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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859.

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Dreizehntes Kapitel.

Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung
des Gipfels der Silla.

Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich
wohnten in einem großen, fast ganz frei stehenden Hause im
höchsten Teile der Stadt. Auf einer Galerie übersahen wir
mit einem Blick den Gipfel der Silla, den gezackten Kamm
des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen üppiger
Anbau von den finsteren Bergwänden umher absticht. Es war
in der trockenen Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern,
zündete man die Savannen und den Rasen an, der die steil-
sten Felsen bedeckt. Diese großen Brände bringen, von weitem
gesehen, die überraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall, wo
die Savannen längs der aus- und einspringenden Felsgehänge
die von den Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfüllen,
nehmen sich die brennenden Bodenstreifen bei dunkler Nacht
wie Lavaströme aus, die über dem Thale hängen. Ihr
starkes, aber ruhiges Licht färbt sich rötlich, wenn der Wind,
der von der Silla herunterkommt, Wolkenzüge ins Thal
niedertreibt. Andere Male, und dann ist der Anblick am groß-
artigsten, sind die Lichtstreifen in dickes Gewölk gehüllt und
kommen nur da und dort durch Risse zum Vorschein, und
wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre Ränder glänzend
beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie unter
den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch
die Form der Berge, durch die Stellung der Abhänge und
die Höhe der mit Alpenkräutern bewachsenen Savannen. Den
Tag über jagt der Wind von Petare von Osten her den
Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger durch-
sichtig.

Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zu-
frieden zu sein, so waren wir es noch viel mehr mit der Auf-

Dreizehntes Kapitel.

Aufenthalt in Caracas. — Berge um die Stadt. — Beſteigung
des Gipfels der Silla.

Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich
wohnten in einem großen, faſt ganz frei ſtehenden Hauſe im
höchſten Teile der Stadt. Auf einer Galerie überſahen wir
mit einem Blick den Gipfel der Silla, den gezackten Kamm
des Galipano und das lachende Guayrethal, deſſen üppiger
Anbau von den finſteren Bergwänden umher abſticht. Es war
in der trockenen Jahreszeit. Um die Weide zu verbeſſern,
zündete man die Savannen und den Raſen an, der die ſteil-
ſten Felſen bedeckt. Dieſe großen Brände bringen, von weitem
geſehen, die überraſchendſten Lichteffekte hervor. Ueberall, wo
die Savannen längs der aus- und einſpringenden Felsgehänge
die von den Bergwaſſern eingeriſſenen Schluchten ausfüllen,
nehmen ſich die brennenden Bodenſtreifen bei dunkler Nacht
wie Lavaſtröme aus, die über dem Thale hängen. Ihr
ſtarkes, aber ruhiges Licht färbt ſich rötlich, wenn der Wind,
der von der Silla herunterkommt, Wolkenzüge ins Thal
niedertreibt. Andere Male, und dann iſt der Anblick am groß-
artigſten, ſind die Lichtſtreifen in dickes Gewölk gehüllt und
kommen nur da und dort durch Riſſe zum Vorſchein, und
wenn dann die Wolken ſteigen, zeigen ſich ihre Ränder glänzend
beleuchtet. Dieſe mannigfaltigen Erſcheinungen, wie ſie unter
den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch
die Form der Berge, durch die Stellung der Abhänge und
die Höhe der mit Alpenkräutern bewachſenen Savannen. Den
Tag über jagt der Wind von Petare von Oſten her den
Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger durch-
ſichtig.

Hatten wir Urſache, mit der Lage unſerer Wohnung zu-
frieden zu ſein, ſo waren wir es noch viel mehr mit der Auf-

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[[120]/0128] Dreizehntes Kapitel. Aufenthalt in Caracas. — Berge um die Stadt. — Beſteigung des Gipfels der Silla. Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem großen, faſt ganz frei ſtehenden Hauſe im höchſten Teile der Stadt. Auf einer Galerie überſahen wir mit einem Blick den Gipfel der Silla, den gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, deſſen üppiger Anbau von den finſteren Bergwänden umher abſticht. Es war in der trockenen Jahreszeit. Um die Weide zu verbeſſern, zündete man die Savannen und den Raſen an, der die ſteil- ſten Felſen bedeckt. Dieſe großen Brände bringen, von weitem geſehen, die überraſchendſten Lichteffekte hervor. Ueberall, wo die Savannen längs der aus- und einſpringenden Felsgehänge die von den Bergwaſſern eingeriſſenen Schluchten ausfüllen, nehmen ſich die brennenden Bodenſtreifen bei dunkler Nacht wie Lavaſtröme aus, die über dem Thale hängen. Ihr ſtarkes, aber ruhiges Licht färbt ſich rötlich, wenn der Wind, der von der Silla herunterkommt, Wolkenzüge ins Thal niedertreibt. Andere Male, und dann iſt der Anblick am groß- artigſten, ſind die Lichtſtreifen in dickes Gewölk gehüllt und kommen nur da und dort durch Riſſe zum Vorſchein, und wenn dann die Wolken ſteigen, zeigen ſich ihre Ränder glänzend beleuchtet. Dieſe mannigfaltigen Erſcheinungen, wie ſie unter den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form der Berge, durch die Stellung der Abhänge und die Höhe der mit Alpenkräutern bewachſenen Savannen. Den Tag über jagt der Wind von Petare von Oſten her den Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger durch- ſichtig. Hatten wir Urſache, mit der Lage unſerer Wohnung zu- frieden zu ſein, ſo waren wir es noch viel mehr mit der Auf-

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Zitationshilfe: Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial02_1859/128>, S. [120], abgerufen am 24.10.2017.