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Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 2. Berlin, 1876.

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Besondere Pflanzenbaulehre.

Ueber die Knollenentwickelung bei zwei Kartoffelsorten führen wir die Untersuchungen
von F. Nobbe (Sächs. Amtsbl. 1867, 11) an:

[Tabelle]

Die Stoffwanderungen in der reifenden Kartoffelpflanze gehen nach zwei Richtungen.
Ein Theil der während des Wachsthumes in den Blättern gebildeten Assimilationsproducte
wandert aufwärts in die zur Beere ausreifende Blüthe, ein anderer abwärts zu der Knolle,
welche entsprechend der Stoffeinwanderung an Größe zunimmt. Die Stärke wird dabei
in den leitenden Geweben in eine Glykose ähnliche Substanz umgewandelt, welche in
der Beere oder in noch ergiebigerer Weise in der Knolle das Material zur Ansammlung
der Stärke liefert. Mit vorschreitender Reife nimmt die Kartoffel so lange an Stärkemehl
zu, als das Kartoffelkraut noch grünt. Nach Nobbe und Siegert 1) zeigen verschieden alte
Knollen, welche nach ihrer Größe in acht Entwickelungsstufen gruppirt wurden, folgenden
Gehalt:

[Tabelle]

Nach diesem physiologischen Zusammenhange zwischen den unter- und oberirdischen
Organen der Kartoffelpflanze ergibt sich von selbst, wie übrigens durch zahlreiche Versuche
nachgewiesen wurde, daß eine Entlaubung der Kartoffelpflanze nur nachtheilig auf den
Knollenertrag einwirken kann, je früher dieselbe vorgenommen wird.

1. Die Wachsthumsbedingungen.

Die Kartoffel kommt wildwachsend in ihrer Heimat, auf den kalten Höhen
der Anden von Chili und Peru, vor. Als Culturpflanze, deren Wichtigkeit jener
der Getreidepflanzen nahe kommt, wird sie auf der ganzen bewohnten Erde angebaut.
In Europa erstreckt sich ihre Cultur bis zum 70° 40' nördlicher Breite über die
Grenze der Getreidecultur hinaus. Sie wird noch in Island und in der Schweiz
an der Sonnenseite der Gebirge in einer Meereshöhe von 1400 Meter angebaut,
während sie im tropischen Südamerika zwischen 500--570 Meter Meereshöhe
cultivirt wird.

Die Abänderungen der Kartoffelpflanze beziehen sich vorzugsweise auf die
Aenderung der Form und die Zusammensetzung der Knollen. Erwähnenswerth, wenn

1) Landw. Vers. Stat. VII. S. 451.
Beſondere Pflanzenbaulehre.

Ueber die Knollenentwickelung bei zwei Kartoffelſorten führen wir die Unterſuchungen
von F. Nobbe (Sächſ. Amtsbl. 1867, 11) an:

[Tabelle]

Die Stoffwanderungen in der reifenden Kartoffelpflanze gehen nach zwei Richtungen.
Ein Theil der während des Wachsthumes in den Blättern gebildeten Aſſimilationsproducte
wandert aufwärts in die zur Beere ausreifende Blüthe, ein anderer abwärts zu der Knolle,
welche entſprechend der Stoffeinwanderung an Größe zunimmt. Die Stärke wird dabei
in den leitenden Geweben in eine Glykoſe ähnliche Subſtanz umgewandelt, welche in
der Beere oder in noch ergiebigerer Weiſe in der Knolle das Material zur Anſammlung
der Stärke liefert. Mit vorſchreitender Reife nimmt die Kartoffel ſo lange an Stärkemehl
zu, als das Kartoffelkraut noch grünt. Nach Nobbe und Siegert 1) zeigen verſchieden alte
Knollen, welche nach ihrer Größe in acht Entwickelungsſtufen gruppirt wurden, folgenden
Gehalt:

[Tabelle]

Nach dieſem phyſiologiſchen Zuſammenhange zwiſchen den unter- und oberirdiſchen
Organen der Kartoffelpflanze ergibt ſich von ſelbſt, wie übrigens durch zahlreiche Verſuche
nachgewieſen wurde, daß eine Entlaubung der Kartoffelpflanze nur nachtheilig auf den
Knollenertrag einwirken kann, je früher dieſelbe vorgenommen wird.

