Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824.

Bild:
<< vorherige Seite
VI.
Blicke auf die Geschichte der Psychologie seit
Des-Cartes.
§. 17.

Wir haben neuerlich eine Geschichte der Psycholo-
gie von Carus erhalten, ohne Zweifel ein verdienstliches
Werk. Doch wäre eine Kritik der Psychologie, im Geiste
von Schleiermachers Kritik der Sittenlehre, etwas
weit wünschenswertheres.

Es kann mir nicht einfallen, hier auch nur den ge-
ringsten Versuch dieser Art machen zu wollen. Damit
meine weitläuftige Einleitung ein Ende finde, muss ich
mich begnügen, bis auf diejenigen Vorstellungsarten zu-
rückzugehn, welche noch jetzt von Einfluss sind, und ich
werde sie nur in so fern in Betracht ziehn, als dadurch
für meinen jetzigen Zweck etwas gewonnen wird.

Der erste, den ich hier achtungsvoll nennen muss,
ist Des-Cartes; selbstständig und reif in seiner Art als
Denker, und geistreich, ohne Künsteley, als Schriftstel-
ler. Seine meditationes de prima philosophia sind noch
heute höchst empfehlungswerth für Anfänger; besonders
wenn ein tüchtiger Lehrer hinzukommt. Das grosse Ver-
dienst des Des-Cartes besteht nicht bloss in scharfer
Scheidung des Geistes von der Materie, sondern darin,
dass er für die ganze Philosophie den rechten Ton an-
gab, indem er in das Gebiet des Zweifels vorläufig die
ganze Körperwelt, und alle unsre Vorstellungen von der-
selben verwies; hingegen das Ich als den Lichtpunct der
ersten Gewissheit hervorhob; wodurch jene Besonnenheit
möglich wurde, die Kant unter uns erneuerte, und die
man niemals wieder hätte verlieren sollen; die Besonnen-
heit an das eigne Denken, welches auch der Gegen-
stand
unseres Denkens seyn möge. -- Und welches ist
sein Beweis für das Daseyn Gottes? Nicht ursprünglich

VI.
Blicke auf die Geschichte der Psychologie seit
Des-Cartes.
§. 17.

Wir haben neuerlich eine Geschichte der Psycholo-
gie von Carus erhalten, ohne Zweifel ein verdienstliches
Werk. Doch wäre eine Kritik der Psychologie, im Geiste
von Schleiermachers Kritik der Sittenlehre, etwas
weit wünschenswertheres.

Es kann mir nicht einfallen, hier auch nur den ge-
ringsten Versuch dieser Art machen zu wollen. Damit
meine weitläuftige Einleitung ein Ende finde, muſs ich
mich begnügen, bis auf diejenigen Vorstellungsarten zu-
rückzugehn, welche noch jetzt von Einfluſs sind, und ich
werde sie nur in so fern in Betracht ziehn, als dadurch
für meinen jetzigen Zweck etwas gewonnen wird.

