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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888.

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Zweites Buch.
nüancen. Die breite, sichere, mit möglichst wenigen Zügen mo-
dellirende Malführung ist bereits vollkommen da.

Obwol das Detail so sparsam ist und durch Farblosigkeit
und Wertlosigkeit des Materials wenig anzieht, so wird es doch
gefallen durch die absolute Wahrheit in Form, Textur und Ton.
Z. B. des Kittels, der wol ein halbes Leben lang Sonne und
Regen mitgemacht hat, des Holztisches, des gelben Krugs mit
den Kreislinien von der Drehscheibe her und den weichen Dallen,
vielleicht zur Befestigung irgend eines Rings; des spiegelnden
Crystallglases. Nichts ist malerisch müssig: die mächtige Rundung
des Krugs dient als Abschieber; der Kelch, der Hemdärmel
als Lichtsammler und Lichtreflectoren vor den dunklen Flächen.

Wie hoch solche Bambochadas, selbst wenn sie wenig mehr
als Studien waren, geschätzt wurden -- als Reliquien des grossen
Meisters, geht aus den ausführlichen Beschreibungen hervor,
deren sie Palomino werth gehalten hat (Museo pictorico III, 322).

"Zwei Arme, die an einem dürftigen Tischchen speisen, darauf
verschiedene Irdengefässe, Orangen, Brod u. a., alles mit merk-
würdiger Sorgfalt beobachtet." Dies ist vielleicht das andere
Bild in Apsley-house; es scheint eine Studie in verkürzten Ge-
sichtern. In einer kahlen, schwarzen Spelunke sitzt ein junger
Mensch, in verlorenem Profil, eine braune Schale, die vielleicht
einen Rest Chokolade enthält, an den Mund setzend; sein Ge-
fährte, den Kopf auf dem Arm, scheint über dem Tisch eingenickt.
Es ist eine Küchensiesta nach beendigter Mahlzeit und Reini-
gung des Geschirrs. Ein Krug mit Apfelsine darauf, ein umge-
stülpter Mörser, ein Teller, drei Untertassen über einer umge-
stürzten Schale, grüne Glasflasche mit Strohmantel. Die völlig
reizlose Scene ist in einem erdig dintigen Ton breit und be-
stimmt hingesetzt 1).

"Ein schlechtgekleideter Junge, der Geld zählt und mit den
Fingern rechnet, dahinter ein Hund, verschiedene Fische auf dem
Tische beschnüffelnd; dabei ein römischer Kohlkopf (lechuga) und
ein umgestürzter Kessel; links ein Bazar mit zwei Tischen, darauf
Häringe, Brot auf einem weissen Tuch; auf dem andern zwei
weisse Teller und ein grünglasirter Oelkrug." Dieses Stück muss

1) Das Inventar von 1772 erwähnt im Retrete del Rey neben einem Teniers:
Una pintura que significa una mesa, con su Bagilla y un canturo; y dos medias
figuras sentadas a ella; de vara y tercia de largo, y vara escasa de cayda; original
de Velazquez. Ponz Viage VI, 35. Obiges Bild nach Curtis 30" x 50".

Zweites Buch.
nüancen. Die breite, sichere, mit möglichst wenigen Zügen mo-
dellirende Malführung ist bereits vollkommen da.

Obwol das Detail so sparsam ist und durch Farblosigkeit
und Wertlosigkeit des Materials wenig anzieht, so wird es doch
gefallen durch die absolute Wahrheit in Form, Textur und Ton.
Z. B. des Kittels, der wol ein halbes Leben lang Sonne und
Regen mitgemacht hat, des Holztisches, des gelben Krugs mit
den Kreislinien von der Drehscheibe her und den weichen Dallen,
vielleicht zur Befestigung irgend eines Rings; des spiegelnden
Crystallglases. Nichts ist malerisch müssig: die mächtige Rundung
des Krugs dient als Abschieber; der Kelch, der Hemdärmel
als Lichtsammler und Lichtreflectoren vor den dunklen Flächen.

Wie hoch solche Bambochadas, selbst wenn sie wenig mehr
als Studien waren, geschätzt wurden — als Reliquien des grossen
Meisters, geht aus den ausführlichen Beschreibungen hervor,
deren sie Palomino werth gehalten hat (Museo pictorico III, 322).

