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Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839.

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du würdest mir die Journale ersetzen, aber du
kommst mir nach und nach alberner vor als irgend
ein Journal.

Glaubst du denn, Bruder, versetzte der Frei-
herr und gab seinem Wirthe einen Kuß, daß ich
eine Stunde länger bei dir und bei deiner schrumpf-
lichten Tochter vergähnen würde, wenn ich nur
irgendwo anders Obdach und etwas zu beißen und
zu brechen hätte?

Die bewegten beiden Männer lagen einander
lange sprachlos in den Armen. Zuerst erhielt der
Wirth nothdürftig seine Fassung wieder und stam-
melte: Mein Bruder also?

Dein Bruder! flüsterte der Gast --

Und in des Worts verwegenster Bedeutung!

Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde
wischten ihre Augen, der Schulmeister aber sagte:
Das gnädige Fräulein läßt anfragen, ob, wenn sie
wiederkomme, keine Anspielungen, die ihr unan-
genehm wären, weiter vorfallen würden? Ihr
Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten
Erklärung hinaus, welcher die Nachricht hinzuge-
fügt wurde, daß nichts als die größte gegenseitige
Offenheit im Zimmer herrsche.


du würdeſt mir die Journale erſetzen, aber du
kommſt mir nach und nach alberner vor als irgend
ein Journal.

Glaubſt du denn, Bruder, verſetzte der Frei-
herr und gab ſeinem Wirthe einen Kuß, daß ich
eine Stunde länger bei dir und bei deiner ſchrumpf-
lichten Tochter vergähnen würde, wenn ich nur
irgendwo anders Obdach und etwas zu beißen und
zu brechen hätte?

Die bewegten beiden Männer lagen einander
lange ſprachlos in den Armen. Zuerſt erhielt der
Wirth nothdürftig ſeine Faſſung wieder und ſtam-
melte: Mein Bruder alſo?

Dein Bruder! flüſterte der Gaſt —

Und in des Worts verwegenſter Bedeutung!

Der Schulmeiſter trat ein. Die neuen Freunde
wiſchten ihre Augen, der Schulmeiſter aber ſagte:
Das gnädige Fräulein läßt anfragen, ob, wenn ſie
wiederkomme, keine Anſpielungen, die ihr unan-
genehm wären, weiter vorfallen würden? Ihr
Vater ſandte den Boten mit der beruhigendſten
Erklärung hinaus, welcher die Nachricht hinzuge-
fügt wurde, daß nichts als die größte gegenſeitige
Offenheit im Zimmer herrſche.


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[8/0026] du würdeſt mir die Journale erſetzen, aber du kommſt mir nach und nach alberner vor als irgend ein Journal. Glaubſt du denn, Bruder, verſetzte der Frei- herr und gab ſeinem Wirthe einen Kuß, daß ich eine Stunde länger bei dir und bei deiner ſchrumpf- lichten Tochter vergähnen würde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beißen und zu brechen hätte? Die bewegten beiden Männer lagen einander lange ſprachlos in den Armen. Zuerſt erhielt der Wirth nothdürftig ſeine Faſſung wieder und ſtam- melte: Mein Bruder alſo? Dein Bruder! flüſterte der Gaſt — Und in des Worts verwegenſter Bedeutung! Der Schulmeiſter trat ein. Die neuen Freunde wiſchten ihre Augen, der Schulmeiſter aber ſagte: Das gnädige Fräulein läßt anfragen, ob, wenn ſie wiederkomme, keine Anſpielungen, die ihr unan- genehm wären, weiter vorfallen würden? Ihr Vater ſandte den Boten mit der beruhigendſten Erklärung hinaus, welcher die Nachricht hinzuge- fügt wurde, daß nichts als die größte gegenſeitige Offenheit im Zimmer herrſche.

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Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen02_1839/26>, abgerufen am 20.03.2019.