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[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769].

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Hamburgische
Dramaturgie.


Zwölftes Stück.





Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich
zwischen den Gespenstern des englischen
und französischen Dichters findet. Vol-
tairs Gespenst ist nichts als eine poetische Ma-
schine, die nur des Knotens wegen da ist; es
interessirt uns für sich selbst nicht im geringsten.
Shakespears Gespenst hingegen ist eine wirklich
handelnde Person, an dessen Schicksale wir An-
theil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch
Mitleid.

Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel,
aus der verschiedenen Denkungsart beider Dich-
ter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire
betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen
als ein Wunder; Shakespear als eine ganz na-
türliche Begebenheit. Wer von beiden philo-
sophischer denkt, dürfte keine Frage seyn; aber
Shakespear dachte poetischer. Der Geist des

Ni-
M
Hamburgiſche
Dramaturgie.


Zwoͤlftes Stuͤck.





Ich bemerke noch einen Unterſchied, der ſich
zwiſchen den Geſpenſtern des engliſchen
und franzoͤſiſchen Dichters findet. Vol-
tairs Geſpenſt iſt nichts als eine poetiſche Ma-
ſchine, die nur des Knotens wegen da iſt; es
intereſſirt uns fuͤr ſich ſelbſt nicht im geringſten.
Shakeſpears Geſpenſt hingegen iſt eine wirklich
handelnde Perſon, an deſſen Schickſale wir An-
theil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch
Mitleid.

Dieſer Unterſchied entſprang, ohne Zweifel,
aus der verſchiedenen Denkungsart beider Dich-
ter von den Geſpenſtern uͤberhaupt. Voltaire
betrachtet die Erſcheinung eines Verſtorbenen
als ein Wunder; Shakeſpear als eine ganz na-
tuͤrliche Begebenheit. Wer von beiden philo-
ſophiſcher denkt, duͤrfte keine Frage ſeyn; aber
Shakeſpear dachte poetiſcher. Der Geiſt des

Ni-
M
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[[89]/0103] Hamburgiſche Dramaturgie. Zwoͤlftes Stuͤck. Den 9ten Junius, 1767. Ich bemerke noch einen Unterſchied, der ſich zwiſchen den Geſpenſtern des engliſchen und franzoͤſiſchen Dichters findet. Vol- tairs Geſpenſt iſt nichts als eine poetiſche Ma- ſchine, die nur des Knotens wegen da iſt; es intereſſirt uns fuͤr ſich ſelbſt nicht im geringſten. Shakeſpears Geſpenſt hingegen iſt eine wirklich handelnde Perſon, an deſſen Schickſale wir An- theil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid. Dieſer Unterſchied entſprang, ohne Zweifel, aus der verſchiedenen Denkungsart beider Dich- ter von den Geſpenſtern uͤberhaupt. Voltaire betrachtet die Erſcheinung eines Verſtorbenen als ein Wunder; Shakeſpear als eine ganz na- tuͤrliche Begebenheit. Wer von beiden philo- ſophiſcher denkt, duͤrfte keine Frage ſeyn; aber Shakeſpear dachte poetiſcher. Der Geiſt des Ni- M

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Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769], S. [89]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/103>, abgerufen am 15.08.2020.