Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769].

Bild:
<< vorherige Seite

daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres
Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen.
Was kostet es denn nun auch für große Mühe,
aus drey Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt
in einem andern Zimmer einmal Kaffee trinken;
man schlägt einen Spatziergang im Garten vor;
und wenn Noth an den Mann gehet, so kann ja
auch der Lichtputzer herauskommen und sagen:
Meine Damen und Herren, treten sie ein wenig
ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen er-
funden, und was hilft ihr Spielen, wenn das
Parterr nicht sehen kann? -- Die Uebersetzung
selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind
der Fr. Professorinn die Knittelverse des Ma-
suren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie
überall eben so glücklich gewesen, wo sie den
Einfällen ihres Originals eine andere Wendung
geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der
Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser
Art, mit der es die liebe Frau recht herzlich gut
gemeinet hatte, habe ich dem ohngeachtet auf-
mutzen hören. In der Scene, wo Henriette
die alberne Dirne spielt, läßt Destouches den
Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Er-
staunen, Mademoisell; ich habe Sie für eine
Virtuosinn gehalten. O pfuy! erwiedert Hen-
riette; wofür haben Sie mich gehalten? Ich
bin ein ehrliches Mädchen; daß Sie es nur wis-
sen. Aber man kann ja, fällt ihr Masuren ein,

bei-

daß ſie ſich nicht den kritiſchen Ausſpruͤchen ihres
Gemahls blindlings haͤtte unterwerfen ſollen.
Was koſtet es denn nun auch fuͤr große Muͤhe,
aus drey Aufzuͤgen fuͤnfe zu machen? Man laͤßt
in einem andern Zimmer einmal Kaffee trinken;
man ſchlaͤgt einen Spatziergang im Garten vor;
und wenn Noth an den Mann gehet, ſo kann ja
auch der Lichtputzer herauskommen und ſagen:
Meine Damen und Herren, treten ſie ein wenig
ab; die Zwiſchenakte ſind des Putzens wegen er-
funden, und was hilft ihr Spielen, wenn das
Parterr nicht ſehen kann? — Die Ueberſetzung
ſelbſt iſt ſonſt nicht ſchlecht, und beſonders ſind
der Fr. Profeſſorinn die Knittelverſe des Ma-
ſuren, wie billig, ſehr wohl gelungen. Ob ſie
uͤberall eben ſo gluͤcklich geweſen, wo ſie den
Einfaͤllen ihres Originals eine andere Wendung
geben zu muͤſſen geglaubt, wuͤrde ſich aus der
Vergleichung zeigen. Eine Verbeſſerung dieſer
Art, mit der es die liebe Frau recht herzlich gut
gemeinet hatte, habe ich dem ohngeachtet auf-
mutzen hoͤren. In der Scene, wo Henriette
die alberne Dirne ſpielt, laͤßt Destouches den
Maſuren zu ihr ſagen: „Sie ſetzen mich in Er-
ſtaunen, Mademoiſell; ich habe Sie fuͤr eine
Virtuoſinn gehalten. O pfuy! erwiedert Hen-
riette; wofuͤr haben Sie mich gehalten? Ich
bin ein ehrliches Maͤdchen; daß Sie es nur wiſ-
ſen. Aber man kann ja, faͤllt ihr Maſuren ein,

