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Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 1. Berlin, 1875.

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Allgemeine Ackerbaulehre.

Dieses Wasserbedürfniß der Culturpflanzen wird in einem trockenen Klima (in
Mitteleuropa mit 400 Mm. Regenfall per Jahr) am sichersten von dem Lehm-, Thon-
oder Humusboden, in einem feuchten Klima (in Mitteleuropa in der Ebene mit
800 Mm., im Gebirge mit 1050 Mm. jährlichem Regenfall) von dem Sandboden
befriedigt werden.

Die Höhe des Niederschlages, die Vertheilung desselben auf die einzelnen Jahres-
zeiten und Monate und die Zahl der Regentage werden je nach dem Verhalten
des Bodens zu Wasser und je nach den Wärmeverhältnissen entscheidend für die
Pflanzenvegetation und für die Dauer der landwirthschaftlichen Betriebsperioden sein.
Je feuchter das Klima und je wasserhaltiger, kälter der Boden um so mehr ver-
kürzt sich die Vegetationszeit und die Zeit, welche zur Ausführung der Culturen
verfügbar ist. Feuchtes Klima begünstigt die Blattentwickelung, daher das Gedeihen
der Futterpflanzen, trockenes Klima bis zu einer gewissen Grenze die Samenbildung,
daher das Gedeihen der Körnerfrüchte.

3. Das Licht.

Das Sonnenlicht ist unentbehrlich für die Neubildung der Pflanzensubstanz, in-
dem, wie schon S. 24 angegeben, unter dessen Einwirkung die Assimilation der auf-
genommenen Nährstoffe in den chlorophyllhaltigen Zellen unter Sauerstoffabscheidung
vor sich gehen kann.

Im Dunkeln entstehen in den Blättern etc. farblose Chlorophyllkörner (bleich-
süchtige Pflanzen), welche erst, eine bestimmte Temperatur vorausgesetzt, bei Licht er-
grünen und Stärkekörner bilden, die im Dunkeln wieder aufgelöst und zum Wachs-
thume verbraucht werden. Hat sich unter dem Einflusse des Lichtes ein Quantum
assimilirter Substanz in den grünen Pflanzentheilen gebildet, so kann dann die Zell-
theilung und der Stoffwechsel, welche das Wachsthum der Pflanze herbeiführen, auch
bei Ausschluß des Lichtes im Dunkeln so lange vor sich gehen als die assimilirte
Substanz vorhält.

Die grünen Internodien (Stengelglieder) verholzen sich im Dunkeln nicht und
erlangen ein abnormes Längenwachsthum (Lagerfrucht). Durch Lichtabschluß wird
nach Beobachtungen von J. Sachs 1) auch die Entstehung von Stammadventivwurzeln
begünstigt.

Am wirksamsten für das Ergrünen und die Stärkebildung zeigen sich nicht die
sonst chemisch wirksamsten blauen, sondern die minder brechbaren, hellleuchtenden
Strahlen (orange, gelb).

Je intensiver die Beleuchtung (bei gleichen Wärme und Wassermengen) um so
blüthen- und fruchtreicher werden die Pflanzen. An sonnigen Standorten blühen
dieselben viel reichlicher als an beschatteten.

Mit der Zeitdauer der Beleuchtung oder der Tageslänge nimmt die Thätigkeit
der grünen Blätter, somit die Schnelligkeit des Wachsthums zu, so zwar, daß sich

1) Botan. Ztg. XXIII. 119.
Allgemeine Ackerbaulehre.

Dieſes Waſſerbedürfniß der Culturpflanzen wird in einem trockenen Klima (in
Mitteleuropa mit 400 Mm. Regenfall per Jahr) am ſicherſten von dem Lehm-, Thon-
oder Humusboden, in einem feuchten Klima (in Mitteleuropa in der Ebene mit
800 Mm., im Gebirge mit 1050 Mm. jährlichem Regenfall) von dem Sandboden
befriedigt werden.

Die Höhe des Niederſchlages, die Vertheilung deſſelben auf die einzelnen Jahres-
zeiten und Monate und die Zahl der Regentage werden je nach dem Verhalten
des Bodens zu Waſſer und je nach den Wärmeverhältniſſen entſcheidend für die
Pflanzenvegetation und für die Dauer der landwirthſchaftlichen Betriebsperioden ſein.
Je feuchter das Klima und je waſſerhaltiger, kälter der Boden um ſo mehr ver-
kürzt ſich die Vegetationszeit und die Zeit, welche zur Ausführung der Culturen
verfügbar iſt. Feuchtes Klima begünſtigt die Blattentwickelung, daher das Gedeihen
der Futterpflanzen, trockenes Klima bis zu einer gewiſſen Grenze die Samenbildung,
daher das Gedeihen der Körnerfrüchte.

3. Das Licht.

Das Sonnenlicht iſt unentbehrlich für die Neubildung der Pflanzenſubſtanz, in-
dem, wie ſchon S. 24 angegeben, unter deſſen Einwirkung die Aſſimilation der auf-
genommenen Nährſtoffe in den chlorophyllhaltigen Zellen unter Sauerſtoffabſcheidung
vor ſich gehen kann.

