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Hering, Ewald: Zur Lehre vom Lichtsinne. Zweiter, unveränderter Abdruck. Wien, 1878.

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bei der Erklärung aus meiner Theorie, wie ich später selbst zu
zeigen gedenke.

Auch der Plateau'schen Theorie liegt ein richtiger Ge-
danke zu Grunde, insofern sie von der schon alten Annahme gegen-
sätzlicher Zustände des Sehorganes ausgeht, und ein weiterer
Vorzug dieser Theorie liegt darin, daß sie den simultanen Con-
trast physiologisch zu erklären sucht. Aber jede ersprießliche
Durchführung der Theorie müßte sofort an der paradoxen An-
nahme Plateau's scheitern, daß "complementäre" Farben sich zu
Weiß ergänzen, wenn sie objectiv, zu Schwarz, wenn sie nur
subjectiv gegeben sind, was sich, wie bereits Fechner zeigte,
schon durch kleine Abänderungen derjenigen Versuche wider-
legen läßt, durch welche es Plateau zu beweisen suchte.

§. 48.
Schlußbemerkungen.

Ehe ich diese Mittheilungen über die Grundzüge einer neuen
Theorie des Licht- und Farbensinnes schließe, möchte ich noch
einmal in der Kürze die Hauptpunkte derselben hervorheben,
damit nicht etwa über einer Discussion untergeordneter, hier nur
flüchtig und vielleicht mangelhaft erörterter Nebendinge die
Hauptsache aus dem Auge verloren werde.

Die vorliegende Theorie, obwohl zunächst gegründet auf
eine möglichst vorurtheilsfreie Analyse der Gesichtsempfindungen
wurzelt doch sehr wesentlich mit in gewissen Grundgesetzen,
welche ich aus den Erscheinungen des organischen und des psy-
chischen Lebens überhaupt abstrahirt habe und freilich hier nur
nebenbei behandeln konnte, nämlich einerseits in dem im §. 29
ausgesprochenen psychologischen Grundgesetze, aus welchem sich
die wichtige Feststellung des Begriffes der Qualität und des Ge-
wichtes der Empfindungen ergab, und andererseits in dem Satze,
daß jede lebendige und erregbare Substanz, entsprechend den
in ihr gleichzeitig stattfindenden Dissimilirungs- und Assimili-
rungsprocessen, auch eine oder mehrere specifische D-Erregbar-
keiten und ebenso viele A-Erregbarkeiten besitzt, und daß man
demgemäß auch die D-Reize von den A-Reizen zu unterscheiden

bei der Erklärung aus meiner Theorie, wie ich später selbst zu
zeigen gedenke.

Auch der Plateau’schen Theorie liegt ein richtiger Ge-
danke zu Grunde, insofern sie von der schon alten Annahme gegen-
sätzlicher Zustände des Sehorganes ausgeht, und ein weiterer
Vorzug dieser Theorie liegt darin, daß sie den simultanen Con-
trast physiologisch zu erklären sucht. Aber jede ersprießliche
Durchführung der Theorie müßte sofort an der paradoxen An-
nahme Plateau’s scheitern, daß „complementäre“ Farben sich zu
Weiß ergänzen, wenn sie objectiv, zu Schwarz, wenn sie nur
subjectiv gegeben sind, was sich, wie bereits Fechner zeigte,
schon durch kleine Abänderungen derjenigen Versuche wider-
legen läßt, durch welche es Plateau zu beweisen suchte.

§. 48.
Schlußbemerkungen.

Ehe ich diese Mittheilungen über die Grundzüge einer neuen
Theorie des Licht- und Farbensinnes schließe, möchte ich noch
einmal in der Kürze die Hauptpunkte derselben hervorheben,
damit nicht etwa über einer Discussion untergeordneter, hier nur
flüchtig und vielleicht mangelhaft erörterter Nebendinge die
Hauptsache aus dem Auge verloren werde.

Die vorliegende Theorie, obwohl zunächst gegründet auf
eine möglichst vorurtheilsfreie Analyse der Gesichtsempfindungen
wurzelt doch sehr wesentlich mit in gewissen Grundgesetzen,
welche ich aus den Erscheinungen des organischen und des psy-
chischen Lebens überhaupt abstrahirt habe und freilich hier nur
nebenbei behandeln konnte, nämlich einerseits in dem im §. 29
ausgesprochenen psychologischen Grundgesetze, aus welchem sich
die wichtige Feststellung des Begriffes der Qualität und des Ge-
wichtes der Empfindungen ergab, und andererseits in dem Satze,
daß jede lebendige und erregbare Substanz, entsprechend den
in ihr gleichzeitig stattfindenden Dissimilirungs- und Assimili-
rungsprocessen, auch eine oder mehrere specifische D-Erregbar-
keiten und ebenso viele A-Erregbarkeiten besitzt, und daß man
demgemäß auch die D-Reize von den A-Reizen zu unterscheiden

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[138/0146] bei der Erklärung aus meiner Theorie, wie ich später selbst zu zeigen gedenke. Auch der Plateau’schen Theorie liegt ein richtiger Ge- danke zu Grunde, insofern sie von der schon alten Annahme gegen- sätzlicher Zustände des Sehorganes ausgeht, und ein weiterer Vorzug dieser Theorie liegt darin, daß sie den simultanen Con- trast physiologisch zu erklären sucht. Aber jede ersprießliche Durchführung der Theorie müßte sofort an der paradoxen An- nahme Plateau’s scheitern, daß „complementäre“ Farben sich zu Weiß ergänzen, wenn sie objectiv, zu Schwarz, wenn sie nur subjectiv gegeben sind, was sich, wie bereits Fechner zeigte, schon durch kleine Abänderungen derjenigen Versuche wider- legen läßt, durch welche es Plateau zu beweisen suchte. §. 48. Schlußbemerkungen. Ehe ich diese Mittheilungen über die Grundzüge einer neuen Theorie des Licht- und Farbensinnes schließe, möchte ich noch einmal in der Kürze die Hauptpunkte derselben hervorheben, damit nicht etwa über einer Discussion untergeordneter, hier nur flüchtig und vielleicht mangelhaft erörterter Nebendinge die Hauptsache aus dem Auge verloren werde. Die vorliegende Theorie, obwohl zunächst gegründet auf eine möglichst vorurtheilsfreie Analyse der Gesichtsempfindungen wurzelt doch sehr wesentlich mit in gewissen Grundgesetzen, welche ich aus den Erscheinungen des organischen und des psy- chischen Lebens überhaupt abstrahirt habe und freilich hier nur nebenbei behandeln konnte, nämlich einerseits in dem im §. 29 ausgesprochenen psychologischen Grundgesetze, aus welchem sich die wichtige Feststellung des Begriffes der Qualität und des Ge- wichtes der Empfindungen ergab, und andererseits in dem Satze, daß jede lebendige und erregbare Substanz, entsprechend den in ihr gleichzeitig stattfindenden Dissimilirungs- und Assimili- rungsprocessen, auch eine oder mehrere specifische D-Erregbar- keiten und ebenso viele A-Erregbarkeiten besitzt, und daß man demgemäß auch die D-Reize von den A-Reizen zu unterscheiden

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Zitationshilfe: Hering, Ewald: Zur Lehre vom Lichtsinne. Zweiter, unveränderter Abdruck. Wien, 1878, S. 138. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hering_lichtsinn_1878/146>, abgerufen am 21.07.2019.