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Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777.

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Kämpfers Geschichte von Japan. Erstes Buch.
men führt, auf einmal und in einer Nacht entstanden ist. 3) Der Askagana wird für
merkwürdig gehalten, weil er die Tiefe seines Grundes stets verändert: und dient daher
den Dichtern und Liebhabern zu allerlei Anspielungen.

Erdbeben.

Der japanische Boden wird auch oft von Erdbeben erschüttert; aber aus Gewohn-
heit daselbst so wenig geachtet, wie bey uns ein Donnerwetter. Das gemeine Volk sagt: es
krieche wieder ein Walfisch unter dem Lande her, und habe nichts zu bedeuten. Nicht selten
aber ist die Erschütterung so heftig und anhaltend, daß davon die Gebäude, zum großen
Ruin der Städte und mit Verlust von vielen tausend Menschen, über einander fallen. Ein
solches Unglük hat sich bei der Anwesenheit der Pater Ludwig Froes*) im Jahr 1586
(nach seiner Erzählung im Opere de rebus Japonicis collecto a Joh. Hayo) und auch
nach der Zeit einige mal zugetragen. Und noch im Jahr 1704 schrieb mir aus Batavia
ein Freund, der von Japan zurükgekommen war, daß im vorigen Jahre daselbst ein so schrek-
liches Erdbeben gewesen sey, daß die große Stadt Jedo, welche am mehresten gelitten,
nebst der kaiserlichen Residenz, in Trümmern liege: wobei mehr als 200,000**) Menschen
durch den Ruin und durch zugleich entstandene Feuersbrünste, das Leben eingebüßet hät-
ten. Es ist zu bewundern, daß einige einzelne Oerter in diesem Reich niemals vom Erd-
beben erschüttert worden. Man schreibt dieses der Heiligkeit derer Oerter, und dem
Schuz des daselbst herschenden Götzen oder Geistes zu: andere raisonniren, diese Oerter
ruheten auf der Grundveste des unbeweglichen Erdcentrum. Unter besagte Oerter werden
gezählt: die Jnseln Gotho, die kleine Jnsel Sikuousima, wo der erste und vornehmste
Bonzen Tempel erbauet ist, der berühmte mit Klöstern besezte Berg Kojasan, und viel-
leicht noch wenige andere.

Schwefel, brennende Berge, heiße Quellen.

Der Reichthum des japanischen Bodens, worin er alle bekante Länder der Welt über-
trift, besteht in vielerlei Mineralien: besonders in den vornehmsten Metallen, Gold, Sil-

ber
*) [Spaltenumbruch]
Ludovicus a Froes war ein jesuitischer
Missionar. Jn der angeführten Samlung des
Hayus findet man seine Briefe. Man hat auch
von ihm eine Brevis Japaniae Insulae descriptio
Col. Agrip. 1582. 8.
**) [Spaltenumbruch]
Das Mscpt. des Oheims und Scheuch-
zers haben diese Zahl; das Mscpt. des Neffen aber
nur 20,000.

Kaͤmpfers Geſchichte von Japan. Erſtes Buch.
men fuͤhrt, auf einmal und in einer Nacht entſtanden iſt. 3) Der Askagana wird fuͤr
merkwuͤrdig gehalten, weil er die Tiefe ſeines Grundes ſtets veraͤndert: und dient daher
den Dichtern und Liebhabern zu allerlei Anſpielungen.

Erdbeben.

Der japaniſche Boden wird auch oft von Erdbeben erſchuͤttert; aber aus Gewohn-
heit daſelbſt ſo wenig geachtet, wie bey uns ein Donnerwetter. Das gemeine Volk ſagt: es
krieche wieder ein Walfiſch unter dem Lande her, und habe nichts zu bedeuten. Nicht ſelten
aber iſt die Erſchuͤtterung ſo heftig und anhaltend, daß davon die Gebaͤude, zum großen
Ruin der Staͤdte und mit Verluſt von vielen tauſend Menſchen, uͤber einander fallen. Ein
ſolches Ungluͤk hat ſich bei der Anweſenheit der Pater Ludwig Froes*) im Jahr 1586
(nach ſeiner Erzaͤhlung im Opere de rebus Japonicis collecto a Joh. Hayo) und auch
nach der Zeit einige mal zugetragen. Und noch im Jahr 1704 ſchrieb mir aus Batavia
ein Freund, der von Japan zuruͤkgekommen war, daß im vorigen Jahre daſelbſt ein ſo ſchrek-
liches Erdbeben geweſen ſey, daß die große Stadt Jedo, welche am mehreſten gelitten,
nebſt der kaiſerlichen Reſidenz, in Truͤmmern liege: wobei mehr als 200,000**) Menſchen
durch den Ruin und durch zugleich entſtandene Feuersbruͤnſte, das Leben eingebuͤßet haͤt-
ten. Es iſt zu bewundern, daß einige einzelne Oerter in dieſem Reich niemals vom Erd-
beben erſchuͤttert worden. Man ſchreibt dieſes der Heiligkeit derer Oerter, und dem
Schuz des daſelbſt herſchenden Goͤtzen oder Geiſtes zu: andere raiſonniren, dieſe Oerter
ruheten auf der Grundveſte des unbeweglichen Erdcentrum. Unter beſagte Oerter werden
gezaͤhlt: die Jnſeln Gotho, die kleine Jnſel Sikuouſima, wo der erſte und vornehmſte
Bonzen Tempel erbauet iſt, der beruͤhmte mit Kloͤſtern beſezte Berg Kojaſan, und viel-
leicht noch wenige andere.

