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Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 1. Berlin, 1759.

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Viertes Buch. Das Herz.
der Stelle treiben könnte, sondern ausserdem noch mit
einer solchen Anstemmung des Körpers, womit man den
grösten Stein fortwälzen könnte, so gebraucht werde,
daß der Stempel über der sehr glatt geschliffenen Fläche
derselben heruntergehet; daß aber dem ohngeachtet gleich-
wol der Saft, der noch flüssiger ist als das Blut, wie
zum Exempel in Wasser aufgelöseter Fischleim, ganz lang-
sam, und viel langsamer als Blut, auch überhaupt ganz
unvollkommen in den Körper eines kleinen Knaben drin-
ge. Denn das Herz füllet alle rothe Gefässe, die un-
zählbare Menge der farbenlosen Gefässe, und die Aus-
führungsgänge, ganz leicht und sehr geschwinde an: die
Sprizze aber treibet den Saft blos in die rothen Schlag-
und Blutadern, und in das Zellgewebe; hingegen gelan-
get derselbe nur in sehr wenige ungefärbte, und fast in
gar keine von denen kleinsten Gefässen, woraus das Ein-
geweide bestehet. Es erhellet also aus diesem groben Ver-
suche, daß die Kraft, welche einige hundert Pfunde fort-
stösset, nur den kleinsten Theil von dem Gewichte bewe-
ge, welches von dem Herzen so leichte, so anhaltend, und
ungemein geschwinde herumgetrieben wird.

§. 45.
Jurins Berechnung der Herzkräfte.

Jacob Jurin, der vor kurzem Präsident in dem me-
dicinischen Collegio zu London war, bemühete sich die
Kraft des Herzens nach einer andern Methode (e) zu be-
stimmen: diese wollen wir jezo vortragen, ob sie gleich
ihrem Erfinder selbst nicht gar zu gewiß vorgekommen
ist (f).

Es
(e) [Spaltenumbruch] Phil. Transact. n. 358. 359.
und in Dissert. physico-mathem.
(f) Jn der Vertheidigung die-
[Spaltenumbruch] ser Dissert. wider den vortreflichen
Senac, welche in London 1750.
herausgekommen, S. 20.

Viertes Buch. Das Herz.
der Stelle treiben koͤnnte, ſondern auſſerdem noch mit
einer ſolchen Anſtemmung des Koͤrpers, womit man den
groͤſten Stein fortwaͤlzen koͤnnte, ſo gebraucht werde,
daß der Stempel uͤber der ſehr glatt geſchliffenen Flaͤche
derſelben heruntergehet; daß aber dem ohngeachtet gleich-
wol der Saft, der noch fluͤſſiger iſt als das Blut, wie
zum Exempel in Waſſer aufgeloͤſeter Fiſchleim, ganz lang-
ſam, und viel langſamer als Blut, auch uͤberhaupt ganz
unvollkommen in den Koͤrper eines kleinen Knaben drin-
ge. Denn das Herz fuͤllet alle rothe Gefaͤſſe, die un-
zaͤhlbare Menge der farbenloſen Gefaͤſſe, und die Aus-
fuͤhrungsgaͤnge, ganz leicht und ſehr geſchwinde an: die
Sprizze aber treibet den Saft blos in die rothen Schlag-
und Blutadern, und in das Zellgewebe; hingegen gelan-
get derſelbe nur in ſehr wenige ungefaͤrbte, und faſt in
gar keine von denen kleinſten Gefaͤſſen, woraus das Ein-
geweide beſtehet. Es erhellet alſo aus dieſem groben Ver-
ſuche, daß die Kraft, welche einige hundert Pfunde fort-
ſtoͤſſet, nur den kleinſten Theil von dem Gewichte bewe-
ge, welches von dem Herzen ſo leichte, ſo anhaltend, und
ungemein geſchwinde herumgetrieben wird.

§. 45.
Jurins Berechnung der Herzkraͤfte.

Jacob Jurin, der vor kurzem Praͤſident in dem me-
diciniſchen Collegio zu London war, bemuͤhete ſich die
Kraft des Herzens nach einer andern Methode (e) zu be-
ſtimmen: dieſe wollen wir jezo vortragen, ob ſie gleich
ihrem Erfinder ſelbſt nicht gar zu gewiß vorgekommen
iſt (f).

Es
(e) [Spaltenumbruch] Phil. Transact. n. 358. 359.
und in Diſſert. phyſico-mathem.
(f) Jn der Vertheidigung die-
[Spaltenumbruch] ſer Diſſert. wider den vortreflichen
Senac, welche in London 1750.
herausgekommen, S. 20.
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[864/0920] Viertes Buch. Das Herz. der Stelle treiben koͤnnte, ſondern auſſerdem noch mit einer ſolchen Anſtemmung des Koͤrpers, womit man den groͤſten Stein fortwaͤlzen koͤnnte, ſo gebraucht werde, daß der Stempel uͤber der ſehr glatt geſchliffenen Flaͤche derſelben heruntergehet; daß aber dem ohngeachtet gleich- wol der Saft, der noch fluͤſſiger iſt als das Blut, wie zum Exempel in Waſſer aufgeloͤſeter Fiſchleim, ganz lang- ſam, und viel langſamer als Blut, auch uͤberhaupt ganz unvollkommen in den Koͤrper eines kleinen Knaben drin- ge. Denn das Herz fuͤllet alle rothe Gefaͤſſe, die un- zaͤhlbare Menge der farbenloſen Gefaͤſſe, und die Aus- fuͤhrungsgaͤnge, ganz leicht und ſehr geſchwinde an: die Sprizze aber treibet den Saft blos in die rothen Schlag- und Blutadern, und in das Zellgewebe; hingegen gelan- get derſelbe nur in ſehr wenige ungefaͤrbte, und faſt in gar keine von denen kleinſten Gefaͤſſen, woraus das Ein- geweide beſtehet. Es erhellet alſo aus dieſem groben Ver- ſuche, daß die Kraft, welche einige hundert Pfunde fort- ſtoͤſſet, nur den kleinſten Theil von dem Gewichte bewe- ge, welches von dem Herzen ſo leichte, ſo anhaltend, und ungemein geſchwinde herumgetrieben wird. §. 45. Jurins Berechnung der Herzkraͤfte. Jacob Jurin, der vor kurzem Praͤſident in dem me- diciniſchen Collegio zu London war, bemuͤhete ſich die Kraft des Herzens nach einer andern Methode (e) zu be- ſtimmen: dieſe wollen wir jezo vortragen, ob ſie gleich ihrem Erfinder ſelbſt nicht gar zu gewiß vorgekommen iſt (f). Es (e) Phil. Transact. n. 358. 359. und in Diſſert. phyſico-mathem. (f) Jn der Vertheidigung die- ſer Diſſert. wider den vortreflichen Senac, welche in London 1750. herausgekommen, S. 20.

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Zitationshilfe: Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 1. Berlin, 1759, S. 864. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_anfangsgruende01_1759/920>, abgerufen am 19.07.2019.