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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778.

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Christusbilder.
N. Christus zwischen zween Mördern.
Des IV Ban-
des LXIV.
Tafel. Drey
Kruzifixe.

Der Augenblick ist gewählt: Heute wirst du bey mir im Paradiese seyn. Aber
das sagt mehr der aufgehabene Finger, als der Mund des Erlösers. Dieser Mund be-
gnadigt nicht. Ueberhaupt ist freylich das Gesicht und der Körper des mittlern Gekreu-
zigten edler, als der beyden übrigen und als gemeiner Menschen -- aber weder eines, "der die Sün-
"den der Welt trägt" -- noch eines, der in die Wonne der Vollendung hinausblickt -- noch --
überhaupt eines Erhabenen! des Ersten und Letzten! des Einzigen! Unterdrückter Schmerz ist we-
nig zwischen den Augenbraunen, im Munde, hingegen nichts in den Händen und dem übrigen Kör-
per zu bemerken.

Man wird nicht deuten dürfen, welcher von den beyden übrigen der Begnadigte und der
Verruchte sey? "Der versteinerte Sünder, der grau gewordene Verbrecher" -- Die Physiogno-
mie des zur Rechten, auch ohne die ruhige, froh dankbare Miene, die freylich "sich nicht bestrebt,
"gegen den Versöhner tief sich hinzuneigen, daß ihm die Wunden heftiger fließen"*) -- auch ohne
diese fast zu Schmerzenlose, zu einfach zufriedene Miene; ist seine Physiognomie offenbar edler, treuer,
zärter, weiser, empfindsamer geformt, und in jeder Situation liebenswürdiger, als der zerdrückte,
unter Lasten von harter Bosheit versunkene Kopf des zur Linken. Man rechne das Verzerrte weg --
das Wuth und Schmerz verursachen mögen -- man denke ihn -- herunter gerettet vom Kreuze
mit dem und durch den, dessen er spottete -- Er wird, sobald er sich wieder angezogen und erholt
hat, hingehen, und seiner spottend, wieder sündigen, und sein Letztes wird ärger werden, als sein
erstes; da hingegen der andere -- gewiß flehen würde -- "Herr! erlaube mir, dir nachzufolgen,
"wo du auch hingehest." Das Härtere des Härtern ist auch im ganzen Körper sichtbar -- Jch
hätte seine Statur noch um ein merkliches kürzer gewünscht. Die härtesten Bösewichter sind im-
mer die "Untersetzten" -- Man durchgehe die Bezeichnungen von Räuberbanden. Denn wo viel
gedrängte Kraft ist, ist auch viel Versuchung zum Mißbrauche derselben.

Und nun, wenn ich dürfte -- wie gerne sagte ich noch Ein Wort von dem so unvergleich-
bar dramatischen Symbol, von dem Gottesgenie in dieser, in ihrer Art einzigen Scene -- aber --
ich darf nichts, als: Sie wäre des größten Mahlers würdig.



O. Umriß
*) Klopstock.
L l l 3
Chriſtusbilder.
N. Chriſtus zwiſchen zween Moͤrdern.
Des IV Ban-
des LXIV.
Tafel. Drey
Kruzifixe.

Der Augenblick iſt gewaͤhlt: Heute wirſt du bey mir im Paradieſe ſeyn. Aber
das ſagt mehr der aufgehabene Finger, als der Mund des Erloͤſers. Dieſer Mund be-
gnadigt nicht. Ueberhaupt iſt freylich das Geſicht und der Koͤrper des mittlern Gekreu-
zigten edler, als der beyden uͤbrigen und als gemeiner Menſchen — aber weder eines, „der die Suͤn-
„den der Welt traͤgt“ — noch eines, der in die Wonne der Vollendung hinausblickt — noch —
uͤberhaupt eines Erhabenen! des Erſten und Letzten! des Einzigen! Unterdruͤckter Schmerz iſt we-
nig zwiſchen den Augenbraunen, im Munde, hingegen nichts in den Haͤnden und dem uͤbrigen Koͤr-
per zu bemerken.

