Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 3. Leipzig, 1780.

Bild:
<< vorherige Seite

Anhang. Beschreibungen
zur Rechten eines von den beyden erwähnten Rasenstücken; das andere winket zwischen
den Stämmen der Lindenallee freundlich hervor.

Bey dem Eintritt in die Tannenallee schleicht zur Linken ein Pfad nach dem
Nachtigallenwinkel hin. Zur Rechten eröffnet sich ein breiter langer Gang, auf den
das schwarze Grün der hohen Tannen, die hin und wieder mit Roßkastanien unter-
mischt sind, eine feyerliche Dunkelheit herabwirft. Die Seele sinkt in Ruhe und eine
ernsthafte Verfassung dahin. Nur sparsam durch die finstere Ueberwölkung einfallen-
de Lichter unterbrechen hie und da die Nacht, worinn sich der Blick verliert, bis er
im entfernten Hintergrunde auf einem freyen Gebüsch in einer erquickenden Heiterkeit
wieder ruhet. Zur Linken dieses erhabenen Ganges vermehrt seinen Ernst ein naher
Teich, der sich bis an seine Mitte hin unter dicken Ueberschattungen eines angränzen-
den Ellernwaldes, der sich weiter hinauf mit Eichen vermischt, erstreckt, und zur
Rechten ist durch ein hinter den Bäumen angepflanztes Gebüsch die Durchsicht auf den
anliegenden Rasen, dessen freyer Anblick hier die Wirkung dieser Scene nur unter-
brechen würde, fast ganz verschlossen. Gegen das Ende der Tannenallee, wo eine
Bank zum Ruhen einladet, erblickt man über ihr an einem Baum eine Tafel mit dieser
Inschrift:

Mit meiner Mutter ist mein Vater hier gesessen:
Hier will ich ruhig auch des Lebens Müh vergessen,
Stets euer eingedenk, stets dankbar euch noch seyn,
Und euch, ihr Liebsten, oft hier stille Thränen weihn.

Diese simple Poesie rührt, weil sie eine edle Gesinnung ausdrückt, die jedes wohlge-
stimmte Herz nachempfinden kann; sie rührt besonders an diesem Orte, wo Ver-
schlossenheit und Schatten die Seele zum Gefühl rufen. Nach einer Zurückerinne-
rung an die Vorfahren, die diese Bäume pflanzten, die unter diesen Bäumen ruhten,
kommt man immer mehr der neuen Anlage näher.

Verschiedene Wege laufen hier seitwärts nach verschiedenen Gegenden ab, die,
obgleich sie außerhalb der Linie der neuen Anlage liegen, doch mit abwechselnden Auf-
tritten und Spaziergängen bereichert sind.

Ein Blick in die dunkle Tannenallee zurück erneuert die ernsthafte Empfindung,
die der Eingang erweckte; und gleich darauf tritt man zur Rechten in die neue Anlage,
und wird von dem Geräusch eines lebhaften Wasserfalls empfangen, der sich zur Seite
des Weges hervorstürzt, ohne daß man seinen Ursprung errathen kann.

Man schaut in eine lange Pflanzung von lauter jungen edlen Obstbäumen hin;
der Blick geht von da weiter über einen Rasen, zwischen den weißen Bogen, worauf

ein

Anhang. Beſchreibungen
zur Rechten eines von den beyden erwaͤhnten Raſenſtuͤcken; das andere winket zwiſchen
den Staͤmmen der Lindenallee freundlich hervor.

