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Hebbel, Friedrich: Maria Magdalene. Hamburg, 1844.

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hätt' ich's noch auf dem Sterbebett bei mir behalten.
Die Verschreibung hab' ich dem Todten, bevor sie
den Sarg zunagelten, unter den Kopf geschoben, wenn
ich schreiben könnte, hätt' ich vorher ein: Ehrlich be-
zahlt! darunter gesetzt, unwissend, wie ich bin, blieb
mir Nichts übrig, als der Länge nach einen Riß in's
Papier zu machen. Nun wird er ruhig schlafen, und
ich hoffe, ich auch, wenn ich mich einst neben ihn
hinstrecke.
Sechste Scene.
Die Mutter.
(tritt schnell ein) Kennst mich noch?
Meister Anton.
(auf das Hochzeitskleid deutend) Den Rahmen, ja wohl,
der hat sich gehalten, das Bild nicht recht. Es
scheint sich viel Spinnweb darauf gesetzt zu haben,
nun, die Zeit war lang genug dazu!
Mutter.
Hab' ich nicht einen aufrichtigen Mann? Doch,
ich brauch' ihn nicht apart zu loben, Aufrichtigkeit
ist die Tugend der Ehemänner.
hätt’ ich’s noch auf dem Sterbebett bei mir behalten.
Die Verſchreibung hab’ ich dem Todten, bevor ſie
den Sarg zunagelten, unter den Kopf geſchoben, wenn
ich ſchreiben könnte, hätt’ ich vorher ein: Ehrlich be-
zahlt! darunter geſetzt, unwiſſend, wie ich bin, blieb
mir Nichts übrig, als der Länge nach einen Riß in’s
Papier zu machen. Nun wird er ruhig ſchlafen, und
ich hoffe, ich auch, wenn ich mich einſt neben ihn
hinſtrecke.
Sechste Scene.
Die Mutter.
(tritt ſchnell ein) Kennſt mich noch?
Meiſter Anton.
(auf das Hochzeitskleid deutend) Den Rahmen, ja wohl,
der hat ſich gehalten, das Bild nicht recht. Es
ſcheint ſich viel Spinnweb darauf geſetzt zu haben,
nun, die Zeit war lang genug dazu!
Mutter.
Hab’ ich nicht einen aufrichtigen Mann? Doch,
ich brauch’ ihn nicht apart zu loben, Aufrichtigkeit
iſt die Tugend der Ehemänner.
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[43/0111] hätt’ ich’s noch auf dem Sterbebett bei mir behalten. Die Verſchreibung hab’ ich dem Todten, bevor ſie den Sarg zunagelten, unter den Kopf geſchoben, wenn ich ſchreiben könnte, hätt’ ich vorher ein: Ehrlich be- zahlt! darunter geſetzt, unwiſſend, wie ich bin, blieb mir Nichts übrig, als der Länge nach einen Riß in’s Papier zu machen. Nun wird er ruhig ſchlafen, und ich hoffe, ich auch, wenn ich mich einſt neben ihn hinſtrecke. Sechste Scene. Die Mutter. (tritt ſchnell ein) Kennſt mich noch? Meiſter Anton. (auf das Hochzeitskleid deutend) Den Rahmen, ja wohl, der hat ſich gehalten, das Bild nicht recht. Es ſcheint ſich viel Spinnweb darauf geſetzt zu haben, nun, die Zeit war lang genug dazu! Mutter. Hab’ ich nicht einen aufrichtigen Mann? Doch, ich brauch’ ihn nicht apart zu loben, Aufrichtigkeit iſt die Tugend der Ehemänner.

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Zitationshilfe: Hebbel, Friedrich: Maria Magdalene. Hamburg, 1844. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hebbel_magdalene_1844/111>, S. 43, abgerufen am 22.10.2017.