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[Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747.

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Geschichte des dritten Bischof Alberts, eilftes Jahr,
1208
d) Des Bischofs Bruder, als Probst des Rigischen Domkapitels.
e) Stade etwan? Jch sehe, daß auf ein Kloster Augustinerordens gezielet werde; es
mag auch liegen wo es wolle. Jch zweifele aber, ob diese von Cranzen entlehnte Re-
densart einen Deckmantel meiner Unwissenheit abgeben könne.
f) Die Feuersbrunst in Riga wird beym Jahr 1213 n. 6. erzählet.
§. 4.

Wie es gegen den Herbst ging, hielt der um die Beförderung und Beschü-
tzung der Liefländischen Kirche allezeit bekümmerte Bischof einen Rath mit
seinen verständigsten Männern, und überschlug sorgfältig, wie er die neuange-
legte Kirche vor den Nachstellungen der Letten und Russen frey behalten
möchte. Und da er an alle das Unglück dachte, so der König von Gerceke
mit den Litthauern der Stadt Riga, den Liven und Letten verursachet:
so ward beschlossen, gegen die Feinde des christlichen Namens ins Feld zu rücken.
Denn der König Wissewald von Gercike war ein Erbfeind der Christen, und
sonderlich derer von der Lateinischen Kirche. Er hatte die Tochter eines vorneh-
men Litthauers geheirathet, und war gleichsam einer aus ihnen, nemlich, ihr
Schwiegersohn, und sehr vertrauter Freund, wie auch deswegen ihr oftmaliger
Heerführer g). Er bewilligte ihnen nicht allein den freyen Paß über die Düne,
sondern er gab ihnen auch Lebensmittel, sowol, wenn sie nach Rußland, als
nach Lief- und Esthland zogen. Die Litthauer hatten auch damals in densel-
ben Ländern über alle sowol christliche als heidnische Völker so stark die Ober-
hand, daß kaum einige in den Dörfern zu wohnen sich getraueten, sonderlich die
Letten. Diese liessen ihre Häuser wüste stehen, und suchten sich immer in den
Wäldern die finstersten Schlupfwinkel; doch auch so konten sie ihnen nicht ent-
wischen. Denn nach stetem Auflauren ergriffen sie selbige in dem Gehölze, machten
manche nieder, andere schlepten sie in ihr Land, und nahmen ihnen alle das Jhrige.
Auch so gar die Russen entzogen sich durch Wälder und Dörfer vor dem Gesichte
der Litthauer, wenn derselben gleich noch so wenig waren, wie das Wild fliehet
vor dem Angesicht der Jäger. Die Liven und Letten aber waren für die
Litthauer nur ein Maulvol, und ein Bissen, recht wie Schafe in den Rachen
der Wölfe, wenn sie ohne Hirten sind. Da nun GOtt einen guten und treuen
Hirten schickte, nemlich, den Bischof Albert, so erlösete er seine Schafe, die
schon getauften Liven und Letten aus dem Rachen dieser Wölfe. Der Bischof
ließ Leute aus allen Gränzen Lief- und Lettlands zusammen kommen, und fuhr
mit den Rigischen und Pilgern und allem Volke auf der Düne nach Kuke-
nois.
Und weil Gercike allen, die an der Düne wohnten, Getauften und Un-
getauften ein Falstrick und recht ein grosser Teufel war, auch der König von Ger-
cike
stete Feindschaft und Kriege gegen die Rigischen führte, und mit ihnen
Friede einzugehen abschlug; so rückte der Bischof mit seiner Armee vor die Stadt
Gercike. Die Russen aber, als sie die Armee von ferne kommen sahen, liefen
vor das Stadtthor, und da die Deutschen sie mit dem Degen in der Faust an-
griffen, und einige von ihnen tödteten: so ergriffen sie die Flucht, und befanden
sich nicht im Stande Gegenwehr zu thun. Die Deutschen eilten hinter ihnen
her, drungen zugleich mit ihnen ins Stadtthor, und erschlugen aus Hochachtung
des christlichen Namens nur wenige, machten aber viele zu Gefangenen, liessen sie
doch mit Fleiß wieder entwischen, verschonten nach Eroberung der Stadt, Wei-
ber und Kinder, und machten nur viele Gefangene. Der König entkam mit
vielen andern auf einem Fahrzeuge über die Düne, die Königin ward vest ge-
nommen, und mit ihren Jungfrauen und Damen und allem ihrem Vermögen vor
den Bischof gebracht. Also blieb denselben Tag die ganze Armee in der Stadt.