„Zwei Arme, die an einem dürftigen Tischchen speisen, darauf
verschiedene Irdengefässe, Orangen, Brod u. a., alles mit merk-
würdiger Sorgfalt beobachtet.“ Dies ist vielleicht das andere
Bild in Apsley-house; es scheint eine Studie in verkürzten Ge-
sichtern. In einer kahlen, schwarzen Spelunke sitzt ein junger
Mensch, in verlorenem Profil, eine braune Schale, die vielleicht
einen Rest Chokolade enthält, an den Mund setzend; sein Ge-
fährte, den Kopf auf dem Arm, scheint über dem Tisch eingenickt.
Es ist eine Küchensiesta nach beendigter Mahlzeit und Reini-
gung des Geschirrs. Ein Krug mit Apfelsine darauf, ein umge-
stülpter Mörser, ein Teller, drei Untertassen über einer umge-
stürzten Schale, grüne Glasflasche mit Strohmantel. Die völlig
reizlose Scene ist in einem erdig dintigen Ton breit und be-
stimmt hingesetzt 1).

„Ein schlechtgekleideter Junge, der Geld zählt und mit den
Fingern rechnet, dahinter ein Hund, verschiedene Fische auf dem
Tische beschnüffelnd; dabei ein römischer Kohlkopf (lechuga) und
ein umgestürzter Kessel; links ein Bazar mit zwei Tischen, darauf
Häringe, Brot auf einem weissen Tuch; auf dem andern zwei
weisse Teller und ein grünglasirter Oelkrug.“ Dieses Stück muss

1) Das Inventar von 1772 erwähnt im Retrete del Rey neben einem Teniers:
Una pintura que significa una mesa, con su Bagilla y un canturo; y dos medias
figuras sentadas á ella; de vara y tercia de largo, y vara escasa de cayda; original
de Velazquez. Ponz Viage VI, 35. Obiges Bild nach Curtis 30″ × 50″.
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[132/0152] Zweites Buch. nüancen. Die breite, sichere, mit möglichst wenigen Zügen mo- dellirende Malführung ist bereits vollkommen da. Obwol das Detail so sparsam ist und durch Farblosigkeit und Wertlosigkeit des Materials wenig anzieht, so wird es doch gefallen durch die absolute Wahrheit in Form, Textur und Ton. Z. B. des Kittels, der wol ein halbes Leben lang Sonne und Regen mitgemacht hat, des Holztisches, des gelben Krugs mit den Kreislinien von der Drehscheibe her und den weichen Dallen, vielleicht zur Befestigung irgend eines Rings; des spiegelnden Crystallglases. Nichts ist malerisch müssig: die mächtige Rundung des Krugs dient als Abschieber; der Kelch, der Hemdärmel als Lichtsammler und Lichtreflectoren vor den dunklen Flächen. Wie hoch solche Bambochadas, selbst wenn sie wenig mehr als Studien waren, geschätzt wurden — als Reliquien des grossen Meisters, geht aus den ausführlichen Beschreibungen hervor, deren sie Palomino werth gehalten hat (Museo pictorico III, 322). „Zwei Arme, die an einem dürftigen Tischchen speisen, darauf verschiedene Irdengefässe, Orangen, Brod u. a., alles mit merk- würdiger Sorgfalt beobachtet.“ Dies ist vielleicht das andere Bild in Apsley-house; es scheint eine Studie in verkürzten Ge- sichtern. In einer kahlen, schwarzen Spelunke sitzt ein junger Mensch, in verlorenem Profil, eine braune Schale, die vielleicht einen Rest Chokolade enthält, an den Mund setzend; sein Ge- fährte, den Kopf auf dem Arm, scheint über dem Tisch eingenickt. Es ist eine Küchensiesta nach beendigter Mahlzeit und Reini- gung des Geschirrs. Ein Krug mit Apfelsine darauf, ein umge- stülpter Mörser, ein Teller, drei Untertassen über einer umge- stürzten Schale, grüne Glasflasche mit Strohmantel. Die völlig reizlose Scene ist in einem erdig dintigen Ton breit und be- stimmt hingesetzt 1). „Ein schlechtgekleideter Junge, der Geld zählt und mit den Fingern rechnet, dahinter ein Hund, verschiedene Fische auf dem Tische beschnüffelnd; dabei ein römischer Kohlkopf (lechuga) und ein umgestürzter Kessel; links ein Bazar mit zwei Tischen, darauf Häringe, Brot auf einem weissen Tuch; auf dem andern zwei weisse Teller und ein grünglasirter Oelkrug.“ Dieses Stück muss 1) Das Inventar von 1772 erwähnt im Retrete del Rey neben einem Teniers: Una pintura que significa una mesa, con su Bagilla y un canturo; y dos medias figuras sentadas á ella; de vara y tercia de largo, y vara escasa de cayda; original de Velazquez. Ponz Viage VI, 35. Obiges Bild nach Curtis 30″ × 50″.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888, S. 132. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/152>, abgerufen am 27.10.2020.