Bey dem Eintritt in die Tannenallee ſchleicht zur Linken ein Pfad nach dem
Nachtigallenwinkel hin. Zur Rechten eroͤffnet ſich ein breiter langer Gang, auf den
das ſchwarze Gruͤn der hohen Tannen, die hin und wieder mit Roßkaſtanien unter-
miſcht ſind, eine feyerliche Dunkelheit herabwirft. Die Seele ſinkt in Ruhe und eine
ernſthafte Verfaſſung dahin. Nur ſparſam durch die finſtere Ueberwoͤlkung einfallen-
de Lichter unterbrechen hie und da die Nacht, worinn ſich der Blick verliert, bis er
im entfernten Hintergrunde auf einem freyen Gebuͤſch in einer erquickenden Heiterkeit
wieder ruhet. Zur Linken dieſes erhabenen Ganges vermehrt ſeinen Ernſt ein naher
Teich, der ſich bis an ſeine Mitte hin unter dicken Ueberſchattungen eines angraͤnzen-
den Ellernwaldes, der ſich weiter hinauf mit Eichen vermiſcht, erſtreckt, und zur
Rechten iſt durch ein hinter den Baͤumen angepflanztes Gebuͤſch die Durchſicht auf den
anliegenden Raſen, deſſen freyer Anblick hier die Wirkung dieſer Scene nur unter-
brechen wuͤrde, faſt ganz verſchloſſen. Gegen das Ende der Tannenallee, wo eine
Bank zum Ruhen einladet, erblickt man uͤber ihr an einem Baum eine Tafel mit dieſer
Inſchrift:

Mit meiner Mutter iſt mein Vater hier geſeſſen:
Hier will ich ruhig auch des Lebens Muͤh vergeſſen,
Stets euer eingedenk, ſtets dankbar euch noch ſeyn,
Und euch, ihr Liebſten, oft hier ſtille Thraͤnen weihn.

Dieſe ſimple Poeſie ruͤhrt, weil ſie eine edle Geſinnung ausdruͤckt, die jedes wohlge-
ſtimmte Herz nachempfinden kann; ſie ruͤhrt beſonders an dieſem Orte, wo Ver-
ſchloſſenheit und Schatten die Seele zum Gefuͤhl rufen. Nach einer Zuruͤckerinne-
rung an die Vorfahren, die dieſe Baͤume pflanzten, die unter dieſen Baͤumen ruhten,
kommt man immer mehr der neuen Anlage naͤher.

Verſchiedene Wege laufen hier ſeitwaͤrts nach verſchiedenen Gegenden ab, die,
obgleich ſie außerhalb der Linie der neuen Anlage liegen, doch mit abwechſelnden Auf-
tritten und Spaziergaͤngen bereichert ſind.

Ein Blick in die dunkle Tannenallee zuruͤck erneuert die ernſthafte Empfindung,
die der Eingang erweckte; und gleich darauf tritt man zur Rechten in die neue Anlage,
und wird von dem Geraͤuſch eines lebhaften Waſſerfalls empfangen, der ſich zur Seite
des Weges hervorſtuͤrzt, ohne daß man ſeinen Urſprung errathen kann.

Man ſchaut in eine lange Pflanzung von lauter jungen edlen Obſtbaͤumen hin;
der Blick geht von da weiter uͤber einen Raſen, zwiſchen den weißen Bogen, worauf

