Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 1. Berlin, 1759.

Bild:
<< vorherige Seite

Viertes Buch. Das Herz.
ben wo man will, wirklich der Tod erfolge, aber doch übri-
gens in dem Herzen eine bewegende Ursache vorhanden
sey, welche die Bewegung dieses Muskels einige Zeitlang
unterstüzzet, wenn auch derselbe keinen Beistand mehr
von denen Nerven erhält. Daß aber wirklich derglei-
chen Ursache vorhanden sey, legen die Versuche auf das
augenscheinlichste an den Tag, welche wir jezzo eben an-
führen. Es ist diese Ursache die reizbare Natur, wel-
che in allen und jeden Muskeln einigermassen, im Herzen
aber mehr und mächtiger, als in irgend einem Fleische,
zugegen ist. Wir wollen aber die Sachen nach ihrer
Ordnung durchgehen.

§. 3.
Die Reizbarkeit ist die Ursache des Herz-
schlages.

Es bewegt sich das Herz nicht nur von selbsten, son-
dern es wird auch durch die Luft, die Wärme, allerhand
eingesprizte Säfte, die Spizze eines Messers, alle Arten
scharfer Säfte, die Salze, und die durch Beihülfe des
Feuers verfertigte Gifte, aus seiner Ruhe gar leichtlich
wieder zur Bewegung gereizzet, behält auch diese Eigen-
schaft noch, wenn bereits im thierischen Körper alle Mus-
keln erstarret, kraftlos (s), und ganz ruhig sind, auch
durch keine Kraft wieder zur Bewegung können gebracht
werden (t). Bei den kalten Thieren ist es etwas aus-
gemachtes (u), daß in denenselben das Herz noch ganzer

zehn
(s) [Spaltenumbruch] Etwas hieher gehöriges fin-
det man schon bei dem Plinius
L. XI. S. 621. An dem Herzen ei-
ner Kazze daurete noch das Schla-
gen, da die übrigen Muskeln alle
nicht mehr zu erwekken waren.
Muralt Vademec. anat. S. 449.
Es läst sich noch das Herze wieder
erwekken, wenn bereits der Le-
[Spaltenumbruch] bensquell in den übrigen Muskeln
vertroknet ist. Senac S. 328.
(t) Vergleiche damit unsre Ex-
perimente, am angef. Ort, 470.
472. 473. 493. 498. 515. 520.
(u) Exp. 528. 529. 531. 546. der
berühmte Brocklesby in den Phi-
los. Transact.
1755. S. 243.

Viertes Buch. Das Herz.
ben wo man will, wirklich der Tod erfolge, aber doch uͤbri-
gens in dem Herzen eine bewegende Urſache vorhanden
ſey, welche die Bewegung dieſes Muskels einige Zeitlang
unterſtuͤzzet, wenn auch derſelbe keinen Beiſtand mehr
von denen Nerven erhaͤlt. Daß aber wirklich derglei-
chen Urſache vorhanden ſey, legen die Verſuche auf das
augenſcheinlichſte an den Tag, welche wir jezzo eben an-
fuͤhren. Es iſt dieſe Urſache die reizbare Natur, wel-
che in allen und jeden Muskeln einigermaſſen, im Herzen
aber mehr und maͤchtiger, als in irgend einem Fleiſche,
zugegen iſt. Wir wollen aber die Sachen nach ihrer
Ordnung durchgehen.

§. 3.
Die Reizbarkeit iſt die Urſache des Herz-
ſchlages.