Sie samleten viele Beute, brachten aus allen Winkeln der Stadt Kleider, Sil-
ber, Purpur und viel Vieh zusammen, holten aus den Kirchen die Glocken, Bil-
der h), übrige Zierrathen, Geld und Gut mit Haufen, nahmen es mit sich weg,

und
Geſchichte des dritten Biſchof Alberts, eilftes Jahr,
1208
d) Des Biſchofs Bruder, als Probſt des Rigiſchen Domkapitels.
e) Stade etwan? Jch ſehe, daß auf ein Kloſter Auguſtinerordens gezielet werde; es
mag auch liegen wo es wolle. Jch zweifele aber, ob dieſe von Cranzen entlehnte Re-
densart einen Deckmantel meiner Unwiſſenheit abgeben koͤnne.
f) Die Feuersbrunſt in Riga wird beym Jahr 1213 n. 6. erzaͤhlet.
§. 4.

Wie es gegen den Herbſt ging, hielt der um die Befoͤrderung und Beſchuͤ-
tzung der Lieflaͤndiſchen Kirche allezeit bekuͤmmerte Biſchof einen Rath mit
ſeinen verſtaͤndigſten Maͤnnern, und uͤberſchlug ſorgfaͤltig, wie er die neuange-
legte Kirche vor den Nachſtellungen der Letten und Ruſſen frey behalten
moͤchte. Und da er an alle das Ungluͤck dachte, ſo der Koͤnig von Gerceke
mit den Litthauern der Stadt Riga, den Liven und Letten verurſachet:
ſo ward beſchloſſen, gegen die Feinde des chriſtlichen Namens ins Feld zu ruͤcken.
Denn der Koͤnig Wiſſewald von Gercike war ein Erbfeind der Chriſten, und
ſonderlich derer von der Lateiniſchen Kirche. Er hatte die Tochter eines vorneh-
men Litthauers geheirathet, und war gleichſam einer aus ihnen, nemlich, ihr
Schwiegerſohn, und ſehr vertrauter Freund, wie auch deswegen ihr oftmaliger
Heerfuͤhrer g). Er bewilligte ihnen nicht allein den freyen Paß uͤber die Duͤne,
ſondern er gab ihnen auch Lebensmittel, ſowol, wenn ſie nach Rußland, als
nach Lief- und Eſthland zogen. Die Litthauer hatten auch damals in denſel-
ben Laͤndern uͤber alle ſowol chriſtliche als heidniſche Voͤlker ſo ſtark die Ober-
hand, daß kaum einige in den Doͤrfern zu wohnen ſich getraueten, ſonderlich die
Letten. Dieſe lieſſen ihre Haͤuſer wuͤſte ſtehen, und ſuchten ſich immer in den
Waͤldern die finſterſten Schlupfwinkel; doch auch ſo konten ſie ihnen nicht ent-
wiſchen. Denn nach ſtetem Auflauren ergriffen ſie ſelbige in dem Gehoͤlze, machten
manche nieder, andere ſchlepten ſie in ihr Land, und nahmen ihnen alle das Jhrige.