Im Dunkeln entſtehen in den Blättern ꝛc. farbloſe Chlorophyllkörner (bleich-
ſüchtige Pflanzen), welche erſt, eine beſtimmte Temperatur vorausgeſetzt, bei Licht er-
grünen und Stärkekörner bilden, die im Dunkeln wieder aufgelöſt und zum Wachs-
thume verbraucht werden. Hat ſich unter dem Einfluſſe des Lichtes ein Quantum
aſſimilirter Subſtanz in den grünen Pflanzentheilen gebildet, ſo kann dann die Zell-
theilung und der Stoffwechſel, welche das Wachsthum der Pflanze herbeiführen, auch
bei Ausſchluß des Lichtes im Dunkeln ſo lange vor ſich gehen als die aſſimilirte
Subſtanz vorhält.

Die grünen Internodien (Stengelglieder) verholzen ſich im Dunkeln nicht und
erlangen ein abnormes Längenwachsthum (Lagerfrucht). Durch Lichtabſchluß wird
nach Beobachtungen von J. Sachs 1) auch die Entſtehung von Stammadventivwurzeln
begünſtigt.

Am wirkſamſten für das Ergrünen und die Stärkebildung zeigen ſich nicht die
ſonſt chemiſch wirkſamſten blauen, ſondern die minder brechbaren, hellleuchtenden
Strahlen (orange, gelb).

Je intenſiver die Beleuchtung (bei gleichen Wärme und Waſſermengen) um ſo
blüthen- und fruchtreicher werden die Pflanzen. An ſonnigen Standorten blühen
dieſelben viel reichlicher als an beſchatteten.

Mit der Zeitdauer der Beleuchtung oder der Tageslänge nimmt die Thätigkeit
der grünen Blätter, ſomit die Schnelligkeit des Wachsthums zu, ſo zwar, daß ſich

1) Botan. Ztg. XXIII. 119.
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[62/0080] Allgemeine Ackerbaulehre. Dieſes Waſſerbedürfniß der Culturpflanzen wird in einem trockenen Klima (in Mitteleuropa mit 400 Mm. Regenfall per Jahr) am ſicherſten von dem Lehm-, Thon- oder Humusboden, in einem feuchten Klima (in Mitteleuropa in der Ebene mit 800 Mm., im Gebirge mit 1050 Mm. jährlichem Regenfall) von dem Sandboden befriedigt werden. Die Höhe des Niederſchlages, die Vertheilung deſſelben auf die einzelnen Jahres- zeiten und Monate und die Zahl der Regentage werden je nach dem Verhalten des Bodens zu Waſſer und je nach den Wärmeverhältniſſen entſcheidend für die Pflanzenvegetation und für die Dauer der landwirthſchaftlichen Betriebsperioden ſein. Je feuchter das Klima und je waſſerhaltiger, kälter der Boden um ſo mehr ver- kürzt ſich die Vegetationszeit und die Zeit, welche zur Ausführung der Culturen verfügbar iſt. Feuchtes Klima begünſtigt die Blattentwickelung, daher das Gedeihen der Futterpflanzen, trockenes Klima bis zu einer gewiſſen Grenze die Samenbildung, daher das Gedeihen der Körnerfrüchte. 3. Das Licht. Das Sonnenlicht iſt unentbehrlich für die Neubildung der Pflanzenſubſtanz, in- dem, wie ſchon S. 24 angegeben, unter deſſen Einwirkung die Aſſimilation der auf- genommenen Nährſtoffe in den chlorophyllhaltigen Zellen unter Sauerſtoffabſcheidung vor ſich gehen kann. Im Dunkeln entſtehen in den Blättern ꝛc. farbloſe Chlorophyllkörner (bleich- ſüchtige Pflanzen), welche erſt, eine beſtimmte Temperatur vorausgeſetzt, bei Licht er- grünen und Stärkekörner bilden, die im Dunkeln wieder aufgelöſt und zum Wachs- thume verbraucht werden. Hat ſich unter dem Einfluſſe des Lichtes ein Quantum aſſimilirter Subſtanz in den grünen Pflanzentheilen gebildet, ſo kann dann die Zell- theilung und der Stoffwechſel, welche das Wachsthum der Pflanze herbeiführen, auch bei Ausſchluß des Lichtes im Dunkeln ſo lange vor ſich gehen als die aſſimilirte Subſtanz vorhält. Die grünen Internodien (Stengelglieder) verholzen ſich im Dunkeln nicht und erlangen ein abnormes Längenwachsthum (Lagerfrucht). Durch Lichtabſchluß wird nach Beobachtungen von J. Sachs 1) auch die Entſtehung von Stammadventivwurzeln begünſtigt. Am wirkſamſten für das Ergrünen und die Stärkebildung zeigen ſich nicht die ſonſt chemiſch wirkſamſten blauen, ſondern die minder brechbaren, hellleuchtenden Strahlen (orange, gelb). Je intenſiver die Beleuchtung (bei gleichen Wärme und Waſſermengen) um ſo blüthen- und fruchtreicher werden die Pflanzen. An ſonnigen Standorten blühen dieſelben viel reichlicher als an beſchatteten. Mit der Zeitdauer der Beleuchtung oder der Tageslänge nimmt die Thätigkeit der grünen Blätter, ſomit die Schnelligkeit des Wachsthums zu, ſo zwar, daß ſich 1) Botan. Ztg. XXIII. 119.

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Zitationshilfe: Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 1. Berlin, 1875, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krafft_landwirthschaft01_1875/80>, abgerufen am 22.03.2019.