ein
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0243" n="232"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Anhang. Be&#x017F;chreibungen</hi></fw><lb/>
zur Rechten eines von den beyden erwa&#x0364;hnten Ra&#x017F;en&#x017F;tu&#x0364;cken; das andere winket zwi&#x017F;chen<lb/>
den Sta&#x0364;mmen der Lindenallee freundlich hervor.</p><lb/>
          <p>Bey dem Eintritt in die Tannenallee &#x017F;chleicht zur Linken ein Pfad nach dem<lb/>
Nachtigallenwinkel hin. Zur Rechten ero&#x0364;ffnet &#x017F;ich ein breiter langer Gang, auf den<lb/>
das &#x017F;chwarze Gru&#x0364;n der hohen Tannen, die hin und wieder mit Roßka&#x017F;tanien unter-<lb/>
mi&#x017F;cht &#x017F;ind, eine feyerliche Dunkelheit herabwirft. Die Seele &#x017F;inkt in Ruhe und eine<lb/>
ern&#x017F;thafte Verfa&#x017F;&#x017F;ung dahin. Nur &#x017F;par&#x017F;am durch die fin&#x017F;tere Ueberwo&#x0364;lkung einfallen-<lb/>
de Lichter unterbrechen hie und da die Nacht, worinn &#x017F;ich der Blick verliert, bis er<lb/>
im entfernten Hintergrunde auf einem freyen Gebu&#x0364;&#x017F;ch in einer erquickenden Heiterkeit<lb/>
wieder ruhet. Zur Linken die&#x017F;es erhabenen Ganges vermehrt &#x017F;einen Ern&#x017F;t ein naher<lb/>
Teich, der &#x017F;ich bis an &#x017F;eine Mitte hin unter dicken Ueber&#x017F;chattungen eines angra&#x0364;nzen-<lb/>
den Ellernwaldes, der &#x017F;ich weiter hinauf mit Eichen vermi&#x017F;cht, er&#x017F;treckt, und zur<lb/>
Rechten i&#x017F;t durch ein hinter den Ba&#x0364;umen angepflanztes Gebu&#x0364;&#x017F;ch die Durch&#x017F;icht auf den<lb/>
anliegenden Ra&#x017F;en, de&#x017F;&#x017F;en freyer Anblick hier die Wirkung die&#x017F;er Scene nur unter-<lb/>
brechen wu&#x0364;rde, fa&#x017F;t ganz ver&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en. Gegen das Ende der Tannenallee, wo eine<lb/>
Bank zum Ruhen einladet, erblickt man u&#x0364;ber ihr an einem Baum eine Tafel mit die&#x017F;er<lb/>
In&#x017F;chrift:</p><lb/>
          <cit>
            <quote>
              <lg type="poem">
                <l>Mit meiner Mutter i&#x017F;t mein Vater hier ge&#x017F;e&#x017F;&#x017F;en:</l><lb/>
                <l>Hier will ich ruhig auch des Lebens Mu&#x0364;h verge&#x017F;&#x017F;en,</l><lb/>
                <l>Stets euer eingedenk, &#x017F;tets dankbar euch noch &#x017F;eyn,</l><lb/>
                <l>Und euch, ihr Lieb&#x017F;ten, oft hier &#x017F;tille Thra&#x0364;nen weihn.</l>
              </lg>
            </quote>
            <bibl/>
          </cit><lb/>
          <p>Die&#x017F;e &#x017F;imple Poe&#x017F;ie ru&#x0364;hrt, weil &#x017F;ie eine edle Ge&#x017F;innung ausdru&#x0364;ckt, die jedes wohlge-<lb/>
&#x017F;timmte Herz nachempfinden kann; &#x017F;ie ru&#x0364;hrt be&#x017F;onders an die&#x017F;em Orte, wo Ver-<lb/>
&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;enheit und Schatten die Seele zum Gefu&#x0364;hl rufen. Nach einer Zuru&#x0364;ckerinne-<lb/>
rung an die Vorfahren, die die&#x017F;e Ba&#x0364;ume pflanzten, die unter die&#x017F;en Ba&#x0364;umen ruhten,<lb/>
kommt man immer mehr der neuen Anlage na&#x0364;her.</p><lb/>
          <p>Ver&#x017F;chiedene Wege laufen hier &#x017F;eitwa&#x0364;rts nach ver&#x017F;chiedenen Gegenden ab, die,<lb/>
obgleich &#x017F;ie außerhalb der Linie der neuen Anlage liegen, doch mit abwech&#x017F;elnden Auf-<lb/>
tritten und Spazierga&#x0364;ngen bereichert &#x017F;ind.</p><lb/>
          <p>Ein Blick in die dunkle Tannenallee zuru&#x0364;ck erneuert die ern&#x017F;thafte Empfindung,<lb/>
