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Lindemann, Anna: Die Frauenstimmrechtsbewegung in Deutschland. Leipzig und Berlin, 1913.

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Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht. Schlesischer Verband
der Eintritt erschwert oder verschlossen gewesen sein würde. Es erwies
sich jedoch, daß die Unterschiede in der Auffassung hierdurch nicht ge-
nügend ausgeglichen waren.

Um nun die verschiedenen schon bestehenden Organisationen, die mit
Bezug auf die des zu erstrebenden Wahlrechtes nicht auf dem
Boden des Deutschen Verbandes stehen, zu einer Einheit zusammenzu-
fassen, deren Aufgabe insbesondere sein soll, auch die Frauen für das
Stimmrecht zu gewinnen, die sich nicht für den Kampf um das allge-
meine Wahlrecht festlegen wollen, wurde im Oktober 1911 die Deutsche
Vereinigung für Frauenstimmrecht
gegründet. Nach ihrer
Satzung schließt sie alle Frauenstimmrechtsverbände im Deutschen Reich
zusammen, die für das männliche und weibliche Geschlecht gleiche Staats-
bürgerrechte erstreben. Sie hat den Zweck, durch praktische und theo-
retische Arbeit das Verständnis für das Frauenstimmrecht zu fördern,
ohne ihre Mitglieder auf ein bestimmtes politisches Programm festzulegen.

Jn einer Eingabe an den Deutschen Handelstag hat die Vereinigung
für die Frauen die gleichen Rechte bei den Handelskammern gefordert,
wie die Männer sie haben. Jm Oktober 1912 wird sie unter Redaktion
von Jda Dehmel eine eigene Monatsschrift herausgeben. Vorsitzende
der Vereinigung ist Li Fischer-Eckert. Da die Vereinigung als solche
noch ganz jung ist, empfiehlt es sich, im Gegensatz zu der beim Deut-
schen Verband befolgten Methode, in der Hauptsache die Arbeit ihrer
drei Verbände zu würdigen.

Der Schlesische Verband wurde von Elsa Hielscher und Marie
Wegner 1908 in Breslau als Schlesischer Verein für Frauenstimmrecht
begründet und bestand damals aus der (noch jetzt diesem Verein ange-
schlossenen) Frauenstimmrechtsgruppe des Vereins Frauenwohl Breslau
und der selbständigen Frauenstimmrechtsgruppe Liegnitz. 1910 wurde
in Beuthen der Verein in einen Verband umgewandelt, 1912 in Lieg-
nitz gab er sich den Untertitel: zugleich Frauenstimmrechtsverband für
Ostdeutschland. Er umfaßt jetzt in 6 größeren und 5 kleineren Orts-
gruppen und als Einzelmitglieder an etwa 30 Orten im ganzen 800
Mitglieder. Nach seiner Satzung entsprechen seine Aufgaben und Ziele
mit Ausnahme der Forderung des allgemeinen Wahlrechtes denen des
Deutschen Verbandes. Seine Arbeit erstreckt sich auf die gleichen Ge-
biete. Besonders hervorzuheben ist die intensive Arbeit für das Ge-
meindewahlrecht, durch Petitionen verschiedenen Jnhalts, in den
Städten durch kommunalpolitische Ausschüsse, auf dem Lande durch Land-
gemeindekommissionen gefördert. Ebenso wie Minna Cauer in Char-
lottenburg hat Frau Elisabeth Hirsch in Liegnitz in einem durch alle

Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht. Schlesischer Verband
der Eintritt erschwert oder verschlossen gewesen sein würde. Es erwies
sich jedoch, daß die Unterschiede in der Auffassung hierdurch nicht ge-
nügend ausgeglichen waren.

Um nun die verschiedenen schon bestehenden Organisationen, die mit
Bezug auf die des zu erstrebenden Wahlrechtes nicht auf dem
Boden des Deutschen Verbandes stehen, zu einer Einheit zusammenzu-
fassen, deren Aufgabe insbesondere sein soll, auch die Frauen für das
Stimmrecht zu gewinnen, die sich nicht für den Kampf um das allge-
meine Wahlrecht festlegen wollen, wurde im Oktober 1911 die Deutsche
Vereinigung für Frauenstimmrecht
gegründet. Nach ihrer
Satzung schließt sie alle Frauenstimmrechtsverbände im Deutschen Reich
zusammen, die für das männliche und weibliche Geschlecht gleiche Staats-
bürgerrechte erstreben. Sie hat den Zweck, durch praktische und theo-
retische Arbeit das Verständnis für das Frauenstimmrecht zu fördern,
ohne ihre Mitglieder auf ein bestimmtes politisches Programm festzulegen.

Jn einer Eingabe an den Deutschen Handelstag hat die Vereinigung
für die Frauen die gleichen Rechte bei den Handelskammern gefordert,
wie die Männer sie haben. Jm Oktober 1912 wird sie unter Redaktion
von Jda Dehmel eine eigene Monatsschrift herausgeben. Vorsitzende
der Vereinigung ist Li Fischer-Eckert. Da die Vereinigung als solche
noch ganz jung ist, empfiehlt es sich, im Gegensatz zu der beim Deut-
schen Verband befolgten Methode, in der Hauptsache die Arbeit ihrer
drei Verbände zu würdigen.

