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Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 1. Berlin, 1875.

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Allgemeine Ackerbaulehre.

Nach dem Bemerkten ist bei der Saat 1) zu berücksichtigen: 1. Die Auswahl
des Saatgutes und im Zusammenhange damit 2. die Samengewinnung und der
Samenwechsel, weiter 3. die Saatzeit, 4. die Säemaschine, 5. die Saatmethode, 6. die
Saatmenge, 7. die Unterbringung des Samens und schließlich 8. die Verpflanzung.

1. Die Auswahl des Saatgutes.

Bei der nähern Betrachtung der Samen von ein und derselben Pflanzenart
ergeben sich die mannigfaltigsten Verschiedenheiten, welche sich besonders auf Form,
Färbung, Größe und Gewicht der einzelnen Samenkörner beziehen.

Je bedeutender das Gewicht des Samens, eine um so größere Menge Bildungs-
material wird in den Nährstoffbehältern desselben enthalten sein können, da auf den
Embryo gewöhnlich der geringste Theil des Samengewichtes entfällt. Je größer die
Nährstoffmengen, um so ausgiebiger wird die Ernährung und das Wachsthum der
Keimpflanze stattfinden. Es muß daher der Same vor der Aussaat einer sorg-
fältigen Auswahl unterzogen werden, wenn man fruchtreiche, gegen ungünstige Ein-
flüsse widerstandsfähige Pflanzen erzielen will. Diese Auswahl muß sich sowohl
auf die Qualität des Samens als auch auf die Reinheit desselben beziehen.

1, Die Beschaffenheit des Samens.

Die Keimung des Samens wird, wie S. 17 angeführt wurde, äußerlich durch
das Aufquellen desselben in Folge der Wasseraufnahme und durch die Entfaltung des
Keimes kenntlich, während gleichzeitig mannigfaltige Stoffveränderungen vor sich
gehen, welche die Auflösung der im Samen aufgespeicherten Reservestoffe und die
Verwendung derselben als Baumaterial für die keimende Pflanze bewirken. Ver-
liert der Same im Verlaufe der Zeit die Fähigkeit aufzuquellen oder tritt in
den aufgequollenen Samen eine Zersetzung des Sameninhaltes oder schließlich eine
Entwicklungsunfähigkeit des Keimes ein, so hört derselbe auf, als Saatgut brauchbar
zu sein. Die erste Bedingung für die Tauglichkeit eines Samens für die Aussaat
ist daher dessen Keimfähigkeit. Nächst dieser wird von der sonstigen äußeren
Beschaffenheit des Samens, soweit diese auf die Entwickelung der künftigen Pflanze
von Einfluß ist, die Güte des Saatkornes abhängig sein.

Die Fähigkeit zu keimen erlangen die Samen schon vor ihrer Reife. Es können
daher selbst unreife Samen, wenn sie nur ihre volle Größe erreicht haben, im Noth-
falle zur Saat verwendet werden. Kräftige, gegen ungünstige Einflüsse widerstands-
fähige Pflanzen werden jedoch nur aus ausgereiften Samen hervorgehen, weshalb
man nur diese zur Saat auszuwählen hat. Besonders bei mangelhafter Auf-
bewahrung verliert die Mehrzahl der Samen unserer Culturgewächse in kurzer Zeit
(nicht über 5 Jahre) die Fähigkeit auszukeimen.

1) Dr. F. Nobbe, Handbuch der Samenkunde. Berlin 1873; Dr. Wittmack Gras-
und Kleesamen. Berlin 1873; F. Haberlandt, Beiträge zur Frage über die Acclimatisation
der Pflanzen und den Samenwechsel. Wien 1864.
Allgemeine Ackerbaulehre.

Nach dem Bemerkten iſt bei der Saat 1) zu berückſichtigen: 1. Die Auswahl
des Saatgutes und im Zuſammenhange damit 2. die Samengewinnung und der
Samenwechſel, weiter 3. die Saatzeit, 4. die Säemaſchine, 5. die Saatmethode, 6. die
Saatmenge, 7. die Unterbringung des Samens und ſchließlich 8. die Verpflanzung.

1. Die Auswahl des Saatgutes.

Bei der nähern Betrachtung der Samen von ein und derſelben Pflanzenart
ergeben ſich die mannigfaltigſten Verſchiedenheiten, welche ſich beſonders auf Form,
Färbung, Größe und Gewicht der einzelnen Samenkörner beziehen.

Je bedeutender das Gewicht des Samens, eine um ſo größere Menge Bildungs-
material wird in den Nährſtoffbehältern deſſelben enthalten ſein können, da auf den
Embryo gewöhnlich der geringſte Theil des Samengewichtes entfällt. Je größer die
Nährſtoffmengen, um ſo ausgiebiger wird die Ernährung und das Wachsthum der
Keimpflanze ſtattfinden. Es muß daher der Same vor der Ausſaat einer ſorg-
fältigen Auswahl unterzogen werden, wenn man fruchtreiche, gegen ungünſtige Ein-
flüſſe widerſtandsfähige Pflanzen erzielen will. Dieſe Auswahl muß ſich ſowohl
auf die Qualität des Samens als auch auf die Reinheit deſſelben beziehen.

1, Die Beſchaffenheit des Samens.