Es bewegt ſich das Herz nicht nur von ſelbſten, ſon-
dern es wird auch durch die Luft, die Waͤrme, allerhand
eingeſprizte Saͤfte, die Spizze eines Meſſers, alle Arten
ſcharfer Saͤfte, die Salze, und die durch Beihuͤlfe des
Feuers verfertigte Gifte, aus ſeiner Ruhe gar leichtlich
wieder zur Bewegung gereizzet, behaͤlt auch dieſe Eigen-
ſchaft noch, wenn bereits im thieriſchen Koͤrper alle Mus-
keln erſtarret, kraftlos (s), und ganz ruhig ſind, auch
durch keine Kraft wieder zur Bewegung koͤnnen gebracht
werden (t). Bei den kalten Thieren iſt es etwas aus-
gemachtes (u), daß in denenſelben das Herz noch ganzer

zehn
(s) [Spaltenumbruch] Etwas hieher gehoͤriges fin-
det man ſchon bei dem Plinius
L. XI. S. 621. An dem Herzen ei-
ner Kazze daurete noch das Schla-
gen, da die uͤbrigen Muskeln alle
nicht mehr zu erwekken waren.
Muralt Vademec. anat. S. 449.
Es laͤſt ſich noch das Herze wieder
erwekken, wenn bereits der Le-
[Spaltenumbruch] bensquell in den uͤbrigen Muskeln
vertroknet iſt. Senac S. 328.
(t) Vergleiche damit unſre Ex-
perimente, am angef. Ort, 470.
472. 473. 493. 498. 515. 520.
(u) Exp. 528. 529. 531. 546. der
beruͤhmte Brocklesby in den Phi-
loſ. Transact.
1755. S. 243.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0946" n="890"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Viertes Buch. Das Herz.</hi></fw><lb/>
ben wo man will, wirklich der Tod erfolge, aber doch u&#x0364;bri-<lb/>
gens in dem Herzen eine bewegende Ur&#x017F;ache vorhanden<lb/>
&#x017F;ey, welche die Bewegung die&#x017F;es Muskels einige Zeitlang<lb/>
unter&#x017F;tu&#x0364;zzet, wenn auch der&#x017F;elbe keinen Bei&#x017F;tand mehr<lb/>
von denen Nerven erha&#x0364;lt. Daß aber wirklich derglei-<lb/>
chen Ur&#x017F;ache vorhanden &#x017F;ey, legen die Ver&#x017F;uche auf das<lb/>
augen&#x017F;cheinlich&#x017F;te an den Tag, welche wir jezzo eben an-<lb/>
fu&#x0364;hren. Es i&#x017F;t die&#x017F;e Ur&#x017F;ache die <hi rendition="#fr">reizbare Natur,</hi> wel-<lb/>
che in allen und jeden Muskeln einigerma&#x017F;&#x017F;en, im Herzen<lb/>
aber mehr und ma&#x0364;chtiger, als in irgend einem Flei&#x017F;che,<lb/>
zugegen i&#x017F;t. Wir wollen aber die Sachen nach ihrer<lb/>
Ordnung durchgehen.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 3.<lb/>
Die Reizbarkeit i&#x017F;t die Ur&#x017F;ache des Herz-<lb/>
&#x017F;chlages.</head><lb/>
            <p>Es bewegt &#x017F;ich das Herz nicht nur von &#x017F;elb&#x017F;ten, &#x017F;on-<lb/>
dern es wird auch durch die Luft, die Wa&#x0364;rme, allerhand<lb/>
einge&#x017F;prizte Sa&#x0364;fte, die Spizze eines Me&#x017F;&#x017F;ers, alle Arten<lb/>
&#x017F;charfer Sa&#x0364;fte, die Salze, und die durch Beihu&#x0364;lfe des<lb/>
Feuers verfertigte Gifte, aus &#x017F;einer Ruhe gar leichtlich<lb/>
wieder zur Bewegung gereizzet, beha&#x0364;lt auch die&#x017F;e Eigen-<lb/>
&#x017F;chaft noch, wenn bereits im thieri&#x017F;chen Ko&#x0364;rper alle Mus-<lb/>
keln er&#x017F;tarret, kraftlos <note place="foot" n="(s)"><cb/>
Etwas hieher geho&#x0364;riges fin-<lb/>
det man &#x017F;chon bei dem <hi rendition="#fr">Plinius</hi><lb/><hi rendition="#aq">L. XI.</hi> S. 621. An dem Herzen ei-<lb/>
ner Kazze daurete noch das Schla-<lb/>
gen, da die u&#x0364;brigen Muskeln alle<lb/>