die der Eingang erweckte; und gleich darauf tritt man zur Rechten in die neue Anlage,<lb/>
und wird von dem Gera&#x0364;u&#x017F;ch eines lebhaften Wa&#x017F;&#x017F;erfalls empfangen, der &#x017F;ich zur Seite<lb/>
des Weges hervor&#x017F;tu&#x0364;rzt, ohne daß man &#x017F;einen Ur&#x017F;prung errathen kann.</p><lb/>
          <p>Man &#x017F;chaut in eine lange Pflanzung von lauter jungen edlen Ob&#x017F;tba&#x0364;umen hin;<lb/>
der Blick geht von da weiter u&#x0364;ber einen Ra&#x017F;en, zwi&#x017F;chen den weißen Bogen, worauf<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">ein</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[232/0243] Anhang. Beſchreibungen zur Rechten eines von den beyden erwaͤhnten Raſenſtuͤcken; das andere winket zwiſchen den Staͤmmen der Lindenallee freundlich hervor. Bey dem Eintritt in die Tannenallee ſchleicht zur Linken ein Pfad nach dem Nachtigallenwinkel hin. Zur Rechten eroͤffnet ſich ein breiter langer Gang, auf den das ſchwarze Gruͤn der hohen Tannen, die hin und wieder mit Roßkaſtanien unter- miſcht ſind, eine feyerliche Dunkelheit herabwirft. Die Seele ſinkt in Ruhe und eine ernſthafte Verfaſſung dahin. Nur ſparſam durch die finſtere Ueberwoͤlkung einfallen- de Lichter unterbrechen hie und da die Nacht, worinn ſich der Blick verliert, bis er im entfernten Hintergrunde auf einem freyen Gebuͤſch in einer erquickenden Heiterkeit wieder ruhet. Zur Linken dieſes erhabenen Ganges vermehrt ſeinen Ernſt ein naher Teich, der ſich bis an ſeine Mitte hin unter dicken Ueberſchattungen eines angraͤnzen- den Ellernwaldes, der ſich weiter hinauf mit Eichen vermiſcht, erſtreckt, und zur Rechten iſt durch ein hinter den Baͤumen angepflanztes Gebuͤſch die Durchſicht auf den anliegenden Raſen, deſſen freyer Anblick hier die Wirkung dieſer Scene nur unter- brechen wuͤrde, faſt ganz verſchloſſen. Gegen das Ende der Tannenallee, wo eine Bank zum Ruhen einladet, erblickt man uͤber ihr an einem Baum eine Tafel mit dieſer Inſchrift: Mit meiner Mutter iſt mein Vater hier geſeſſen: Hier will ich ruhig auch des Lebens Muͤh vergeſſen, Stets euer eingedenk, ſtets dankbar euch noch ſeyn, Und euch, ihr Liebſten, oft hier ſtille Thraͤnen weihn. Dieſe ſimple Poeſie ruͤhrt, weil ſie eine edle Geſinnung ausdruͤckt, die jedes wohlge- ſtimmte Herz nachempfinden kann; ſie ruͤhrt beſonders an dieſem Orte, wo Ver- ſchloſſenheit und Schatten die Seele zum Gefuͤhl rufen. Nach einer Zuruͤckerinne- rung an die Vorfahren, die dieſe Baͤume pflanzten, die unter dieſen Baͤumen ruhten, kommt man immer mehr der neuen Anlage naͤher. Verſchiedene Wege laufen hier ſeitwaͤrts nach verſchiedenen Gegenden ab, die, obgleich ſie außerhalb der Linie der neuen Anlage liegen, doch mit abwechſelnden Auf- tritten und Spaziergaͤngen bereichert ſind. Ein Blick in die dunkle Tannenallee zuruͤck erneuert die ernſthafte Empfindung, die der Eingang erweckte; und gleich darauf tritt man zur Rechten in die neue Anlage, und wird von dem Geraͤuſch eines lebhaften Waſſerfalls empfangen, der ſich zur Seite des Weges hervorſtuͤrzt, ohne daß man ſeinen Urſprung errathen kann. Man ſchaut in eine lange Pflanzung von lauter jungen edlen Obſtbaͤumen hin; der Blick geht von da weiter uͤber einen Raſen, zwiſchen den weißen Bogen, worauf ein

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst3_1780
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst3_1780/243
Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 3. Leipzig, 1780, S. 232. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst3_1780/243>, abgerufen am 28.09.2020.