Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kant, Immanuel: Critik der practischen Vernunft. Riga, 1788.

Bild:
<< vorherige Seite

der reinen practischen Vernunft.
nicht die Bedingung derselben seyn, denn sonst würde diese
nicht zum Gesetze taugen. Also die bloße Form eines Gesetzes,
welches die Materie einschränkt, muß zugleich ein Grund seyn,
diese Materie zum Willen hinzuzufügen, aber sie nicht voraus-
zusetzen. Die Materie sey z. B. meine eigene Glückseligkeit.
Diese, wenn ich sie jedem beylege (wie ich es denn in der That
bey endlichen Wesen thun darf) kann nur alsdenn ein objecti-
ves
practisches Gesetz werden, wenn ich anderer ihre in die-
selbe mit einschließe. Also entspringt das Gesetz, anderer
Glückseligkeit zu befördern, nicht von der Voraussetzung, daß
dieses ein Object für jedes seine Willkühr sey, sondern blos
daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als
Bedingung bedarf, einer Maxime der Selbstliebe die objective
Gültigkeit eines Gesetzes zu geben, der Bestimmungsgrund des
Willens wird, und also war das Object (anderer Glückselig-
keit) nicht der Bestimmungsgrund des reinen Willens, son-
dern die bloße gesetzliche Form war es allein, dadurch ich meine
auf Neigung gegründete Maxime einschränkte, um ihr die All-
gemeinheit eines Gesetzes zu verschaffen, und sie so der reinen
practischen Vernunft angemessen zu machen, aus welcher Ein-
schränkung, und nicht dem Zusatz einer äußeren Triebfeder,
alsdenn der Begriff der Verbindlichkeit, die Maxime mei-
ner Selbstliebe auch auf die Glückseligkeit anderer zu erwei-
tern, allein entspringen könnte.

Anmerkung II.

Das gerade Widerspiel des Princips der Sittlichkeit ist:
wenn das der eigenen Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde
des Willens gemacht wird, wozu, wie ich oben gezeigt habe,
alles überhaupt gezählt werden muß, was den Bestimmungs-
grund, der zum Gesetze dienen soll, irgend worin anders,
als in der gesetzgebenden Form der Maxime setzt. Dieser

Wider-

der reinen practiſchen Vernunft.
nicht die Bedingung derſelben ſeyn, denn ſonſt wuͤrde dieſe
nicht zum Geſetze taugen. Alſo die bloße Form eines Geſetzes,
welches die Materie einſchraͤnkt, muß zugleich ein Grund ſeyn,
dieſe Materie zum Willen hinzuzufuͤgen, aber ſie nicht voraus-
zuſetzen. Die Materie ſey z. B. meine eigene Gluͤckſeligkeit.
Dieſe, wenn ich ſie jedem beylege (wie ich es denn in der That
bey endlichen Weſen thun darf) kann nur alsdenn ein objecti-
ves
practiſches Geſetz werden, wenn ich anderer ihre in die-
ſelbe mit einſchließe. Alſo entſpringt das Geſetz, anderer
Gluͤckſeligkeit zu befoͤrdern, nicht von der Vorausſetzung, daß
dieſes ein Object fuͤr jedes ſeine Willkuͤhr ſey, ſondern blos
daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als
Bedingung bedarf, einer Maxime der Selbſtliebe die objective
Guͤltigkeit eines Geſetzes zu geben, der Beſtimmungsgrund des
Willens wird, und alſo war das Object (anderer Gluͤckſelig-
keit) nicht der Beſtimmungsgrund des reinen Willens, ſon-
dern die bloße geſetzliche Form war es allein, dadurch ich meine
auf Neigung gegruͤndete Maxime einſchraͤnkte, um ihr die All-
gemeinheit eines Geſetzes zu verſchaffen, und ſie ſo der reinen
practiſchen Vernunft angemeſſen zu machen, aus welcher Ein-
ſchraͤnkung, und nicht dem Zuſatz einer aͤußeren Triebfeder,
alsdenn der Begriff der Verbindlichkeit, die Maxime mei-
ner Selbſtliebe auch auf die Gluͤckſeligkeit anderer zu erwei-
tern, allein entſpringen koͤnnte.

Anmerkung II.

Das gerade Widerſpiel des Princips der Sittlichkeit iſt:
wenn das der eigenen Gluͤckſeligkeit zum Beſtimmungsgrunde
des Willens gemacht wird, wozu, wie ich oben gezeigt habe,
alles uͤberhaupt gezaͤhlt werden muß, was den Beſtimmungs-
grund, der zum Geſetze dienen ſoll, irgend worin anders,
als in der geſetzgebenden Form der Maxime ſetzt. Dieſer

