich sie hatten Flügel, aber das hatte ich nicht bemerkt. Es ist übrigens eine gewaltige Dummheit Pferden, die vier Beine zum Laufen haben, noch ein paar Flügel anzuheften. Aber ich muß aufstehen, sonst machen sie mir im Haus lauter verkehrtes Zeug. Es ist nur ein Glück, daß ich nicht wirklich gestorben bin.’

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 5. Aufl. Bd. 2. Göttingen, 1843, S. 407. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1843/417>, abgerufen am 08.08.2020.