Der erste, den ich hier achtungsvoll nennen muſs,
ist Des-Cartes; selbstständig und reif in seiner Art als
Denker, und geistreich, ohne Künsteley, als Schriftstel-
ler. Seine meditationes de prima philosophia sind noch
heute höchst empfehlungswerth für Anfänger; besonders
wenn ein tüchtiger Lehrer hinzukommt. Das groſse Ver-
dienst des Des-Cartes besteht nicht bloſs in scharfer
Scheidung des Geistes von der Materie, sondern darin,
daſs er für die ganze Philosophie den rechten Ton an-
gab, indem er in das Gebiet des Zweifels vorläufig die
ganze Körperwelt, und alle unsre Vorstellungen von der-
selben verwies; hingegen das Ich als den Lichtpunct der
ersten Gewiſsheit hervorhob; wodurch jene Besonnenheit
möglich wurde, die Kant unter uns erneuerte, und die
man niemals wieder hätte verlieren sollen; die Besonnen-
heit an das eigne Denken, welches auch der Gegen-
stand
unseres Denkens seyn möge. — Und welches ist
sein Beweis für das Daseyn Gottes? Nicht ursprünglich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0064" n="44"/>
        <div n="2">
          <head>VI.<lb/>
Blicke auf die Geschichte der Psychologie seit<lb/><hi rendition="#g">Des-Cartes</hi>.</head><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 17.</head><lb/>
            <p>Wir haben neuerlich eine Geschichte der Psycholo-<lb/>
gie von <hi rendition="#g">Carus</hi> erhalten, ohne Zweifel ein verdienstliches<lb/>
Werk. Doch wäre eine Kritik der Psychologie, im Geiste<lb/>
von <hi rendition="#g">Schleiermachers</hi> Kritik der Sittenlehre, etwas<lb/>
weit wünschenswertheres.</p><lb/>
            <p>Es kann mir nicht einfallen, hier auch nur den ge-<lb/>
ringsten Versuch dieser Art machen zu wollen. Damit<lb/>
meine weitläuftige Einleitung ein Ende finde, mu&#x017F;s ich<lb/>
mich begnügen, bis auf diejenigen Vorstellungsarten zu-<lb/>
rückzugehn, welche noch jetzt von Einflu&#x017F;s sind, und ich<lb/>
werde sie nur in so fern in Betracht ziehn, als dadurch<lb/>
für meinen jetzigen Zweck etwas gewonnen wird.</p><lb/>
            <p>Der erste, den ich hier achtungsvoll nennen mu&#x017F;s,<lb/>
ist <hi rendition="#g">Des-Cartes</hi>; selbstständig und reif in seiner Art als<lb/>
Denker, und geistreich, ohne Künsteley, als Schriftstel-<lb/>
ler. Seine <hi rendition="#i">meditationes de prima philosophia</hi> sind noch<lb/>
heute höchst empfehlungswerth für Anfänger; besonders<lb/>
wenn ein tüchtiger Lehrer hinzukommt. Das gro&#x017F;se Ver-<lb/>
dienst des <hi rendition="#g">Des-Cartes</hi> besteht nicht blo&#x017F;s in scharfer<lb/>
Scheidung des Geistes von der Materie, sondern darin,<lb/>
da&#x017F;s er für die ganze Philosophie den rechten Ton an-<lb/>
gab, indem er in das Gebiet des Zweifels vorläufig die<lb/>
ganze Körperwelt, und alle unsre Vorstellungen von der-<lb/>
selben verwies; hingegen das Ich als den Lichtpunct der<lb/>
ersten Gewi&#x017F;sheit hervorhob; wodurch jene Besonnenheit<lb/>
möglich wurde, die <hi rendition="#g">Kant</hi> unter uns erneuerte, und die<lb/>
man niemals wieder hätte verlieren sollen; die Besonnen-<lb/>
heit an das <hi rendition="#g">eigne Denken</hi>, welches auch der <hi rendition="#g">Gegen-<lb/>
stand</hi> unseres Denkens seyn möge. &#x2014; Und welches ist<lb/>
sein Beweis für das Daseyn Gottes? Nicht ursprünglich<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[44/0064] VI. Blicke auf die Geschichte der Psychologie seit Des-Cartes. §. 17. Wir haben neuerlich eine Geschichte der Psycholo- gie von Carus erhalten, ohne Zweifel ein verdienstliches Werk. Doch wäre eine Kritik der Psychologie, im Geiste von Schleiermachers Kritik der Sittenlehre, etwas weit wünschenswertheres. Es kann mir nicht einfallen, hier auch nur den ge- ringsten Versuch dieser Art machen zu wollen. Damit meine weitläuftige Einleitung ein Ende finde, muſs ich mich begnügen, bis auf diejenigen Vorstellungsarten zu- rückzugehn, welche noch jetzt von Einfluſs sind, und ich werde sie nur in so fern in Betracht ziehn, als dadurch für meinen jetzigen Zweck etwas gewonnen wird. Der erste, den ich hier achtungsvoll nennen muſs, ist Des-Cartes; selbstständig und reif in seiner Art als Denker, und geistreich, ohne Künsteley, als Schriftstel- ler. Seine meditationes de prima philosophia sind noch heute höchst empfehlungswerth für Anfänger; besonders wenn ein tüchtiger Lehrer hinzukommt. Das groſse Ver- dienst des Des-Cartes besteht nicht bloſs in scharfer Scheidung des Geistes von der Materie, sondern darin, daſs er für die ganze Philosophie den rechten Ton an- gab, indem er in das Gebiet des Zweifels vorläufig die ganze Körperwelt, und alle unsre Vorstellungen von der- selben verwies; hingegen das Ich als den Lichtpunct der ersten Gewiſsheit hervorhob; wodurch jene Besonnenheit möglich wurde, die Kant unter uns erneuerte, und die man niemals wieder hätte verlieren sollen; die Besonnen- heit an das eigne Denken, welches auch der Gegen- stand unseres Denkens seyn möge. — Und welches ist sein Beweis für das Daseyn Gottes? Nicht ursprünglich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/64
Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/64>, abgerufen am 15.09.2019.