Wider-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0069" n="61"/><fw place="top" type="header">der reinen practi&#x017F;chen Vernunft.</fw><lb/>
nicht die Bedingung der&#x017F;elben &#x017F;eyn, denn &#x017F;on&#x017F;t wu&#x0364;rde die&#x017F;e<lb/>
nicht zum Ge&#x017F;etze taugen. Al&#x017F;o die bloße Form eines Ge&#x017F;etzes,<lb/>
welches die Materie ein&#x017F;chra&#x0364;nkt, muß zugleich ein Grund &#x017F;eyn,<lb/>
die&#x017F;e Materie zum Willen hinzuzufu&#x0364;gen, aber &#x017F;ie nicht voraus-<lb/>
zu&#x017F;etzen. Die Materie &#x017F;ey z. B. meine eigene Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit.<lb/>
Die&#x017F;e, wenn ich &#x017F;ie jedem beylege (wie ich es denn in der That<lb/>
bey endlichen We&#x017F;en thun darf) kann nur alsdenn ein <hi rendition="#fr">objecti-<lb/>
ves</hi> practi&#x017F;ches Ge&#x017F;etz werden, wenn ich anderer ihre in die-<lb/>
&#x017F;elbe mit ein&#x017F;chließe. Al&#x017F;o ent&#x017F;pringt das Ge&#x017F;etz, anderer<lb/>
Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit zu befo&#x0364;rdern, nicht von der Voraus&#x017F;etzung, daß<lb/>
die&#x017F;es ein Object fu&#x0364;r jedes &#x017F;eine Willku&#x0364;hr &#x017F;ey, &#x017F;ondern blos<lb/>
daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als<lb/>
Bedingung bedarf, einer Maxime der Selb&#x017F;tliebe die objective<lb/>
Gu&#x0364;ltigkeit eines Ge&#x017F;etzes zu geben, der Be&#x017F;timmungsgrund des<lb/>
Willens wird, und al&#x017F;o war das Object (anderer Glu&#x0364;ck&#x017F;elig-<lb/>
keit) nicht der Be&#x017F;timmungsgrund des reinen Willens, &#x017F;on-<lb/>
dern die bloße ge&#x017F;etzliche Form war es allein, dadurch ich meine<lb/>
auf Neigung gegru&#x0364;ndete Maxime ein&#x017F;chra&#x0364;nkte, um ihr die All-<lb/>
gemeinheit eines Ge&#x017F;etzes zu ver&#x017F;chaffen, und &#x017F;ie &#x017F;o der reinen<lb/>
practi&#x017F;chen Vernunft angeme&#x017F;&#x017F;en zu machen, aus welcher Ein-<lb/>
&#x017F;chra&#x0364;nkung, und nicht dem Zu&#x017F;atz einer a&#x0364;ußeren Triebfeder,<lb/>
alsdenn der Begriff der <hi rendition="#fr">Verbindlichkeit</hi>, die Maxime mei-<lb/>
ner Selb&#x017F;tliebe auch auf die Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit anderer zu erwei-<lb/>
tern, allein ent&#x017F;pringen ko&#x0364;nnte.</p>
              </div><lb/>
              <div n="5">
                <head> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Anmerkung</hi> <hi rendition="#aq">II.</hi> </hi> </head><lb/>
                <p>Das gerade Wider&#x017F;piel des Princips der Sittlichkeit i&#x017F;t:<lb/>
wenn das der <hi rendition="#fr">eigenen</hi> Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit zum Be&#x017F;timmungsgrunde<lb/>
des Willens gemacht wird, wozu, wie ich oben gezeigt habe,<lb/>
alles u&#x0364;berhaupt geza&#x0364;hlt werden muß, was den Be&#x017F;timmungs-<lb/>
grund, der zum Ge&#x017F;etze dienen &#x017F;oll, irgend worin anders,<lb/>
als in der ge&#x017F;etzgebenden Form der Maxime &#x017F;etzt. Die&#x017F;er<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Wider-</fw><lb/></p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[61/0069] der reinen practiſchen Vernunft. nicht die Bedingung derſelben ſeyn, denn ſonſt wuͤrde dieſe nicht zum Geſetze taugen. Alſo die bloße Form eines Geſetzes, welches die Materie einſchraͤnkt, muß zugleich ein Grund ſeyn, dieſe Materie zum Willen hinzuzufuͤgen, aber ſie nicht voraus- zuſetzen. Die Materie ſey z. B. meine eigene Gluͤckſeligkeit. Dieſe, wenn ich ſie jedem beylege (wie ich es denn in der That bey endlichen Weſen thun darf) kann nur alsdenn ein objecti- ves practiſches Geſetz werden, wenn ich anderer ihre in die- ſelbe mit einſchließe. Alſo entſpringt das Geſetz, anderer Gluͤckſeligkeit zu befoͤrdern, nicht von der Vorausſetzung, daß dieſes ein Object fuͤr jedes ſeine Willkuͤhr ſey, ſondern blos daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als Bedingung bedarf, einer Maxime der Selbſtliebe die objective Guͤltigkeit eines Geſetzes zu geben, der Beſtimmungsgrund des Willens wird, und alſo war das Object (anderer Gluͤckſelig- keit) nicht der Beſtimmungsgrund des reinen Willens, ſon- dern die bloße geſetzliche Form war es allein, dadurch ich meine auf Neigung gegruͤndete Maxime einſchraͤnkte, um ihr die All- gemeinheit eines Geſetzes zu verſchaffen, und ſie ſo der reinen practiſchen Vernunft angemeſſen zu machen, aus welcher Ein- ſchraͤnkung, und nicht dem Zuſatz einer aͤußeren Triebfeder, alsdenn der Begriff der Verbindlichkeit, die Maxime mei- ner Selbſtliebe auch auf die Gluͤckſeligkeit anderer zu erwei- tern, allein entſpringen koͤnnte. Anmerkung II. Das gerade Widerſpiel des Princips der Sittlichkeit iſt: wenn das der eigenen Gluͤckſeligkeit zum Beſtimmungsgrunde des Willens gemacht wird, wozu, wie ich oben gezeigt habe, alles uͤberhaupt gezaͤhlt werden muß, was den Beſtimmungs- grund, der zum Geſetze dienen ſoll, irgend worin anders, als in der geſetzgebenden Form der Maxime ſetzt. Dieſer Wider-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/kant_pvernunft_1788
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/kant_pvernunft_1788/69
Zitationshilfe: Kant, Immanuel: Critik der practischen Vernunft. Riga, 1788. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kant_pvernunft_1788/69>, S. 61, abgerufen am 21.09.2017.