Der Schlesische Verband wurde von Elsa Hielscher und Marie
Wegner 1908 in Breslau als Schlesischer Verein für Frauenstimmrecht
begründet und bestand damals aus der (noch jetzt diesem Verein ange-
schlossenen) Frauenstimmrechtsgruppe des Vereins Frauenwohl Breslau
und der selbständigen Frauenstimmrechtsgruppe Liegnitz. 1910 wurde
in Beuthen der Verein in einen Verband umgewandelt, 1912 in Lieg-
nitz gab er sich den Untertitel: zugleich Frauenstimmrechtsverband für
Ostdeutschland. Er umfaßt jetzt in 6 größeren und 5 kleineren Orts-
gruppen und als Einzelmitglieder an etwa 30 Orten im ganzen 800
Mitglieder. Nach seiner Satzung entsprechen seine Aufgaben und Ziele
mit Ausnahme der Forderung des allgemeinen Wahlrechtes denen des
Deutschen Verbandes. Seine Arbeit erstreckt sich auf die gleichen Ge-
biete. Besonders hervorzuheben ist die intensive Arbeit für das Ge-
meindewahlrecht, durch Petitionen verschiedenen Jnhalts, in den
Städten durch kommunalpolitische Ausschüsse, auf dem Lande durch Land-
gemeindekommissionen gefördert. Ebenso wie Minna Cauer in Char-
lottenburg hat Frau Elisabeth Hirsch in Liegnitz in einem durch alle

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[165/0008] Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht. Schlesischer Verband der Eintritt erschwert oder verschlossen gewesen sein würde. Es erwies sich jedoch, daß die Unterschiede in der Auffassung hierdurch nicht ge- nügend ausgeglichen waren. Um nun die verschiedenen schon bestehenden Organisationen, die mit Bezug auf die des zu erstrebenden Wahlrechtes nicht auf dem Boden des Deutschen Verbandes stehen, zu einer Einheit zusammenzu- fassen, deren Aufgabe insbesondere sein soll, auch die Frauen für das Stimmrecht zu gewinnen, die sich nicht für den Kampf um das allge- meine Wahlrecht festlegen wollen, wurde im Oktober 1911 die Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht gegründet. Nach ihrer Satzung schließt sie alle Frauenstimmrechtsverbände im Deutschen Reich zusammen, die für das männliche und weibliche Geschlecht gleiche Staats- bürgerrechte erstreben. Sie hat den Zweck, durch praktische und theo- retische Arbeit das Verständnis für das Frauenstimmrecht zu fördern, ohne ihre Mitglieder auf ein bestimmtes politisches Programm festzulegen. Jn einer Eingabe an den Deutschen Handelstag hat die Vereinigung für die Frauen die gleichen Rechte bei den Handelskammern gefordert, wie die Männer sie haben. Jm Oktober 1912 wird sie unter Redaktion von Jda Dehmel eine eigene Monatsschrift herausgeben. Vorsitzende der Vereinigung ist Li Fischer-Eckert. Da die Vereinigung als solche noch ganz jung ist, empfiehlt es sich, im Gegensatz zu der beim Deut- schen Verband befolgten Methode, in der Hauptsache die Arbeit ihrer drei Verbände zu würdigen. Der Schlesische Verband wurde von Elsa Hielscher und Marie Wegner 1908 in Breslau als Schlesischer Verein für Frauenstimmrecht begründet und bestand damals aus der (noch jetzt diesem Verein ange- schlossenen) Frauenstimmrechtsgruppe des Vereins Frauenwohl Breslau und der selbständigen Frauenstimmrechtsgruppe Liegnitz. 1910 wurde in Beuthen der Verein in einen Verband umgewandelt, 1912 in Lieg- nitz gab er sich den Untertitel: zugleich Frauenstimmrechtsverband für Ostdeutschland. Er umfaßt jetzt in 6 größeren und 5 kleineren Orts- gruppen und als Einzelmitglieder an etwa 30 Orten im ganzen 800 Mitglieder. Nach seiner Satzung entsprechen seine Aufgaben und Ziele mit Ausnahme der Forderung des allgemeinen Wahlrechtes denen des Deutschen Verbandes. Seine Arbeit erstreckt sich auf die gleichen Ge- biete. Besonders hervorzuheben ist die intensive Arbeit für das Ge- meindewahlrecht, durch Petitionen verschiedenen Jnhalts, in den Städten durch kommunalpolitische Ausschüsse, auf dem Lande durch Land- gemeindekommissionen gefördert. Ebenso wie Minna Cauer in Char- lottenburg hat Frau Elisabeth Hirsch in Liegnitz in einem durch alle

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Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-01-26T16:17:50Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-01-26T16:17:50Z)

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Zitationshilfe: Lindemann, Anna: Die Frauenstimmrechtsbewegung in Deutschland. Leipzig und Berlin, 1913, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lindemann_frauenstimmrechtsbewegung_1913/8>, abgerufen am 25.05.2019.