Man wird nicht deuten duͤrfen, welcher von den beyden uͤbrigen der Begnadigte und der
Verruchte ſey? „Der verſteinerte Suͤnder, der grau gewordene Verbrecher“ — Die Phyſiogno-
mie des zur Rechten, auch ohne die ruhige, froh dankbare Miene, die freylich „ſich nicht beſtrebt,
„gegen den Verſoͤhner tief ſich hinzuneigen, daß ihm die Wunden heftiger fließen“*) — auch ohne
dieſe faſt zu Schmerzenloſe, zu einfach zufriedene Miene; iſt ſeine Phyſiognomie offenbar edler, treuer,
zaͤrter, weiſer, empfindſamer geformt, und in jeder Situation liebenswuͤrdiger, als der zerdruͤckte,
unter Laſten von harter Bosheit verſunkene Kopf des zur Linken. Man rechne das Verzerrte weg —
das Wuth und Schmerz verurſachen moͤgen — man denke ihn — herunter gerettet vom Kreuze
mit dem und durch den, deſſen er ſpottete — Er wird, ſobald er ſich wieder angezogen und erholt
hat, hingehen, und ſeiner ſpottend, wieder ſuͤndigen, und ſein Letztes wird aͤrger werden, als ſein
erſtes; da hingegen der andere — gewiß flehen wuͤrde — „Herr! erlaube mir, dir nachzufolgen,
„wo du auch hingeheſt.“ Das Haͤrtere des Haͤrtern iſt auch im ganzen Koͤrper ſichtbar — Jch
haͤtte ſeine Statur noch um ein merkliches kuͤrzer gewuͤnſcht. Die haͤrteſten Boͤſewichter ſind im-
mer die „Unterſetzten“ — Man durchgehe die Bezeichnungen von Raͤuberbanden. Denn wo viel
gedraͤngte Kraft iſt, iſt auch viel Verſuchung zum Mißbrauche derſelben.

Und nun, wenn ich duͤrfte — wie gerne ſagte ich noch Ein Wort von dem ſo unvergleich-
bar dramatiſchen Symbol, von dem Gottesgenie in dieſer, in ihrer Art einzigen Scene — aber —
ich darf nichts, als: Sie waͤre des groͤßten Mahlers wuͤrdig.



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*) Klopſtock.
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[453/0597] Chriſtusbilder. N. Chriſtus zwiſchen zween Moͤrdern. Der Augenblick iſt gewaͤhlt: Heute wirſt du bey mir im Paradieſe ſeyn. Aber das ſagt mehr der aufgehabene Finger, als der Mund des Erloͤſers. Dieſer Mund be- gnadigt nicht. Ueberhaupt iſt freylich das Geſicht und der Koͤrper des mittlern Gekreu- zigten edler, als der beyden uͤbrigen und als gemeiner Menſchen — aber weder eines, „der die Suͤn- „den der Welt traͤgt“ — noch eines, der in die Wonne der Vollendung hinausblickt — noch — uͤberhaupt eines Erhabenen! des Erſten und Letzten! des Einzigen! Unterdruͤckter Schmerz iſt we- nig zwiſchen den Augenbraunen, im Munde, hingegen nichts in den Haͤnden und dem uͤbrigen Koͤr- per zu bemerken. Man wird nicht deuten duͤrfen, welcher von den beyden uͤbrigen der Begnadigte und der Verruchte ſey? „Der verſteinerte Suͤnder, der grau gewordene Verbrecher“ — Die Phyſiogno- mie des zur Rechten, auch ohne die ruhige, froh dankbare Miene, die freylich „ſich nicht beſtrebt, „gegen den Verſoͤhner tief ſich hinzuneigen, daß ihm die Wunden heftiger fließen“ *) — auch ohne dieſe faſt zu Schmerzenloſe, zu einfach zufriedene Miene; iſt ſeine Phyſiognomie offenbar edler, treuer, zaͤrter, weiſer, empfindſamer geformt, und in jeder Situation liebenswuͤrdiger, als der zerdruͤckte, unter Laſten von harter Bosheit verſunkene Kopf des zur Linken. Man rechne das Verzerrte weg — das Wuth und Schmerz verurſachen moͤgen — man denke ihn — herunter gerettet vom Kreuze mit dem und durch den, deſſen er ſpottete — Er wird, ſobald er ſich wieder angezogen und erholt hat, hingehen, und ſeiner ſpottend, wieder ſuͤndigen, und ſein Letztes wird aͤrger werden, als ſein erſtes; da hingegen der andere — gewiß flehen wuͤrde — „Herr! erlaube mir, dir nachzufolgen, „wo du auch hingeheſt.“ Das Haͤrtere des Haͤrtern iſt auch im ganzen Koͤrper ſichtbar — Jch haͤtte ſeine Statur noch um ein merkliches kuͤrzer gewuͤnſcht. Die haͤrteſten Boͤſewichter ſind im- mer die „Unterſetzten“ — Man durchgehe die Bezeichnungen von Raͤuberbanden. Denn wo viel gedraͤngte Kraft iſt, iſt auch viel Verſuchung zum Mißbrauche derſelben. Und nun, wenn ich duͤrfte — wie gerne ſagte ich noch Ein Wort von dem ſo unvergleich- bar dramatiſchen Symbol, von dem Gottesgenie in dieſer, in ihrer Art einzigen Scene — aber — ich darf nichts, als: Sie waͤre des groͤßten Mahlers wuͤrdig. O. Umriß *) Klopſtock. L l l 3

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778, S. 453. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778/597>, abgerufen am 20.07.2019.