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Herder, Johann Gottfried von: Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg, 1773.

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je an Lieder dieser Art versuchte! Eine ganze
jugendliche, kindliche Seele zu füllen, Gesänge
in sie zu legen, die, meistens die Einzigen, le-
benslang in ihnen bleiben, und den Ton der-
selben anstimmen, und ihnen ewige Stimme
zu Thaten und Ruhe, zu Tugenden und zum
Troste seyn soll, wie Kriegs- Helden- und Vä-
terlieder in der Seele der alten, wilden Völ-
ker -- welch ein Zweck! welch ein Wort! und
wie viel wahrhafte Bestrebungen zu solchem
Werke haben wir denn? Reimgebetlein und
Lehrverse genug!

Wenn Luther über jene beyde wegen der
Religion verbrannte anstimmt:

Die Asche will nicht lassen ab,
Sie stäubt in allen Landen
Hier hilft kein Bach und Grub' und Grab,
Sie macht den Feind zu schanden!
Die er im Leben durch den Mord
Zu schreyen hat gezwungen,
Die muß er todt an allem Ort
Mit heller Stimm' und Zungen
Gar frölich lassen singen -- --

oder wenn er schließt:

Die laß man liegen immerhin
Sie habens keinen Frommen!
Wir wollen danken Gott darinn
Sein Wort ist wieder kommen,
Der Sommer ist hart für der Thüt
Der Winter ist vergangen.
Die Gartenblumen gehn herfür,
Der
E 2

je an Lieder dieſer Art verſuchte! Eine ganze
jugendliche, kindliche Seele zu fuͤllen, Geſaͤnge
in ſie zu legen, die, meiſtens die Einzigen, le-
benslang in ihnen bleiben, und den Ton der-
ſelben anſtimmen, und ihnen ewige Stimme
zu Thaten und Ruhe, zu Tugenden und zum
Troſte ſeyn ſoll, wie Kriegs- Helden- und Vaͤ-
terlieder in der Seele der alten, wilden Voͤl-
ker — welch ein Zweck! welch ein Wort! und
wie viel wahrhafte Beſtrebungen zu ſolchem
Werke haben wir denn? Reimgebetlein und
Lehrverſe genug!

Wenn Luther uͤber jene beyde wegen der
Religion verbrannte anſtimmt:

Die Aſche will nicht laſſen ab,
Sie ſtaͤubt in allen Landen
Hier hilft kein Bach und Grub’ und Grab,
Sie macht den Feind zu ſchanden!
Die er im Leben durch den Mord
Zu ſchreyen hat gezwungen,
Die muß er todt an allem Ort
Mit heller Stimm’ und Zungen
Gar froͤlich laſſen ſingen — —

oder wenn er ſchließt:

Die laß man liegen immerhin
Sie habens keinen Frommen!
Wir wollen danken Gott darinn
Sein Wort iſt wieder kommen,
Der Sommer iſt hart fuͤr der Thuͤt
Der Winter iſt vergangen.
Die Gartenblumen gehn herfuͤr,
Der
E 2
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[67/0071] je an Lieder dieſer Art verſuchte! Eine ganze jugendliche, kindliche Seele zu fuͤllen, Geſaͤnge in ſie zu legen, die, meiſtens die Einzigen, le- benslang in ihnen bleiben, und den Ton der- ſelben anſtimmen, und ihnen ewige Stimme zu Thaten und Ruhe, zu Tugenden und zum Troſte ſeyn ſoll, wie Kriegs- Helden- und Vaͤ- terlieder in der Seele der alten, wilden Voͤl- ker — welch ein Zweck! welch ein Wort! und wie viel wahrhafte Beſtrebungen zu ſolchem Werke haben wir denn? Reimgebetlein und Lehrverſe genug! Wenn Luther uͤber jene beyde wegen der Religion verbrannte anſtimmt: Die Aſche will nicht laſſen ab, Sie ſtaͤubt in allen Landen Hier hilft kein Bach und Grub’ und Grab, Sie macht den Feind zu ſchanden! Die er im Leben durch den Mord Zu ſchreyen hat gezwungen, Die muß er todt an allem Ort Mit heller Stimm’ und Zungen Gar froͤlich laſſen ſingen — — oder wenn er ſchließt: Die laß man liegen immerhin Sie habens keinen Frommen! Wir wollen danken Gott darinn Sein Wort iſt wieder kommen, Der Sommer iſt hart fuͤr der Thuͤt Der Winter iſt vergangen. Die Gartenblumen gehn herfuͤr, Der E 2

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Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg, 1773, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_artundkunst_1773/71>, abgerufen am 25.01.2020.