1. Die Wachsthumsbedingungen.

Die Kartoffel kommt wildwachſend in ihrer Heimat, auf den kalten Höhen
der Anden von Chili und Peru, vor. Als Culturpflanze, deren Wichtigkeit jener
der Getreidepflanzen nahe kommt, wird ſie auf der ganzen bewohnten Erde angebaut.
In Europa erſtreckt ſich ihre Cultur bis zum 70° 40′ nördlicher Breite über die
Grenze der Getreidecultur hinaus. Sie wird noch in Island und in der Schweiz
an der Sonnenſeite der Gebirge in einer Meereshöhe von 1400 Meter angebaut,
während ſie im tropiſchen Südamerika zwiſchen 500—570 Meter Meereshöhe
cultivirt wird.

Die Abänderungen der Kartoffelpflanze beziehen ſich vorzugsweiſe auf die
Aenderung der Form und die Zuſammenſetzung der Knollen. Erwähnenswerth, wenn

1) Landw. Verſ. Stat. VII. S. 451.
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[138/0152] Beſondere Pflanzenbaulehre. Ueber die Knollenentwickelung bei zwei Kartoffelſorten führen wir die Unterſuchungen von F. Nobbe (Sächſ. Amtsbl. 1867, 11) an: Die Stoffwanderungen in der reifenden Kartoffelpflanze gehen nach zwei Richtungen. Ein Theil der während des Wachsthumes in den Blättern gebildeten Aſſimilationsproducte wandert aufwärts in die zur Beere ausreifende Blüthe, ein anderer abwärts zu der Knolle, welche entſprechend der Stoffeinwanderung an Größe zunimmt. Die Stärke wird dabei in den leitenden Geweben in eine Glykoſe ähnliche Subſtanz umgewandelt, welche in der Beere oder in noch ergiebigerer Weiſe in der Knolle das Material zur Anſammlung der Stärke liefert. Mit vorſchreitender Reife nimmt die Kartoffel ſo lange an Stärkemehl zu, als das Kartoffelkraut noch grünt. Nach Nobbe und Siegert 1) zeigen verſchieden alte Knollen, welche nach ihrer Größe in acht Entwickelungsſtufen gruppirt wurden, folgenden Gehalt: Nach dieſem phyſiologiſchen Zuſammenhange zwiſchen den unter- und oberirdiſchen Organen der Kartoffelpflanze ergibt ſich von ſelbſt, wie übrigens durch zahlreiche Verſuche nachgewieſen wurde, daß eine Entlaubung der Kartoffelpflanze nur nachtheilig auf den Knollenertrag einwirken kann, je früher dieſelbe vorgenommen wird. 1. Die Wachsthumsbedingungen. Die Kartoffel kommt wildwachſend in ihrer Heimat, auf den kalten Höhen der Anden von Chili und Peru, vor. Als Culturpflanze, deren Wichtigkeit jener der Getreidepflanzen nahe kommt, wird ſie auf der ganzen bewohnten Erde angebaut. In Europa erſtreckt ſich ihre Cultur bis zum 70° 40′ nördlicher Breite über die Grenze der Getreidecultur hinaus. Sie wird noch in Island und in der Schweiz an der Sonnenſeite der Gebirge in einer Meereshöhe von 1400 Meter angebaut, während ſie im tropiſchen Südamerika zwiſchen 500—570 Meter Meereshöhe cultivirt wird. Die Abänderungen der Kartoffelpflanze beziehen ſich vorzugsweiſe auf die Aenderung der Form und die Zuſammenſetzung der Knollen. Erwähnenswerth, wenn 1) Landw. Verſ. Stat. VII. S. 451.

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Zitationshilfe: Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 2. Berlin, 1876, S. 138. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krafft_landwirthschaft02_1876/152>, abgerufen am 20.03.2019.