Die Keimung des Samens wird, wie S. 17 angeführt wurde, äußerlich durch
das Aufquellen deſſelben in Folge der Waſſeraufnahme und durch die Entfaltung des
Keimes kenntlich, während gleichzeitig mannigfaltige Stoffveränderungen vor ſich
gehen, welche die Auflöſung der im Samen aufgeſpeicherten Reſerveſtoffe und die
Verwendung derſelben als Baumaterial für die keimende Pflanze bewirken. Ver-
liert der Same im Verlaufe der Zeit die Fähigkeit aufzuquellen oder tritt in
den aufgequollenen Samen eine Zerſetzung des Sameninhaltes oder ſchließlich eine
Entwicklungsunfähigkeit des Keimes ein, ſo hört derſelbe auf, als Saatgut brauchbar
zu ſein. Die erſte Bedingung für die Tauglichkeit eines Samens für die Ausſaat
iſt daher deſſen Keimfähigkeit. Nächſt dieſer wird von der ſonſtigen äußeren
Beſchaffenheit des Samens, ſoweit dieſe auf die Entwickelung der künftigen Pflanze
von Einfluß iſt, die Güte des Saatkornes abhängig ſein.

Die Fähigkeit zu keimen erlangen die Samen ſchon vor ihrer Reife. Es können
daher ſelbſt unreife Samen, wenn ſie nur ihre volle Größe erreicht haben, im Noth-
falle zur Saat verwendet werden. Kräftige, gegen ungünſtige Einflüſſe widerſtands-
fähige Pflanzen werden jedoch nur aus ausgereiften Samen hervorgehen, weshalb
man nur dieſe zur Saat auszuwählen hat. Beſonders bei mangelhafter Auf-
bewahrung verliert die Mehrzahl der Samen unſerer Culturgewächſe in kurzer Zeit
(nicht über 5 Jahre) die Fähigkeit auszukeimen.

1) Dr. F. Nobbe, Handbuch der Samenkunde. Berlin 1873; Dr. Wittmack Gras-
und Kleeſamen. Berlin 1873; F. Haberlandt, Beiträge zur Frage über die Acclimatiſation
der Pflanzen und den Samenwechſel. Wien 1864.
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[204/0222] Allgemeine Ackerbaulehre. Nach dem Bemerkten iſt bei der Saat 1) zu berückſichtigen: 1. Die Auswahl des Saatgutes und im Zuſammenhange damit 2. die Samengewinnung und der Samenwechſel, weiter 3. die Saatzeit, 4. die Säemaſchine, 5. die Saatmethode, 6. die Saatmenge, 7. die Unterbringung des Samens und ſchließlich 8. die Verpflanzung. 1. Die Auswahl des Saatgutes. Bei der nähern Betrachtung der Samen von ein und derſelben Pflanzenart ergeben ſich die mannigfaltigſten Verſchiedenheiten, welche ſich beſonders auf Form, Färbung, Größe und Gewicht der einzelnen Samenkörner beziehen. Je bedeutender das Gewicht des Samens, eine um ſo größere Menge Bildungs- material wird in den Nährſtoffbehältern deſſelben enthalten ſein können, da auf den Embryo gewöhnlich der geringſte Theil des Samengewichtes entfällt. Je größer die Nährſtoffmengen, um ſo ausgiebiger wird die Ernährung und das Wachsthum der Keimpflanze ſtattfinden. Es muß daher der Same vor der Ausſaat einer ſorg- fältigen Auswahl unterzogen werden, wenn man fruchtreiche, gegen ungünſtige Ein- flüſſe widerſtandsfähige Pflanzen erzielen will. Dieſe Auswahl muß ſich ſowohl auf die Qualität des Samens als auch auf die Reinheit deſſelben beziehen. 1, Die Beſchaffenheit des Samens. Die Keimung des Samens wird, wie S. 17 angeführt wurde, äußerlich durch das Aufquellen deſſelben in Folge der Waſſeraufnahme und durch die Entfaltung des Keimes kenntlich, während gleichzeitig mannigfaltige Stoffveränderungen vor ſich gehen, welche die Auflöſung der im Samen aufgeſpeicherten Reſerveſtoffe und die Verwendung derſelben als Baumaterial für die keimende Pflanze bewirken. Ver- liert der Same im Verlaufe der Zeit die Fähigkeit aufzuquellen oder tritt in den aufgequollenen Samen eine Zerſetzung des Sameninhaltes oder ſchließlich eine Entwicklungsunfähigkeit des Keimes ein, ſo hört derſelbe auf, als Saatgut brauchbar zu ſein. Die erſte Bedingung für die Tauglichkeit eines Samens für die Ausſaat iſt daher deſſen Keimfähigkeit. Nächſt dieſer wird von der ſonſtigen äußeren Beſchaffenheit des Samens, ſoweit dieſe auf die Entwickelung der künftigen Pflanze von Einfluß iſt, die Güte des Saatkornes abhängig ſein. Die Fähigkeit zu keimen erlangen die Samen ſchon vor ihrer Reife. Es können daher ſelbſt unreife Samen, wenn ſie nur ihre volle Größe erreicht haben, im Noth- falle zur Saat verwendet werden. Kräftige, gegen ungünſtige Einflüſſe widerſtands- fähige Pflanzen werden jedoch nur aus ausgereiften Samen hervorgehen, weshalb man nur dieſe zur Saat auszuwählen hat. Beſonders bei mangelhafter Auf- bewahrung verliert die Mehrzahl der Samen unſerer Culturgewächſe in kurzer Zeit (nicht über 5 Jahre) die Fähigkeit auszukeimen. 1) Dr. F. Nobbe, Handbuch der Samenkunde. Berlin 1873; Dr. Wittmack Gras- und Kleeſamen. Berlin 1873; F. Haberlandt, Beiträge zur Frage über die Acclimatiſation der Pflanzen und den Samenwechſel. Wien 1864.

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Zitationshilfe: Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 1. Berlin, 1875, S. 204. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krafft_landwirthschaft01_1875/222>, abgerufen am 25.03.2019.