Schwefel, brennende Berge, heiße Quellen.

Der Reichthum des japaniſchen Bodens, worin er alle bekante Laͤnder der Welt uͤber-
trift, beſteht in vielerlei Mineralien: beſonders in den vornehmſten Metallen, Gold, Sil-

ber
*) [Spaltenumbruch]
Ludovicus a Froes war ein jeſuitiſcher
Miſſionar. Jn der angefuͤhrten Samlung des
Hayus findet man ſeine Briefe. Man hat auch
von ihm eine Brevis Japaniae Inſulae deſcriptio
Col. Agrip. 1582. 8.
**) [Spaltenumbruch]
Das Mſcpt. des Oheims und Scheuch-
zers haben dieſe Zahl; das Mſcpt. des Neffen aber
nur 20,000.
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[120/0208] Kaͤmpfers Geſchichte von Japan. Erſtes Buch. men fuͤhrt, auf einmal und in einer Nacht entſtanden iſt. 3) Der Askagana wird fuͤr merkwuͤrdig gehalten, weil er die Tiefe ſeines Grundes ſtets veraͤndert: und dient daher den Dichtern und Liebhabern zu allerlei Anſpielungen. Erdbeben. Der japaniſche Boden wird auch oft von Erdbeben erſchuͤttert; aber aus Gewohn- heit daſelbſt ſo wenig geachtet, wie bey uns ein Donnerwetter. Das gemeine Volk ſagt: es krieche wieder ein Walfiſch unter dem Lande her, und habe nichts zu bedeuten. Nicht ſelten aber iſt die Erſchuͤtterung ſo heftig und anhaltend, daß davon die Gebaͤude, zum großen Ruin der Staͤdte und mit Verluſt von vielen tauſend Menſchen, uͤber einander fallen. Ein ſolches Ungluͤk hat ſich bei der Anweſenheit der Pater Ludwig Froes *) im Jahr 1586 (nach ſeiner Erzaͤhlung im Opere de rebus Japonicis collecto a Joh. Hayo) und auch nach der Zeit einige mal zugetragen. Und noch im Jahr 1704 ſchrieb mir aus Batavia ein Freund, der von Japan zuruͤkgekommen war, daß im vorigen Jahre daſelbſt ein ſo ſchrek- liches Erdbeben geweſen ſey, daß die große Stadt Jedo, welche am mehreſten gelitten, nebſt der kaiſerlichen Reſidenz, in Truͤmmern liege: wobei mehr als 200,000 **) Menſchen durch den Ruin und durch zugleich entſtandene Feuersbruͤnſte, das Leben eingebuͤßet haͤt- ten. Es iſt zu bewundern, daß einige einzelne Oerter in dieſem Reich niemals vom Erd- beben erſchuͤttert worden. Man ſchreibt dieſes der Heiligkeit derer Oerter, und dem Schuz des daſelbſt herſchenden Goͤtzen oder Geiſtes zu: andere raiſonniren, dieſe Oerter ruheten auf der Grundveſte des unbeweglichen Erdcentrum. Unter beſagte Oerter werden gezaͤhlt: die Jnſeln Gotho, die kleine Jnſel Sikuouſima, wo der erſte und vornehmſte Bonzen Tempel erbauet iſt, der beruͤhmte mit Kloͤſtern beſezte Berg Kojaſan, und viel- leicht noch wenige andere. Schwefel, brennende Berge, heiße Quellen. Der Reichthum des japaniſchen Bodens, worin er alle bekante Laͤnder der Welt uͤber- trift, beſteht in vielerlei Mineralien: beſonders in den vornehmſten Metallen, Gold, Sil- ber *) Ludovicus a Froes war ein jeſuitiſcher Miſſionar. Jn der angefuͤhrten Samlung des Hayus findet man ſeine Briefe. Man hat auch von ihm eine Brevis Japaniae Inſulae deſcriptio Col. Agrip. 1582. 8. **) Das Mſcpt. des Oheims und Scheuch- zers haben dieſe Zahl; das Mſcpt. des Neffen aber nur 20,000.

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Zitationshilfe: Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777, S. 120. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kaempfer_japan01_1777/208>, abgerufen am 18.06.2019.