bei-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0112" n="98"/>
daß &#x017F;ie &#x017F;ich nicht den kriti&#x017F;chen Aus&#x017F;pru&#x0364;chen ihres<lb/>
Gemahls blindlings ha&#x0364;tte unterwerfen &#x017F;ollen.<lb/>
Was ko&#x017F;tet es denn nun auch fu&#x0364;r große Mu&#x0364;he,<lb/>
aus drey Aufzu&#x0364;gen fu&#x0364;nfe zu machen? Man la&#x0364;ßt<lb/>
in einem andern Zimmer einmal Kaffee trinken;<lb/>
man &#x017F;chla&#x0364;gt einen Spatziergang im Garten vor;<lb/>
und wenn Noth an den Mann gehet, &#x017F;o kann ja<lb/>
auch der Lichtputzer herauskommen und &#x017F;agen:<lb/>
Meine Damen und Herren, treten &#x017F;ie ein wenig<lb/>
ab; die Zwi&#x017F;chenakte &#x017F;ind des Putzens wegen er-<lb/>
funden, und was hilft ihr Spielen, wenn das<lb/>
Parterr nicht &#x017F;ehen kann? &#x2014; Die Ueber&#x017F;etzung<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t i&#x017F;t &#x017F;on&#x017F;t nicht &#x017F;chlecht, und be&#x017F;onders &#x017F;ind<lb/>
der Fr. Profe&#x017F;&#x017F;orinn die Knittelver&#x017F;e des Ma-<lb/>
&#x017F;uren, wie billig, &#x017F;ehr wohl gelungen. Ob &#x017F;ie<lb/>
u&#x0364;berall eben &#x017F;o glu&#x0364;cklich gewe&#x017F;en, wo &#x017F;ie den<lb/>
Einfa&#x0364;llen ihres Originals eine andere Wendung<lb/>
geben zu mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en geglaubt, wu&#x0364;rde &#x017F;ich aus der<lb/>
Vergleichung zeigen. Eine Verbe&#x017F;&#x017F;erung die&#x017F;er<lb/>
Art, mit der es die liebe Frau recht herzlich gut<lb/>
gemeinet hatte, habe ich dem ohngeachtet auf-<lb/>
mutzen ho&#x0364;ren. In der Scene, wo Henriette<lb/>
die alberne Dirne &#x017F;pielt, la&#x0364;ßt Destouches den<lb/><cit><quote>Ma&#x017F;uren zu ihr &#x017F;agen: &#x201E;Sie &#x017F;etzen mich in Er-<lb/>
&#x017F;taunen, Mademoi&#x017F;ell; ich habe Sie fu&#x0364;r eine<lb/>
Virtuo&#x017F;inn gehalten. O pfuy! erwiedert Hen-<lb/>
riette; wofu&#x0364;r haben Sie mich gehalten? Ich<lb/>
bin ein ehrliches Ma&#x0364;dchen; daß Sie es nur wi&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en. Aber man kann ja, fa&#x0364;llt ihr Ma&#x017F;uren ein,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">bei-</fw><lb/></quote></cit></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[98/0112] daß ſie ſich nicht den kritiſchen Ausſpruͤchen ihres Gemahls blindlings haͤtte unterwerfen ſollen. Was koſtet es denn nun auch fuͤr große Muͤhe, aus drey Aufzuͤgen fuͤnfe zu machen? Man laͤßt in einem andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man ſchlaͤgt einen Spatziergang im Garten vor; und wenn Noth an den Mann gehet, ſo kann ja auch der Lichtputzer herauskommen und ſagen: Meine Damen und Herren, treten ſie ein wenig ab; die Zwiſchenakte ſind des Putzens wegen er- funden, und was hilft ihr Spielen, wenn das Parterr nicht ſehen kann? — Die Ueberſetzung ſelbſt iſt ſonſt nicht ſchlecht, und beſonders ſind der Fr. Profeſſorinn die Knittelverſe des Ma- ſuren, wie billig, ſehr wohl gelungen. Ob ſie uͤberall eben ſo gluͤcklich geweſen, wo ſie den Einfaͤllen ihres Originals eine andere Wendung geben zu muͤſſen geglaubt, wuͤrde ſich aus der Vergleichung zeigen. Eine Verbeſſerung dieſer Art, mit der es die liebe Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich dem ohngeachtet auf- mutzen hoͤren. In der Scene, wo Henriette die alberne Dirne ſpielt, laͤßt Destouches den Maſuren zu ihr ſagen: „Sie ſetzen mich in Er- ſtaunen, Mademoiſell; ich habe Sie fuͤr eine Virtuoſinn gehalten. O pfuy! erwiedert Hen- riette; wofuͤr haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches Maͤdchen; daß Sie es nur wiſ- ſen. Aber man kann ja, faͤllt ihr Maſuren ein, bei-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/112
Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769], S. 98. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/112>, abgerufen am 30.09.2020.