Auch ſo gar die Ruſſen entzogen ſich durch Waͤlder und Doͤrfer vor dem Geſichte
der Litthauer, wenn derſelben gleich noch ſo wenig waren, wie das Wild fliehet
vor dem Angeſicht der Jaͤger. Die Liven und Letten aber waren fuͤr die
Litthauer nur ein Maulvol, und ein Biſſen, recht wie Schafe in den Rachen
der Woͤlfe, wenn ſie ohne Hirten ſind. Da nun GOtt einen guten und treuen
Hirten ſchickte, nemlich, den Biſchof Albert, ſo erloͤſete er ſeine Schafe, die
ſchon getauften Liven und Letten aus dem Rachen dieſer Woͤlfe. Der Biſchof
ließ Leute aus allen Graͤnzen Lief- und Lettlands zuſammen kommen, und fuhr
mit den Rigiſchen und Pilgern und allem Volke auf der Duͤne nach Kuke-
nois.
Und weil Gercike allen, die an der Duͤne wohnten, Getauften und Un-
getauften ein Falſtrick und recht ein groſſer Teufel war, auch der Koͤnig von Ger-
cike
ſtete Feindſchaft und Kriege gegen die Rigiſchen fuͤhrte, und mit ihnen
Friede einzugehen abſchlug; ſo ruͤckte der Biſchof mit ſeiner Armee vor die Stadt
Gercike. Die Ruſſen aber, als ſie die Armee von ferne kommen ſahen, liefen
vor das Stadtthor, und da die Deutſchen ſie mit dem Degen in der Fauſt an-
griffen, und einige von ihnen toͤdteten: ſo ergriffen ſie die Flucht, und befanden
ſich nicht im Stande Gegenwehr zu thun. Die Deutſchen eilten hinter ihnen
her, drungen zugleich mit ihnen ins Stadtthor, und erſchlugen aus Hochachtung
des chriſtlichen Namens nur wenige, machten aber viele zu Gefangenen, lieſſen ſie
doch mit Fleiß wieder entwiſchen, verſchonten nach Eroberung der Stadt, Wei-
ber und Kinder, und machten nur viele Gefangene. Der Koͤnig entkam mit
vielen andern auf einem Fahrzeuge uͤber die Duͤne, die Koͤnigin ward veſt ge-
nommen, und mit ihren Jungfrauen und Damen und allem ihrem Vermoͤgen vor
den Biſchof gebracht. Alſo blieb denſelben Tag die ganze Armee in der Stadt.
Sie ſamleten viele Beute, brachten aus allen Winkeln der Stadt Kleider, Sil-
ber, Purpur und viel Vieh zuſammen, holten aus den Kirchen die Glocken, Bil-
der h), uͤbrige Zierrathen, Geld und Gut mit Haufen, nahmen es mit ſich weg,

und
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[74/0106] Geſchichte des dritten Biſchof Alberts, eilftes Jahr, d⁾ Des Biſchofs Bruder, als Probſt des Rigiſchen Domkapitels. e⁾ Stade etwan? Jch ſehe, daß auf ein Kloſter Auguſtinerordens gezielet werde; es mag auch liegen wo es wolle. Jch zweifele aber, ob dieſe von Cranzen entlehnte Re- densart einen Deckmantel meiner Unwiſſenheit abgeben koͤnne. f⁾ Die Feuersbrunſt in Riga wird beym Jahr 1213 n. 6. erzaͤhlet. §. 4. Wie es gegen den Herbſt ging, hielt der um die Befoͤrderung und Beſchuͤ- tzung der Lieflaͤndiſchen Kirche allezeit bekuͤmmerte Biſchof einen Rath mit ſeinen verſtaͤndigſten Maͤnnern, und uͤberſchlug ſorgfaͤltig, wie er die neuange- legte Kirche vor den Nachſtellungen der Letten und Ruſſen frey behalten moͤchte. Und da er an alle das Ungluͤck dachte, ſo der Koͤnig von Gerceke mit den Litthauern der Stadt Riga, den Liven und Letten verurſachet: ſo ward beſchloſſen, gegen die Feinde des chriſtlichen Namens ins Feld zu ruͤcken. Denn der Koͤnig Wiſſewald von Gercike war ein Erbfeind der Chriſten, und ſonderlich derer