nicht mehr zu erwekken waren.<lb/><hi rendition="#fr">Muralt</hi> <hi rendition="#aq">Vademec. anat.</hi> S. 449.<lb/>
Es la&#x0364;&#x017F;t &#x017F;ich noch das Herze wieder<lb/>
erwekken, wenn bereits der Le-<lb/><cb/>
bensquell in den u&#x0364;brigen Muskeln<lb/>
vertroknet i&#x017F;t. <hi rendition="#fr">Senac</hi> S. 328.</note>, und ganz ruhig &#x017F;ind, auch<lb/>
durch keine Kraft wieder zur Bewegung ko&#x0364;nnen gebracht<lb/>
werden <note place="foot" n="(t)">Vergleiche damit un&#x017F;re Ex-<lb/>
perimente, am angef. Ort, 470.<lb/>
472. 473. 493. 498. 515. 520.</note>. Bei den kalten Thieren i&#x017F;t es etwas aus-<lb/>
gemachtes <note place="foot" n="(u)"><hi rendition="#aq">Exp.</hi> 528. 529. 531. 546. der<lb/>
beru&#x0364;hmte <hi rendition="#fr">Brocklesby</hi> in den <hi rendition="#aq">Phi-<lb/>
lo&#x017F;. Transact.</hi> 1755. S. 243.</note>, daß in denen&#x017F;elben das Herz noch ganzer<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">zehn</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[890/0946] Viertes Buch. Das Herz. ben wo man will, wirklich der Tod erfolge, aber doch uͤbri- gens in dem Herzen eine bewegende Urſache vorhanden ſey, welche die Bewegung dieſes Muskels einige Zeitlang unterſtuͤzzet, wenn auch derſelbe keinen Beiſtand mehr von denen Nerven erhaͤlt. Daß aber wirklich derglei- chen Urſache vorhanden ſey, legen die Verſuche auf das augenſcheinlichſte an den Tag, welche wir jezzo eben an- fuͤhren. Es iſt dieſe Urſache die reizbare Natur, wel- che in allen und jeden Muskeln einigermaſſen, im Herzen aber mehr und maͤchtiger, als in irgend einem Fleiſche, zugegen iſt. Wir wollen aber die Sachen nach ihrer Ordnung durchgehen. §. 3. Die Reizbarkeit iſt die Urſache des Herz- ſchlages. Es bewegt ſich das Herz nicht nur von ſelbſten, ſon- dern es wird auch durch die Luft, die Waͤrme, allerhand eingeſprizte Saͤfte, die Spizze eines Meſſers, alle Arten ſcharfer Saͤfte, die Salze, und die durch Beihuͤlfe des Feuers verfertigte Gifte, aus ſeiner Ruhe gar leichtlich wieder zur Bewegung gereizzet, behaͤlt auch dieſe Eigen- ſchaft noch, wenn bereits im thieriſchen Koͤrper alle Mus- keln erſtarret, kraftlos (s), und ganz ruhig ſind, auch durch keine Kraft wieder zur Bewegung koͤnnen gebracht werden (t). Bei den kalten Thieren iſt es etwas aus- gemachtes (u), daß in denenſelben das Herz noch ganzer zehn (s) Etwas hieher gehoͤriges fin- det man ſchon bei dem Plinius L. XI. S. 621. An dem Herzen ei- ner Kazze daurete noch das Schla- gen, da die uͤbrigen Muskeln alle nicht mehr zu erwekken waren. Muralt Vademec. anat. S. 449. Es laͤſt ſich noch das Herze wieder erwekken, wenn bereits der Le- bensquell in den uͤbrigen Muskeln vertroknet iſt. Senac S. 328. (t) Vergleiche damit unſre Ex- perimente, am angef. Ort, 470. 472. 473. 493. 498. 515. 520. (u) Exp. 528. 529. 531. 546. der beruͤhmte Brocklesby in den Phi- loſ. Transact. 1755. S. 243.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_anfangsgruende01_1759
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_anfangsgruende01_1759/946
Zitationshilfe: Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 1. Berlin, 1759, S. 890. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_anfangsgruende01_1759/946>, abgerufen am 16.07.2019.