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Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 4. Riga, 1794.

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42.

Verzeihen Sie, daß ich Ihren Realis
de Vienna
nicht auf einen so tragischen
Fuß nehme, als er in den Bedrängnissen
seines mühseligen Lebens den Ton an-
stimmte. Sollten wir umsonst ein Jahr-
hundert später leben, in welchem sich man-
ches entwickelt hat, das Er nicht wissen
konnte?

Man sagt gewissen Landsleuten nach,
daß ehe sie ihre Landsmannschaft nennen,
sie ein Entschuldigungscompliment vorbrin-
gen, daß sie die seyn, die sie sind. Unser
Autor wird das für niederträchtig halten;
wenn es indeß gegen stolze Nationalver-

wandte
42.

Verzeihen Sie, daß ich Ihren Realis
de Vienna
nicht auf einen ſo tragiſchen
Fuß nehme, als er in den Bedraͤngniſſen
ſeines muͤhſeligen Lebens den Ton an-
ſtimmte. Sollten wir umſonſt ein Jahr-
hundert ſpaͤter leben, in welchem ſich man-
ches entwickelt hat, das Er nicht wiſſen
konnte?

Man ſagt gewiſſen Landsleuten nach,
daß ehe ſie ihre Landsmannſchaft nennen,
ſie ein Entſchuldigungscompliment vorbrin-
gen, daß ſie die ſeyn, die ſie ſind. Unſer
Autor wird das fuͤr niedertraͤchtig halten;
wenn es indeß gegen ſtolze Nationalver-

wandte
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[32/0037] 42. Verzeihen Sie, daß ich Ihren Realis de Vienna nicht auf einen ſo tragiſchen Fuß nehme, als er in den Bedraͤngniſſen ſeines muͤhſeligen Lebens den Ton an- ſtimmte. Sollten wir umſonſt ein Jahr- hundert ſpaͤter leben, in welchem ſich man- ches entwickelt hat, das Er nicht wiſſen konnte? Man ſagt gewiſſen Landsleuten nach, daß ehe ſie ihre Landsmannſchaft nennen, ſie ein Entſchuldigungscompliment vorbrin- gen, daß ſie die ſeyn, die ſie ſind. Unſer Autor wird das fuͤr niedertraͤchtig halten; wenn es indeß gegen ſtolze Nationalver- wandte

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Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 4. Riga, 1794, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet04_1794/37>, abgerufen am 19.07.2019.