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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767.

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5.

Unter so vielen Philosophischen Sprach-
verbesserern nehme ich einen, dessen Lob ich
in den Litteraturbriefen gern unterzeichne:
Sulzer, in seinem beliebten Jnbegriff der
Wissenschaften,
* in dem vielleicht kein Ar-
tikel ärmer ist, als der über die Sprache. Er
fordert zur Vollkommenheit einer Sprache

"1) einen hinlänglichen Vorrath von Wörtern
"und Redensarten, wodurch jeder Begriff
"deutlich und bestimmt ausgedruckt wird."
Nun! und wenn die Sprache einen über-
flüßigen
Vorrath hat? So muß der Ue-
berfluß fort! -- Vollkommen für den Philoso-
phen, aber schlecht für den Dichter, der von
diesem Ueberfluß leben muß, der nicht Be-
griffe deutlich und bestimmt, sondern Be-
griffe und Empfindungen rührend und reich
ausdrücken will. Wenn dieser neue Plato
eine Republik errichtet, wo Synonyme,
und uneigentliche Wörter verbannt werden:
lebet
* Litter. Br. Th. 4. p. 230.
5.

Unter ſo vielen Philoſophiſchen Sprach-
verbeſſerern nehme ich einen, deſſen Lob ich
in den Litteraturbriefen gern unterzeichne:
Sulzer, in ſeinem beliebten Jnbegriff der
Wiſſenſchaften,
* in dem vielleicht kein Ar-
tikel aͤrmer iſt, als der uͤber die Sprache. Er
fordert zur Vollkommenheit einer Sprache

„1) einen hinlaͤnglichen Vorrath von Woͤrtern
„und Redensarten, wodurch jeder Begriff
„deutlich und beſtimmt ausgedruckt wird.„
Nun! und wenn die Sprache einen uͤber-
fluͤßigen
Vorrath hat? So muß der Ue-
berfluß fort! — Vollkommen fuͤr den Philoſo-
phen, aber ſchlecht fuͤr den Dichter, der von
dieſem Ueberfluß leben muß, der nicht Be-
griffe deutlich und beſtimmt, ſondern Be-
griffe und Empfindungen ruͤhrend und reich
ausdruͤcken will. Wenn dieſer neue Plato
eine Republik errichtet, wo Synonyme,
und uneigentliche Woͤrter verbannt werden:
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* Litter. Br. Th. 4. p. 230.
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[40/0044] 5. Unter ſo vielen Philoſophiſchen Sprach- verbeſſerern nehme ich einen, deſſen Lob ich in den Litteraturbriefen gern unterzeichne: Sulzer, in ſeinem beliebten Jnbegriff der Wiſſenſchaften, * in dem vielleicht kein Ar- tikel aͤrmer iſt, als der uͤber die Sprache. Er fordert zur Vollkommenheit einer Sprache „1) einen hinlaͤnglichen Vorrath von Woͤrtern „und Redensarten, wodurch jeder Begriff „deutlich und beſtimmt ausgedruckt wird.„ Nun! und wenn die Sprache einen uͤber- fluͤßigen Vorrath hat? So muß der Ue- berfluß fort! — Vollkommen fuͤr den Philoſo- phen, aber ſchlecht fuͤr den Dichter, der von dieſem Ueberfluß leben muß, der nicht Be- griffe deutlich und beſtimmt, ſondern Be- griffe und Empfindungen ruͤhrend und reich ausdruͤcken will. Wenn dieſer neue Plato eine Republik errichtet, wo Synonyme, und uneigentliche Woͤrter verbannt werden: lebet * Litter. Br. Th. 4. p. 230.

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Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/44>, abgerufen am 31.05.2020.