von der Lateiniſchen Kirche. Er hatte die Tochter eines vorneh- men Litthauers geheirathet, und war gleichſam einer aus ihnen, nemlich, ihr Schwiegerſohn, und ſehr vertrauter Freund, wie auch deswegen ihr oftmaliger Heerfuͤhrer g⁾ . Er bewilligte ihnen nicht allein den freyen Paß uͤber die Duͤne, ſondern er gab ihnen auch Lebensmittel, ſowol, wenn ſie nach Rußland, als nach Lief- und Eſthland zogen. Die Litthauer hatten auch damals in denſel- ben Laͤndern uͤber alle ſowol chriſtliche als heidniſche Voͤlker ſo ſtark die Ober- hand, daß kaum einige in den Doͤrfern zu wohnen ſich getraueten, ſonderlich die Letten. Dieſe lieſſen ihre Haͤuſer wuͤſte ſtehen, und ſuchten ſich immer in den Waͤldern die finſterſten Schlupfwinkel; doch auch ſo konten ſie ihnen nicht ent- wiſchen. Denn nach ſtetem Auflauren ergriffen ſie ſelbige in dem Gehoͤlze, machten manche nieder, andere ſchlepten ſie in ihr Land, und nahmen ihnen alle das Jhrige. Auch ſo gar die Ruſſen entzogen ſich durch Waͤlder und Doͤrfer vor dem Geſichte der Litthauer, wenn derſelben gleich noch ſo wenig waren, wie das Wild fliehet vor dem Angeſicht der Jaͤger. Die Liven und Letten aber waren fuͤr die Litthauer nur ein Maulvol, und ein Biſſen, recht wie Schafe in den Rachen der Woͤlfe, wenn ſie ohne Hirten ſind. Da nun GOtt einen guten und treuen Hirten ſchickte, nemlich, den Biſchof Albert, ſo erloͤſete er ſeine Schafe, die ſchon getauften Liven und Letten aus dem Rachen dieſer Woͤlfe. Der Biſchof ließ Leute aus allen Graͤnzen Lief- und Lettlands zuſammen kommen, und fuhr mit den Rigiſchen und Pilgern und allem Volke auf der Duͤne nach Kuke- nois. Und weil Gercike allen, die an der Duͤne wohnten, Getauften und Un- getauften ein Falſtrick und recht ein groſſer Teufel war, auch der Koͤnig von Ger- cike ſtete Feindſchaft und Kriege gegen die Rigiſchen fuͤhrte, und mit ihnen Friede einzugehen abſchlug; ſo ruͤckte der Biſchof mit ſeiner Armee vor die Stadt Gercike. Die Ruſſen aber, als ſie die Armee von ferne kommen ſahen, liefen vor das Stadtthor, und da die Deutſchen ſie mit dem Degen in der Fauſt an- griffen, und einige von ihnen toͤdteten: ſo ergriffen ſie die Flucht, und befanden ſich nicht im Stande Gegenwehr zu thun. Die Deutſchen eilten hinter ihnen her, drungen zugleich mit ihnen ins Stadtthor, und erſchlugen aus Hochachtung des chriſtlichen Namens nur wenige, machten aber viele zu Gefangenen, lieſſen ſie doch mit Fleiß wieder entwiſchen, verſchonten nach Eroberung der Stadt, Wei- ber und Kinder, und machten nur viele Gefangene. Der Koͤnig entkam mit vielen andern auf einem Fahrzeuge uͤber die Duͤne, die Koͤnigin ward veſt ge- nommen, und mit ihren Jungfrauen und Damen und allem ihrem Vermoͤgen vor den Biſchof gebracht. Alſo blieb denſelben Tag die ganze Armee in der Stadt. Sie ſamleten viele Beute, brachten aus allen Winkeln der Stadt Kleider, Sil- ber, Purpur und viel Vieh zuſammen, holten aus den Kirchen die Glocken, Bil- der h⁾ , uͤbrige Zierrathen, Geld und Gut mit Haufen, nahmen es mit ſich weg, und

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Zitationshilfe: [Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/106>, abgerufen am 06.08.2020.