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Hufeland, Otto: Vorlesungen über physicalische Geographie von A. v. Humboldt. [G]eschrieben im Sommer 1829 durch Otto Hufeland. [Berlin], [ca. 1829]. [= Abschrift einer Nachschrift der ‚Kosmos-Vorträge‛ Alexander von Humboldts in der Sing-Akademie zu Berlin, 6.12.1827–27.3.1828.]

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Die glänzende Epoche der arabischen Herschaft beginnt 640 mit der Ero-
berung Egyptens und schließt 1236 mit der Eroberung von Cordova unter
Ferdinand dem Dritten.

Einen schwachen Abglanz der arabischen wissenschaftlichen Bestrebungen
finden wir bei dem Spanier Raymundus Lullus aus Majorca, in
dessen Schriften aber ein mystischer Spuk vorherrscht, den er die ars
magna
nennt. Bei weitem höher steht Roger Baco, ein englischer Mönch
des 13ten saeculum, der durch die Kraft seines Genies sich weit über sein Zeit-
alter erhob und in mehreren Wissenschaften Entdeckungen machte, welche
die Bewunderung der Nachwelt verdienen. Man kann sagen, daß von
ihm eine völlige Reform der Naturlehre ausging. Der Zauberei ange-
klagt und von dem General des Franciskaner-Ordens verfolgt mußte
er viele Jahre seines Lebens im Kerker schmachten.

4.)
Wenn hier abermals ein sichtbarer Ruhepunkt eintritt in der Ge-
schichte menschlicher Bestrebungen, in Erkenntniß eines Naturganzen, so
ist doch der organische Zusammenhang zu übersehen, wie sich allge-
mach die wichtige vierte Epoche vorbereitete, welche wir mit
der Entdeckung von Amerika bezeichnen. Gleichzeitig mit dem Auf-
blühen des Handels der italienischen Freistaaten, datirt die für das
Vorschreiten der Wissenschaft merkwürdige Erfindung der Buchdrucker-
kunst 1436
, und ein allgemeiner erwachsendes Interesse für die classische
Litteratur
. Die Verbindung zwischen Griechenland und Italien war nie
ganz aufgehoben, wie denn Apulien und Calabrien noch lange unter
byzantinischer Herrschaft blieb. Der normännische König Robert von Ne-
apel schickte 1453 eigene Gesandte nach Constantinopel, um von dort
her Handschriften von guten Autoren zu erlangen. Wir erinnern
uns hier besonders an die Namen Petrarca, Bocaccio, Lascaris, Pol-
ziano
, Bessarion Männer, die sich besonders ausgezeichnet haben
im Kampf gegen die Scholastiker und durch deren Bestrebungen die

Die glänzende Epoche der arabischen Herschaft begiñt 640 mit der Ero-
berung Egyptens und schließt 1236 mit der Eroberung von Cordova unter
Ferdinand dem Dritten.

Einen schwachen Abglanz der arabischen wissenschaftlichen Bestrebungen
finden wir bei dem Spanier Raymundus Lullus aus Majorca, in
dessen Schriften aber ein mystischer Spuk vorherrscht, den er die ars
magna
neñt. Bei weitem höher steht Roger Baco, ein englischer Mönch
des 13ten saeculum, der durch die Kraft seines Genies sich weit über sein Zeit-
alter erhob und in mehreren Wissenschaften Entdeckungen machte, welche
die Bewunderung der Nachwelt verdienen. Man kañ sagen, daß von
ihm eine völlige Reform der Naturlehre ausging. Der Zauberei ange-
klagt und von dem General des Franciskaner-Ordens verfolgt mußte
er viele Jahre seines Lebens im Kerker schmachten.

4.)
Weñ hier abermals ein sichtbarer Ruhepunkt eintritt in der Ge-
schichte menschlicher Bestrebungen, in Erkeñtniß eines Naturganzen, so
ist doch der organische Zusam̃enhang zu übersehen, wie sich allge-
mach die wichtige vierte Epoche vorbereitete, welche wir mit
der Entdeckung von Amerika bezeichnen. Gleichzeitig mit dem Auf-
blühen des Handels der italienischen Freistaaten, datirt die für das
Vorschreiten der Wissenschaft merkwürdige Erfindung der Buchdrucker-
kunst 1436
, und ein allgemeiner erwachsendes Interesse für die classische
Litteratur
. Die Verbindung zwischen Griechenland und Italien war nie
ganz aufgehoben, wie deñ Apulien und Calabrien noch lange unter
byzantinischer Herrschaft blieb. Der normäñische König Robert von Ne-
apel schickte 1453 eigene Gesandte nach Constantinopel, um von dort
her Handschriften von guten Autoren zu erlangen. Wir eriñern
uns hier besonders an die Namen Petrarca, Bocaccio, Lascaris, Pol-
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[106/0110] Die glänzende Epoche der arabischen Herschaft begiñt 640 mit der Ero- berung Egyptens u schließt 1236 mit der Eroberung von Cordova unter Ferdinand dem Dritten. Einen schwachen Abglanz der arabischen wissenschaftlichen Bestrebungen finden wir bei dem Spanier Raymundus Lullus aus Majorca, in dessen Schriften aber ein mystischer Spuk vorherrscht, den er die ars magna neñt. Bei weitem höher steht Roger Baco, ein englischer Mönch des 13t saec., der durch die Kraft seines Genies sich weit über sein Zeit- alter erhob u in mehreren Wissenschaften Entdeckungen machte, welche die Bewunderung der Nachwelt verdienen. Man kañ sagen, daß von ihm eine völlige Reform der Naturlehre ausging. Der Zauberei ange- klagt u von dem General des FranciskanerOrdens verfolgt mußte er viele Jahre seines Lebens im Kerker schmachten. Weñ hier abermals ein sichtbarer Ruhepunkt eintritt in der Ge- schichte menschlicher Bestrebungen, in Erkeñtniß eines Naturganzen, so ist doch der organische Zusam̃enhang zu übersehen, wie sich allge- mach die wichtige vierte Epoche vorbereitete, welche wir mit der Entdeckung von Amerika bezeichnen. Gleichzeitig mit dem Auf- blühen des Handels der italienischen Freistaaten, datirt die für das Vorschreiten der Wissenschaft merkwürdige Erfindung der Buchdrucker- kunst 1436, u ein allgemeiner erwachsendes Interesse für die classische Litteratur. Die Verbindung zwischen Griechenland u Italien war nie ganz aufgehoben, wie deñ Apulien u Calabrien noch lange unter byzantinischer Herrschaft blieb. Der normäñische König Robert von Ne- apel schickte 1453 eigene Gesandte nach Constantinopel, um von dort her Handschriften von guten Autoren zu erlangen. Wir eriñern uns hier besonders an die Namen Petrarca, Bocaccio, Lascaris, Pol- ziano, Bessarion Mäñer, die sich besonders ausgezeichnet haben im Kampf gegen die Scholastiker u durch deren Bestrebungen die 4.)

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Zitationshilfe: Hufeland, Otto: Vorlesungen über physicalische Geographie von A. v. Humboldt. [G]eschrieben im Sommer 1829 durch Otto Hufeland. [Berlin], [ca. 1829]. [= Abschrift einer Nachschrift der ‚Kosmos-Vorträge‛ Alexander von Humboldts in der Sing-Akademie zu Berlin, 6.12.1827–27.3.1828.], S. 106. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hufeland_privatbesitz_1829/110>, abgerufen am 19.03.2019.